Politik

Wem gehört Schindlers Liste? Erbin verklagt Holocaust-Gedenkstätte

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Schindlers Liste ist ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte.

(Foto: dpa)

Sie ist eine der berühmtesten Listen der Welt: die Liste Oskar Schindlers mit den Namen Hunderter geretteter Juden. Nun tobt ein erbitterter Streit um das Dokument. Eine Schindler-Erbin zieht gegen die Gedenkstätte Yad Vashem vor Gericht.

Es ist eine bizarre Frage, die das Bezirksgericht in Jerusalem klären muss: Wem gehört Schindlers Liste? Jene 23 Seiten Papier vom April 1945, auf die der Industrielle Oskar Schindler 1098 Namen von ihm geretteter Juden notierte. Seit 15 Jahren liegt das Dokument in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als eines der wichtigsten zeitgeschichtlichen Dokumente. Doch die Nachlassverwalterin und Erbin von Schindlers Frau Emilie, Erika Rosenberg, fordert die Herausgabe der Liste. Am ersten Tag der Anhörung wurden zunächst Verfahrensfragen geklärt.

Der Streit ist lang und kompliziert. Spätestens seit Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" wurden das Dokument und mit ihm der sudetendeutsche Unternehmer weltberühmt. Schließlich stehen auf der Liste die Namen Hunderter Juden, die Schindler in seiner Emaillefabrik in Krakau arbeiten ließ - und die er auf diese Weise vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten bewahrte.

Die von ihm geretteten Juden dankten es ihm auf außerordentliche Weise: "Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt", ließen sie in einen Ring eingravieren, den sie ihm im Mai 1945 schenkten. Und auch in Israel zeigten sich die Überlebenden dankbar. 1962 durfte der inzwischen völlig verarmte Schindler in Yad Vashem einen Baum in der "Allee der Gerechten unter den Völkern" pflanzen. Bis zu seinem Tode 1974 lebte er eine Hälfte des Jahres in Frankfurt, die andere Hälfte bei von ihm geretten Juden in Israel, wo er auch am Berg Zion in Jerusalem begraben liegt.

Seine berühmte Liste wurde erst 1999 in einem Koffer auf dem Dachboden der Wohnung seiner letzten Geliebten Annemarie Staehr in Hildesheim gefunden. Journalisten der "Stuttgarter Zeitung" deckten den Nachlass auf und ließen ihn im Bundesarchiv in Koblenz sichten. Anschließend übergaben sie den spektakulären Fund der Gedenkstätte Yad Vashem. Dies sei der persönliche Wunsch Schindlers gewesen, sagte eine Bekannte, die namentlich nicht genannt werden will, dem NDR. In der Gedenkstätte selbst sieht man das genauso und beruft sich auf einen Brief Schindlers aus den 1950er-Jahren.

25.000 DM für die Witwe

Schindlers Witwe Emilie, die schon Jahre vor seinem Tod von ihm getrennt in Argentinien lebte und selbst 1994 als "Gerechte unter den Völkern" in Israel geehrt wurde, war offenbar anderer Meinung. Als rechtmäßige Erbin verlangte sie 1999 die Herausgabe des Koffers. Doch sie erhielt nur Kopien der Dokumente und - nach einem Vergleich - 25.000 DM von der "Stuttgarter Zeitung". Der Koffer blieb in Yad Vashem.

Nach dem Tod der Witwe im Jahr 2001 wurde die Schindler-Biografin Erika Rosenberg, die ebenfalls in Argentinien lebt, Schindlers Nachlassverwalterin. "Emilie bat mich, um die Dokumentation zu kämpfen, und hat mir alle Rechte übertragen", sagte die 63-Jährige dem "Focus". Sie wolle das Dokument gerne einem deutschen Museum zur Verfügung stellen, erklärt sie der "Süddeutschen Zeitung" und streitet jedes finanzielle Interesse ab, auch wenn klar ist: Schindlers Liste ist Millionen wert.

Laut Rosenberg ist der Koffer - und mit ihm die berühmte Liste - unrechtmäßig nach Yad Vashem gelangt. Ihr zufolge hat Schindlers Geliebte Staehr den Koffer nach dessen Tod aus Schindlers Wohnung gestohlen. Die Gegenseite weist dies zurück, Schindler habe den Staehrs den Koffer geschenkt, so deren Fassung. Und in einem offiziellen Statement der Gedenkstätte in Jerusalem heißt es: "Yad Vashem hat die Papiere rechtens erhalten". Emilie Schindler habe nie nach den Unterlagen in der Gedenkstätte gefragt - was wiederum Rosenberg bestreitet. Mehrmals habe Emilie Schindler um die Herausgabe der Liste gebeten, meint sie.

Diese verschiedenen Versionen der Vergangenheit werden nun das Gericht beschäftigen. Rosenberg zeigt sich nüchtern, was ihre Erfolgsaussichten angeht. "Ich weiß, dass meine Chancen nicht gut sind, aber es geht um Gerechtigkeit", sagt sie. Immerhin, einen Erfolg hat sie schon erzielt: Das Jerusalemer Landgericht hat es abgelehnt, ihre Klage fallenzulassen. Und selbst wenn sie nun den Prozess in Israel verliert, will sie nicht aufgeben. Im Zweifel, so kündigt sie jetzt schon an, gehe sie bis zum Internationalen Gerichtshof nach Den Haag.

Quelle: ntv.de

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