Politik
Freitag, 22. September 2017

Türkischer Präsident in den USA: Erdogans Anhänger schlagen wieder zu

Von Issio Ehrich

Während Recep Tayyip Erdogans jüngstem US-Besuch kommt es wieder zu Gewalt. Friedliche Demonstranten müssen Schläge ins Gesicht einstecken. Unklar ist, wie sehr die Sicherheitsleute des türkischen Präsidenten mitgemischt haben.

Für Kenneth Roth ist die Sache klar, und er hat eine eingängige Erklärung für die Gewaltbereitschaft der Leibwächter des türkischen Präsidenten. Der Direktor von Human Rights Watch schreibt bei Twitter: "Erdogans Bodyguards sind so daran gewöhnt, Demonstranten zu verprügeln, dass sie bei einem Besuch in den USA nicht einfach damit aufhören können."

Während des jüngsten Amerika-Besuchs von Recep Tayyip Erdogan ist es wieder zu Gewalt gekommen, und Erdogans Garde spielt wieder eine Rolle dabei. Wie tief sie darin verwickelt ist, friedliche Protestierende mundtot zu machen, ist allerdings noch nicht restlos aufgeklärt.

Erdogan reiste wegen der UN-Vollversammlung in die USA. Am Donnerstag nutzte er die Gelegenheit, auch vor dem Turkish American National Steering Committee zu sprechen, einer amerikanisch-türkischen Wirtschaftsvereinigung.

Mehrere Amerikaner protestierten in der Zuschauermenge gegen Erdogan. Das ist in mehreren Videoclips zu sehen, die im Netz kursieren. In einem steht ein Demonstrant auf einem Stuhl und ruft: "Terrorist, du bist ein Terrorist, verschwinde aus unserem Land." Der Mann trägt wahrscheinlich - ganz klar ist es nicht zu erkennen - ein T-Shirt mit dem Konterfei Abdullah Öcalans, dem Chefs der auch in Deutschland verbotenen PKK. Er wird vom Stuhl geschubst, dann verschwindet er in einem Pulk aus Männern in schwarzen Anzügen. In einem anderen Clip ist zu sehen, wie diese versuchen, ihn aus dem Saal zu bugsieren. Sie gehen dabei keinesfalls zimperlich vor, sie zerren und schubsen. Ein weiterer Mann im dunklen Anzug kommt dazu. Es ist deutlich zu erkennen, wie er dem Protestierenden mit mehreren Faustschlägen am Kopf trifft. In einem anderen Clip ist zu sehen, wie sich Anhänger Erdogans auf einen Demonstranten stürzen und auf ihn einprügeln - teils mit türkischen Flaggen.

Der türkische Präsident unterbricht seine Rede und versucht, die Lage zu beruhigen - auf seine eigene Art: "Meine Freunde, meine Freunde ... lasst uns nicht zulassen, dass diese ganze Veranstaltung ein paar Terroristen zum Opfer fällt", sagt er.

Kritik an Erdogan ist gefährlich

Erdogans Leibwächter schlagen wieder zu - nicht nur Human-Rights-Watch-Direktor Roth sieht das so, sondern auch türkische Aktivisten und Medienberichten zufolge auch Augenzeugen im Saal. Wie sehr Erdogans Personal in die Gewalt verwickelt ist, ist bei einem genaueren Blick auf das Videomaterial aber nicht eindeutig.

Sie schubsen und zerren, das ist keine Frage. Aber auch Schläge und Tritte? In einem Clip wirkt es so, als ob zumindest einige der Bodyguards eher darum bemüht sind, einen Demonstranten vor Prügel zu schützen. Das Webportal patch.com befragte eigenen Angaben zufolge die Managerin des Hotels am Time Square, in dem Erdogans Auftritt stattfand. Diese sagt, dass es sich bei den Männern in schwarzen Anzügen eindeutig um "Erdogans Männer" gehandelt habe, sie seien "vom Kunden angeheuert worden, nicht vom Hotel". Doch auch die Hotel-Sprecherin kann nicht sicher sagen, dass diese auch zugeschlagen hätten.

Wäre Erdogans Garde nur darum bemüht gewesen, friedliche Demonstranten aus dem Saal zu schubsen, wäre das zwar auch kein Beleg für ein großes Bewusstsein für die Meinungsfreiheit, für ihre Verhältnisse aber wäre es ein Fortschritt.

Im Mai prügelten Sicherheitsleute Erdogans vor dem Sitz des türkischen Botschafters in Washington Demonstranten blutig. Es gab zwölf Verletzte. Erdogan selbst beobachtete die Szene aus sicherer Entfernung. Die Empörung war international groß. Gut ein Jahr zuvor schubsten Erdogans Bodyguards ebenfalls Demonstranten und Reporter in Washington herum.

Unabhängig davon, wie weit Erdogans Sicherheitsleute im jüngsten Fall gegangen sind, um friedliche Protestierende außer Hörreichweite zu bringen - eines ist nach diesem Vorfall offensichtlicher denn je. Kritik am türkischen Präsidenten ist gefährlich. Denn selbst, wenn das Sicherheitspersonal im Ausland nun vorsichtiger vorgehen sollte, allzu viele Anhänger Erdogans tun dies nicht.

Quelle: n-tv.de

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