Politik
Vorbereitungen für den Pasta-Tag
Vorbereitungen für den Pasta-Tag(Foto: Ehrich)
Sonntag, 05. November 2017

Vom Überleben und Leben an Bord: Es gibt Wasserreis und "gesprengtes Huhn"

Von Issio Ehrich

Ohne Mampf kein Kampf, heißt es an Bord des Kriegsschiffes "Mecklenburg-Vorpommern". Die Kombüse versorgt die Besatzung gern mit deftiger Kost. Wenn plötzlich 300 hungrige Flüchtlinge auf dem Flugdeck sitzen, wird es tragisch.

Was ist bloß los mit dieser Frau? Sie fuchtelt mit dem Löffel vor dem Mund ihres Sohnes herum. Und sie schreit. "Iss das, iss das jetzt!" Das Kinn des Jungen zittert, eine Träne kullert seine Wange herunter. Doch sie hört nicht auf. "Iss das jetzt!"

Was ist mit dieser Frau los? Ihre Stimme klingt so zornig. Doch wer sie sich genau anschaut, vergisst ihr Geschrei. Ihr Gesicht ist, wie von einem Ekzem überzogen, von Verzweiflung gezeichnet.

Vier Tage ohne Essen in einem Schlauchboot, ein Junge aus Palästina bekommt das geschmacklose Reisgericht an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" trotzdem kaum runter.
Vier Tage ohne Essen in einem Schlauchboot, ein Junge aus Palästina bekommt das geschmacklose Reisgericht an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" trotzdem kaum runter.(Foto: Ehrich)

Vier Tage lang war die Frau aus Palästina mit ihrer kleinen Familie auf einem Schlauchboot im Mittelmeer unterwegs - ohne Essen. Dann wurde sie vor der Küste Libyens aus Seenot gerettet. Die Besatzung der deutschen Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" hat ihr, so wie allen anderen Flüchtlingen, die nun auf dem Flugdeck des Schiffes sitzen, gerade die erste warme Mahlzeit gebracht. Doch ausgerechnet ihr Jüngster will nicht essen. Er kriegt das Reisgericht einfach nicht runter.

Die meisten Flüchtlinge sind froh, einfach irgendetwas zu bekommen. Doch kleine Dramen wie dieses spielen sich immer wieder ab. "Mein Freund, gib mir Salz. Bitte." Das höre ich oft. Und muss genauso oft erklären, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was sie zu essen bekommen.

Die Nährstoffe zählen

Für die Menschen, die aus Seenot gerettet wurden, gibt es an Bord der Fregatte zur Begrüßung ein trockenes Brötchen und eine Flasche Wasser. Das einzige warme Gericht lässt sich am besten als Wasserreis beschreiben. Es besteht, wie es der Name sagt, vor allem aus Reis. Hinzu kommen ein paar Stücke Gemüse. Damit das Essen nicht so trocken ist, wird es mit Wasser und Soßenbinder gemischt. Keine Gewürze, nicht einmal Salz.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

"Es geht hier nur darum, die Menschen irgendwie mit Nährstoffen zu versorgen", sagt mir ein Smutje. Auf den Geschmack angesprochen, fügt er hinzu: "Das schmeckt nach nichts. Wir machen die Soße heute aber ein bisschen dunkler als gestern. Dann siehts zumindest anders aus."

Mit Knauserigkeit hat das nichts zu tun. Wer tagelang nichts gegessen hat und dehydriert ist, tut sich schwer, Gewürze zu vertragen - vor allem bei Seegang. Schon ein paar speiende Menschen auf dem Flugdeck, auf dem die Menschen eng gedrängt auf dünnen Yoga-Matten liegen, und die Lage wäre noch schwerer zu ertragen.

50 Liter Bolognese

Mir leuchtet das ein, beim Abendessen muss ich trotzdem an die Mutter aus Palästina und ihren weinenden Jungen denken. Was es heute gebe, frage ich die Frau an der Essensausgabe, die immer einen Spruch auf den Lippen hat. "Gesprengtes Huhn." Gesp... Was? "Hühnerfrikassee."

Die Kost an Bord ist deftig. Cordon Bleu, Kohlroulade oder "Grillex", wie es hier heißt. Barbecue. Am Pasta-Tag kochen die Smutjes mal eben 25 Kilo Nudeln, 50 Liter Bolognese-Soße und 20 bis 30 Liter Carbonara. Hinzu kommt ein Pott Soße mit Scampi und eine Soße ganz ohne Tier. Von den 219 Crew-Mitgliedern sind ungefähr eine Handvoll Muslime oder Vegetarier.

Weil ich mir die Kammer mit dem zweiten Schiffsversorgungsoffizier teile, kenne ich das inoffizielle Motto der Besatzung, wenn es um die Verpflegung geht: "Ohne Mampf kein Kampf."

Wir haben die 323 Flüchtlinge, die wir in den vergangenen Tagen aufgenommen haben, gerade in Taranto an die italienischen Behörden übergeben. Ich werde morgen ein bisschen ausführlicher darüber berichten. Gerade frage ich mich, was sie nun in ihrer neuen Unterkunft auf dem Festland zu essen bekommen. Es muss ja nicht gleich gesprengtes Huhn sein. Aber eine Prise Salz, das wäre schon was.

Hier lesen Sie, was am 7. Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

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