Politik
Erdogan (l.) stellt in Paris kritische Fragen.
Erdogan (l.) stellt in Paris kritische Fragen.(Foto: REUTERS)
Freitag, 31. Oktober 2014

"Wird nur von Kobane gesprochen": Erdogan kritisiert westliche Strategie

Alle reden von Kobane. Das nervt den türkischen Präsidenten Erdogan. Er fragt sich, warum nicht auch andere vom IS bedrohte Städte bombardiert werden. Frankreichs Präsident Hollande gibt ihm Recht. Der IS erhält derweil weiter Zustrom aus dem Ausland.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat dem Westen vorgeworfen, sich im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat auf die nordsyrische Stadt Kobane zu beschränken. Es stelle sich die Frage, warum Luftangriffe auf die Islamisten in Kobane geflogen würden und nicht in anderen Städten und syrischen Gebieten, sagte Erdogan in Paris nach einem Treffen mit Frankreichs Staatschef François Hollande.

"Es wird nur von Kobane gesprochen, das an der türkischen Grenze liegt", sagte Erdogan. Dabei hätten die meisten Menschen die Stadt inzwischen verlassen, es gebe dort nur noch "2000 Kämpfer". "Warum wird die Stadt Kobane fortlaufend bombardiert? Warum nicht auch andere Städte wie Idlib? Dieses Vorgehen ist nur schwer zu verstehen", sagte der türkische Präsident.

Peschmerga warten noch in Türkei

Bilderserie

Die nordsyrische Grenzstadt Kobane, wo sich kurdische Kämpfer und Islamisten erbitterte Gefechte liefern, ist zu einem Symbol im Kampf gegen den IS geworden. Zuletzt hatte die türkische Regierung irakischen Peschmerga-Milizionären erlaubt, die Grenze zu passieren, um gegen die Islamisten zu kämpfen. Die Peschmerga-Kämpfer warteten allerdings weiter nahe der türkischen Grenzstadt Suruc auf ihren Einsatz in Syrien. Zunächst war nur eine Vorhut nach Syrien gelangt, um den Einsatz mit den dort bereits kämpfenden Kurden abzusprechen. Eine von den USA angeführte westliche Koalition hat zudem ihre Luftangriffe gegen die Islamisten in der Stadt verstärkt.

"Herr Erdogan hat Recht, es gibt nicht nur Kobane", sagte Hollande bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Paris. "Es gibt andere Städte, die vom IS bedroht werden." Eine "Schlüsselstadt" sei Aleppo, die zweitgrößte syrische Stadt. Doch auch wenn die Bevölkerung Kobane verlassen habe, sei es wichtig, dass neue Kämpfer in die Stadt gelangten, sagte Hollande. "Was das angeht, haben wir Vertrauen in die Türkei."

Die Türkei war zuletzt international kritisiert worden, nicht mehr zur Unterstützung Kobanes zu tun. Erdogan verlangt, dass sich der Westen auf den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad konzentrieren sollte.

IS lockt viele Kämpfer an

Die Vereinten Nationen warnen derweil einem Bericht zufolge vor einem nie dagewesenen Zustrom ausländischer Kämpfer zum IS und ähnlichen Gruppen. 15.000 Männer und Frauen aus mehr als 80 Ländern seien nach Syrien und in den Irak gezogen, um für Terroristen zu kämpfen, zitierte der britische "Guardian" aus einem UN-Papier.

"Die Zahlen seit 2010 übertreffen nun um ein Mehrfaches die Summe der ausländischen terroristischen Kämpfer zwischen 1990 und 2010 - und wachsen weiter", heiße es dort. Eine Liste der Länder, aus denen die Dschihadisten kommen, enthalte das Papier nicht. Es gebe aber Beispiele von Kämpfern aus Frankreich, Russland und Großbritannien, die gemeinsam handelten. Der IS habe allein vom Lösegeld für entführte Geiseln inzwischen ein Geldpolster von 45 Millionen US-Dollar angespart, heißt es laut "Guardian" in dem Papier.

Den rasanten Zulauf zu Gruppen wie dem besonders radikalen IS führen die Vereinten Nationen auch auf den schwindenden Einfluss des Terrornetzwerks Al-Kaida zurück. Während die dogmatische Kommunikation Al-Kaidas potenzielle Rekruten eher abschrecke, greife der IS auf effizientere Methoden wie soziale Netzwerke zurück. Eine neue Art ausländischer Kämpfer fühle sich davon angesprochen.

Auch aus Deutschland und zahlreichen weiteren europäischen Ländern reisen militante Extremisten in die Krisenregion. Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf US-Geheimdienstbeamte, mehr als tausend ausländische Kämpfer reisten pro Monat nach Syrien.

Quelle: n-tv.de