Politik

Was denkt die SPD-Basis? "Es fehlt der Funke"

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Trotz Vertrauensvorschuss: Wirkliche Euphorie kommt bei der Rede von Walter-Borjans und Esken nicht auf.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auf dem Bundesparteitag übt sich die SPD in Optimismus. Die neuen Hoffnungsträger heißen Esken und Walter-Borjans. Sie würden die gebeutelte Partei in eine bessere Zukunft führen, sagen viele Mitglieder. Doch das Vertrauen teilen nicht alle - im Gegenteil.

"Klare Kante", "Solidarität" und "sozialdemokratische Inhalte" sind die Kampfbegriffe, mit denen die SPD "in die neue Zeit" starten will. Auf dem Bundesparteitag schallen die Worte immer wieder durch die Betonhallen der Berliner Messe. Der Wunsch nach einem Neuanfang ist in der gebeutelten Partei groß. Ihre neuen Hoffnungsträger: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Auch wenn sich das Duo aus dem linken Lager beim Mitgliederentscheid nur knapp durchsetzen konnte, ist von Zerrissenheit an diesem Wochenende kaum etwas zu spüren. Zu groß ist der Wunsch, als Partei wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Doch Euphorie bricht auch nicht aus.

Die Basis und die Delegierten sind sich einig: Es müsse wieder um sozialdemokratische Inhalte gehen und nicht darum, ob die SPD an der Regierung beteiligt ist oder nicht. "Wir müssen uns überlegen, was unsere Visionen der nächsten Jahre sind. Das haben wir in den vergangenen Jahren viel zu wenig getan", sagt Michael Schmidt, Delegierter aus Sachsen.  

Gleichzeitig ist die Wahl der neuen Parteiführung eine Richtungsentscheidung. Esken und Walter-Borjans punkteten bei viele Mitgliedern vor allem mit ihrer lauten Kritik an der Großen Koalition. Doch der Schlachtruf "Nikolaus ist GroKo-Aus" erklingt auf dem Parteitag nicht mehr. Vom Wunsch eines radikalen Ausstiegs aus der Großen Koalition ist die Forderung nach Nachverhandlungen mit der Union geworden. Enttäuschung deswegen gibt es bei der Basis kaum auf dem Parteitag, obwohl viele gerade aus diesem Grund dem Team aus Esken und Walter-Borjans ihre Stimme gegeben haten.

"In den vergangenen Monaten stand doch gar nicht mehr wirklich zur Debatte, dass es heute zum großen Knall kommen wird", sagt Julian Dreier. An so eine Entscheidung müsse man eh mit Bedacht herangehen. "Wir sollten nicht überstürzt aussteigen. Da hätten wir auch nichts gewonnen."

"Keine charismatischen Führungspersönlichkeiten"

Einen radikalen GroKo-Ausstieg fordern selbst entschiedene Gegner des Bündnisses nicht mehr. "Ich finde den neuen Fahrplan nicht schlecht", sagt Jonas Littmann, selbsterklärter GroKo-Gegner. Das läge vor allem daran, dass er im Gegensatz zu den bisherigen Parteiführungen der neuen Doppelspitze vertraue, die richtige Entscheidung zu treffen. "Wenn die Union erst gar nicht nachverhandeln will, ist das allein schon der Grund auszutreten", sagt Littmann.

Der Vertrauensvorschuss spiegelt sich auch in dem Wahlergebnis des Duos wieder: Esken und Walter-Borjans werden mit großer Mehrheit auf den Chefposten gewählt. "Sie geben eine klare Richtung vor und überzeugen mit sachlichen Ton", sagt Maximilian Oehl. "Esken und Walter-Borjans sind glaubwürdig in dem, was sie tun." Ihnen werde der Spagat gelingen, die Massen zusammenzuführen, glaubt er. 

Doch trotz der optimistischen Aufbruchsstimmung kommt während der Reden von Esken und Walter-Borjans keine wirkliche Euphorie auf. Und auch nach ihrer Wahl verhallt der zunächst lebhafte Applaus bereits nach wenigen Minuten. "Sie haben zwar die richtigen Akzente gesetzt, aber sie waren nicht mitreißend", resümiert ein Delegierter. Seinen Namen will er nicht nennen. Beide seien gute, gestandene Politiker, aber keine "charismatischen Führungspersönlichkeiten", die die Partei so dringend gebraucht hätte. "Es fehlt einfach der Funke."  Einen Gerhard Schröder von 1998 würde die Partei jetzt brauchen, sagt das SPD-Mitglied. "Leider haben wir so jemanden nicht."

"Ich hätte mir ein jüngeres und dynamischeres Duo gewünscht", sagt eine Delegierte aus Niedersachsen, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Zwar findet sie Themensetzung gut, hat aber eindeutigere Positionen vermisst. "Wir brauchen einen klaren Schnitt, sonst dreht sich das GroKo-Rad immer weiter", sagt sie. Ihre Hoffnung ist, dass sich die neue Führungsspitze schnell von dem Partei-Establishment im Willy-Brandt-Haus und auch in der Regierung emanzipiert. "Ich bin allerdings skeptisch, dass den beiden das gelingen wird", sagt die niedersächsische Delegierte.

Quelle: ntv.de