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Todesschuss auf Walter Lübcke Ermittler gehen Morddrohungen nach

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Polizisten suchen in Tatortnähe nach Spuren.

(Foto: REUTERS)

Warum musste Walter Lübcke sterben? Sicher ist bislang nur: Der Kasseler Regierungspräsident kommt durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe zu Tode. Die Polizei hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung. Der Spitzenbeamte soll Morddrohungen bekommen haben.

Nach dem tödlichen Schuss auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke dauern die Ermittlungen an. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen gestützt auf erste Erkenntnisse von einem Verbrechen aus, haben aber noch keine konkreten Hinweise auf das Motiv oder den Täter. Der 65-jährige CDU-Politiker war in der Nacht zum Sonntag von einem Angehörigen mit einer Schusswunde am Kopf auf der Terrasse seines Wohnhauses in der Ortschaft Wolfhagen-Istha gefunden worden.

Ersten Ermittlungsergebnissen zufolge starb er durch einen Schuss in den Kopf, der offenbar aus einer "Kurzwaffe" aus nächster Nähe abgefeuert wurde. Hinweise auf einen Suizid gibt es laut Polizei und Staatsanwaltschaft nicht. Von der Tatwaffe fehlt jede Spur. Dass es sich um eine Handfeuerwaffe - und nicht etwa um ein Gewehr - gehandelt haben muss, konnten Experten der Gerichtsmedizin offenbar anhand der Schusswunde ableiten. Eine 20-köpfige Sonderkommission unter Leitung des hessischen Landeskriminalamts (LKA) wurde eingesetzt, um die Tat aufzuklären. Auch das Bundeskriminalamt hilft bei der Auswertung von Spuren am Tatort.

Ermittelt wird wegen eines Tötungsdelikts in alle Richtungen, eine heiße Spur gibt es bislang noch nicht. Ob die Tat tatsächlich als Mord eingestuft werden muss, ist ebenfalls noch vollkommen unklar. Solange der Täter und das Tatmotiv nicht feststehen, bleibt diese Frage ungeklärt.

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Die Ermittler baten bei der Suche nach Hinweisen die Öffentlichkeit um Mithilfe: Mögliche Zeugen wurden gebeten, sich per Mail oder Telefon bei der Polizei zu melden. Lübckes Wohnort Istha zählt weniger als 1000 Einwohner. In dem ländlich geprägten Stadtteil von Wolfhagen rund 20 Kilometer westlich von Kassel könnten Anwohner etwa ortsfremde Fahrzeuge oder ungewöhnliche Aktivitäten bemerkt haben.

Morddrohungen aus der Vergangenheit?

Oberstaatsanwalt Horst Streiff sagte bei einer Pressekonferenz auf die Frage, ob die Tat in Zusammenhang mit früheren Morddrohungen gegen Lübcke wegen dessen Haltung zu Flüchtlingen stehen könnte, dass es dazu bislang keine Erkenntnisse gebe. Einzelheiten, etwa zur Tatwaffe, wollen die Behörden aus ermittlungstaktischen Gründen vorerst nicht bekannt geben.

Da es sich bei Walter Lübcke zweifelsfrei um eine Person des öffentlichen Lebens handelt, zog das Landeskriminalamt in Wiesbaden früh die Ermittlungen an sich. Der 65-jährige CDU-Politiker saß von 1999 bis 2009 als Abgeordneter im hessischen Landtag. In seiner Funktion als Regierungspräsident war Lübcke in mehrere kontrovers diskutierte Themen der regionalen Politik eingebunden.

Zuständig auch für Aufnahme von Flüchtlingen

2015 etwa musste sich der Regierungspräsident gegen Schmährufe zur Aufnahme von Flüchtlingen wehren. Auf Anfeindungen bei einer Bürgerversammlung sagte er einmal, es lohne sich, in Deutschland zu leben und für die hiesigen Werte einzutreten. "Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen (...). Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen."

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LKA-Chefin Sabine Thurau und der leitende Oberstaatsanwalt Horst Streiff (v.l.)

(Foto: picture alliance/dpa)

Lübcke hatte als politischer Spitzenbeamter zehn Jahre lang das Regierungspräsidium Kassel geleitet, eine Verwaltungsbehörde auf mittlerer Ebene zwischen dem Land Hessen und seinen Gemeinden. Als Regierungspräsident war Lübcke 2015 auch für die Einrichtung von Erstaufnahmelagern für Flüchtlinge zuständig.

Lübcke war ausgebildeter Bankkaufmann. Er war 1982 Pressesprecher der Kasseler Weltkunstausstellung documenta und promovierte schließlich in Kassel im Fach Wirtschaftswissenschaften zum "Sozialismus zwischen Utopie und Pragmatismus". In die CDU trat er 1986 ein, engagierte sich als Abgeordneter in der Landespolitik, ehe er 2009 auf den Chefstuhl des Regierungspräsidiums Kassel wechselte.

CDU, Landesregierung und Regierungspräsidium reagierten bestürzt auf den Tod Lübckes. Er habe "völlig zu Recht ein außerordentliches Ansehen über Parteigrenzen hinweg", erklärten in Kassel und Wiesbaden auch die Grünen, die in Hessen gemeinsam mit der CDU regieren.

Quelle: n-tv.de, bad/dpa/AFP

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