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Türkischer Minister in Berlin Erdogan schickt seinen loyalen Kronprinzen

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Der Durchstarter Albayrak hat keinen einfachen Job. Schwiegervater Erdogan lässt seinem jungen Finanzminister wenig Freiraum.

(Foto: AP)

Ende September kommt der türkische Präsident nach Deutschland. Sein Schwiegersohn ist schon heute da. Zum Vorbereiten - und zum Lernen. Berat Albayrak gilt als auserwählter Nachfolger Erdogans.

Eines Tages wird auch der mächtige Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, sein Amt aufgeben. Und dann? Es ist kein Geheimnis, wem Erdogan die Verantwortung für sein Reich übergeben will. "Alles deutet darauf hin, dass der Präsident Berat Albayrak als Nachfolger auserwählt hat", sagt Hans-Georg Fleck vom Türkei-Büro der Friedrich Naumann Stiftung n-tv.de. "Einflussreiche Leute aus der Wirtschaft sind bei der Neuaufstellung der Regierung einfach verschwunden. Aus der ersten Reihe ist nur Albayrak geblieben."

Zu den "Verschwundenen" gehören Männer wie der frühere Finanzminister Mehmet Simsek - bis vor Kurzem einer der wenigen in der Staatsführung, die es noch wagten, öffentlich von Erdogans Linie abzuweichen. Der Präsident hat seinen inneren Zirkel nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Sommer vor allem nach einem Prinzip umgebaut: der Loyalitäts-Maximierung. Und Berat Albayrak, der Schwiegersohn Erdogans, ist da kaum zu übertrumpfen.

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Hochzeit von Albayrak mit Esra Erdogan im Jahr 2004.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

An diesem Freitag wird es deshalb auch Albayrak sein, der eine türkische Delegation nach Berlin anführt. Unterordnen müssen sich Handelsministerin Ruhsar Pekcan und Energieminister Fatih Dönmez. Albayrak hat seinen mittelfristigen Wirtschaftsplan dabei, den er am Donnerstag vorgestellt hat. Die Delegation bereitet mit ihren deutschen Kollegen, Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier, aber vor allem den umstrittenen Deutschland-Besuch Erdogans vor. Der Präsident wird am 28. September mit allen Ehren in Berlin empfangen - trotz der offensichtlichen Defizite der Türkei bei Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Am 29. September wird er eine Moschee in Köln eröffnen. Dabei handelt es sich ausgerechnet um eine Einrichtung des religiösen Dachverbands Ditib, der sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, unter allzu starkem Einfluss Ankaras zu stehen. Die deutschen Erdogan-Kritiker formieren sich bereits und rufen zu Demonstrationen auf.

Für Albayrak sind dies lehrreiche Tage. Nach den Gesprächen mit Scholz und Altmaier in Berlin stellt er sich am Abend einer offenen Fragerunde. Die Hauptstadtpresse wird die Gelegenheit kaum verstreichen lassen, an ihre inhaftierten Kollegen in der Türkei zu erinnern. Als gesetzt gelten auch Fragen über die Finanz- und Wirtschaftskrise in der Türkei und die vertrackte Lage in Syrien. Eine gewaltige Herausforderung für den 40 Jahre alten Politik-Neuling.

Beim Putsch war Albayrak an Erdogans Seite

Albayrak kam 1978 in Istanbul zur Welt, als Sohn einer einflussreichen Familie, die aus der Schwarzmeer-Region zugewandert ist. Um die Jahrtausendwende studierte Albayrak Betriebswirtschaftslehre in Istanbul und New York. In dieser Zeit fing er auch an, für den riesigen türkischen Mischkonzern Calik Holding zu arbeiten. Dort legte er eine Blitzkarriere hin. Im Alter von 29 Jahren wurde er Geschäftsführer. Albayrak sei nicht der große Volkswirt, sagt Türkei-Experte Fleck. "Aber er hat eine solide Ausbildung in den USA genossen, spricht gut Englisch und gilt als guter Unternehmer."

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Offensichtlich vertraut: Erdogan und Albayrak bei einem Fußballspiel.

(Foto: AP)

Entscheidend für das Vertrauen Erdogans in Albayrak dürften aber auch nicht die fachlichen Kompetenzen, sondern die persönlichen Verflechtungen der beiden sein. Während seiner Zeit in den USA lernte Albayrak Esra Erdogan kennen, die älteste Tochter des Präsidenten. 2004 heirateten die beiden. Mittlerweile haben sie drei Kinder. Erdogan dürfte sich über diesen Schwiegersohn gefreut haben. Denn mit dessen Vater, dem konservativen Journalisten und Buchautor Sidak Albayrak, ist er schon lange befreundet.

2013 stieg Albayrak Junior aus der Unternehmeswelt aus. Auf seine wirtschaftliche Blitzkarriere folgte die politische. 2015 zog er für Erdogans AKP in das türkische Parlament ein. Wenig später bekam er den Posten des Energieministers, ein Schlüsselressort in der türkischen Politik. In der Nacht des Putschversuches war Albayrak mit Erdogan an der Ägäis-Küste. Er erlebte die dramatischen Stunden, in denen ein Attentat auf den Präsidenten drohte. Diese Nacht dürfte die beiden weiter zusammengeschweißt haben. Mittlerweile ist Albayrak Finanzminister und damit nach Erdogan der wichtigste Mann im Staate. Vor allem angesichts der Währungskrise.

"Er kann in die Rolle des Staatsführers hineinwachsen"

Seiner ersten großen Prüfung in diesem Amt musste Albayrak sich schon stellen. Dabei bewies er vor allem eines: seine unbedingte Loyalität. Mitte August fiel es Albayrak zu, die Finanzwelt davon zu überzeugen, dass die Türkei wieder aus der Lira-Krise kommt. Er ließ die Analysten und Investoren eine halbe Stunde auf seine Präsentation ein "neues ökonomisches Modells" warten. Denn Schwiegervater Erdogan hielt im ostanatolischen Bayburt zeitgleich noch eine Rede, die live vom Staatsfernsehen übertragen wurde. Albayrak ließ Erdogan den Vortritt.

Auch inhaltlich gab sich Albayrak loyal. Erdogan vertritt die unorthodoxe Theorie, dass höhere Zinsen zu höherer Inflation führen und niedrige Zinsen zu niedriger Inflation. Albayrak gilt eigentlich als Vertreter der klassischen Lehre und versucht, so heißt es zumindest, durchaus mit seinem Schwiegervater darüber zu sprechen. Bei seinem Auftritt vor Investoren widersprach er Erdogan trotzdem nicht. Er geriet sichtlich ins Schwitzen, als er sich eine Stunde lang von einem vagen Lippenbekenntnis zum nächsten hangelte. Die Investoren konnte Albayrak so nicht überzeugen, offensichtlich aber seinen Schwiegervater.

Ob Albayrak eines Tages wirklich auf Erdogan folgt, hänge maßgeblich von der politischen Lage in der Türkei zu der Zeit ab, schränkt Türkei-Kenner Fleck ein. Die politische Expertise, davon ist er überzeugt, kann sich der Durchstarter aber noch aneignen. "Für Albayrak sind dies Lehrjahre", sagt Fleck. "Er kann in die Rolle des Staatsführers hineinwachsen."

Kristian Brakel, Leiter des Istanbuler Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, ist da skeptisch. "Ich bezweifle, dass Albayrak das Potenzial hat", sagt Brakel. "Er hat nicht das nötige Charisma und ihm fehlt die Beliebtheit im Volk. Albayrak gilt als elitär, neureich und abgehoben." Brakel glaubt überdies, dass ihm auch der Rückhalt in der Regierungspartei AKP fehlt.

In der Partei stößt einigen auf, dass Albayrak auf der familiären Überholspur an ihnen vorbeizieht. Besonders prominent sind die gemutmaßten Animositäten zwischen dem Schwiegersohn und Innenminister Süleyman Soylu. Fernsehbilder von einer Zeremonie in Ankara von Anfang August zeigen, wie Soylu Albayrak mit einem breiten Grinsen im Gesicht anrempelt. Albayrak ignoriert den Affront, er geht weiter, ohne den Innenminister eines Blickes zu würdigen. Vielleicht steht genau das dafür, was Albayrak in der AKP droht, wenn Erdogan abdankt. Der Türkei-Kenner Brakel warnt allerdings: "Was Albayrak an Charisma abgeht, könnte er durch autoritäres Durchgreifen kompensieren."

Ein paar Jahre Zeit bleiben Albayrak wohl noch, bis sich seine Zukunft in der Türkei entscheidet. Erdogan wird es sich nicht nehmen lassen, das 100. Jubiläum der Republikgründung im Jahr 2023 als Präsident zu feiern. Und er hält es sich offen, bis 2029 im Amt zu bleiben.

Quelle: n-tv.de

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