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Arbeitsmarkt schrumpft sich kaputt Es kann kaum genug Einwanderung geben

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Junge Spanier betrachten in Ulm das Modell der Stadt in einer Vitrine: Auf Initiative der Handwerkskammer werden die in ihrer Heimat Arbeitslosen bei Ulmer Betrieben ausgebildet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Jahr 2050 wird die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland wohl bei 29 Millionen und nicht mehr bei 45 Millionen liegen. Die Autoren einer Studie leiten daraus eine umstrittene Forderung ab.

Der Arzneimittelhersteller Sanofi in Frankfurt-Höchst setzt auf ungewöhnliche Methoden: Das neue Insulin Toujeo soll in den USA auf den Markt kommen. Und in den nächsten Jahren weltweit voraussichtlich 17 weitere neue Produkte. Sanofi braucht mehr als 1000 neue Mitarbeiter, um sie zu fertigen. Nur woher sollen die kommen, wenn der Markt für Chemikanten und Pharmakanten "bundesweit ziemlich leergefegt" ist?

Emmanuel Siregar, Personalchef von Sanofi-Deutschland, sagte n-tv.de, das Unternehmen suche mittlerweile auch in anderen Branchen nach qualifizierten Mitarbeitern, Branchen mit vergleichbar hohe Steril- und Hygieneanforderungen. "Das ist zum Beispiel in der Lebensmittel- oder der Halbleiterindustrie der Fall." Die "Rhein-Main-Zeitung" titelte bereits: "Sanofi nimmt auch Bäcker, Metzger und Automechaniker".

Schon jetzt ist der Fachkräftemangel in Deutschland in einigen Branchen so groß, dass Unternehmen wie Sanofi gewaltigen Aufwand betreiben müssen, um ihren Personalbedarf zu stillen, zum Beispiel indem sie branchenfremde Kräfte aufwändig umschulen. Das Problem ist nur: Langfristig wird auch das nicht reichen. Die Lage wird immer schwieriger, weil die Gesellschaft überaltert. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter schrumpft laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung bis zum Jahr 2050 von heute 45 Millionen auf weniger als 29 Millionen. Selbst wenn die Unternehmen ihre Mitarbeiter erst mit 70 in Rente schickten und mehr Frauen voll berufstätig wären, würde das die gewaltige Lücke nur um 4,4 Millionen Arbeitskräfte verkleinern. Da die Deutschen nicht mehr Kinder in die Welt setzen möchten, scheint es deshalb nur eine realistische Lösung dieses Problems zu geben: Es müssen Einwanderer her. Und offenbar können es kaum genug sein.

Auch im EU-Ausland gehen Fachkräfte aus

"Wir überlegen derzeit, verstärkt auch international zu suchen, etwa in Frankreich, Portugal oder Spanien", sagt Sanofi-Personalchef Siregar. Andere Unternehmen gingen diesen Weg längst. Auch das Werben deutscher Firmen führt dazu, etliche Menschen, vor allem aus den Krisen-Staaten der EU, ihr Glück in Deutschland suchen. Netto kamen 300.000 Menschen aus diesen Ländern hierher, so viele wie nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Rund 129.000 Menschen machten sich aus Staaten auf den Weg, die nicht zur EU gehören.

Laut der Bertelsmann-Stiftung kann dieser Zuzug die Bevölkerungsentwicklung so noch gut zehn Jahre im jetzt schon fragilen Gleichgewicht halten. Dann allerdings reicht auch die Zuwanderung aus der EU nicht mehr. Wenn die Generation der Baby-Boomer in Rente geht wird die Lage drastisch. Die Autoren der Bertelsmann-Studie befürchten gar, dass dann viel weniger Arbeitskräfte aus der EU zur Verfügung stehen werden. 2050 könnten es demnach nur noch 70.000 statt 300.000 sein, denn auch in Ländern wie Frankreich und Portugal vollzieht sich ein rascher demografischer Wandel.

"Deutschland darf sich nicht auf eine weiterhin hohe Einwanderung aus der EU verlassen. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit Deutschland als Einwanderungsland auch für Drittstaatler attraktiver wird", sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung. Laut der Studie braucht die Bundesrepublik bis 2050 pro Jahr zwischen 276.000 und 491.000 Einwanderer aus Nicht-EU-Staaten. Dräger pocht deshalb auf ein neues Einwanderungsgesetz mit transparenten Regeln und Perspektiven für einen langfristigen Aufenthalt und zügige Einbürgerung.

Eine Forderung, die in der Politik heftig umstritten ist: Zwar fordern SPD und Grüne ein Einwanderungsgesetz nach dem Vorbild Kanadas. Dabei steht ein Punktesystem im Mittelpunkt, das qualifizierte Kräfte bevorzugt. So soll es genau die Menschen anlocken, die für den deutschen Arbeitsmarkt gerade von größtem Nutzen sind. Und es gibt auch in der Union Befürworter eines Einwanderungsgesetztes. Einflussreiche Politiker der CDU wie Fraktionschef Volker Kauder oder Innenminister Thomas de Maizière lehnen es aber ab. Und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagte: "So lange ich Vorsitzender dieser Christlich-Sozialen Union bin, wird es ein Einwanderungsgesetz mit der CSU nicht geben."

Vor allem konservative Politiker wollen derzeit um jeden Preis den Eindruck vermeiden, sie würden mehr Ausländer ins Land holen. Die Zahl der Asylbewerber ist angesichts der Krisen auf der Welt derzeit besonders hoch, die Kommunen tun sich schwer, sie zu versorgen.

Sozialsysteme massiv gefährdet

Ein Einwanderungsgesetz wird deshalb wohl so schnell nicht kommen. In der Wirtschaft sorgt das für Ärger. Und das nicht nur, weil die Aufnahme von Asylbewerbern eigentlich nichts mit dem Werben um Fachkräfte zu tun hat. "Wenn wir nicht gegensteuern, werden die volkswirtschaftliche Leistungskraft und unsere Sozialsysteme massiv gefährdet. Es drohen Wertschöpfungsverluste in Milliardenhöhe und hohe Risiken für unseren Wirtschaftsstandort", sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer der dpa.

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sagte: "Mittel- bis langfristig kann es Sinn machen, das bisherige Regelwerk für dauerhafte Zuwanderung nach Deutschland um ein Punktesystem zu ergänzen. Allerdings sollte man sich genau ansehen, wie das System zum Beispiel in Kanada funktioniert." Es gehe dabei darum, Stärken und Schwächen zu erkennen und auszuloten, "wie man ein solches System an deutsche Bedürfnisse anpassen kann".

Bei Sanofi in Frankfurt-Höchst äußert man sich noch zurückhaltend: "Grundsätzlich kommt es bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer auf die Qualifikation an, nicht auf die Herkunft", sagt Siregar. Derzeit seien Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten noch kein großes Thema. Siregar fügt aber hinzu: "Sollten wir stärker im Ausland nach Fachkräften suchen, würden wir uns natürlich über eine Unterstützung der Bundesregierung freuen."

Quelle: n-tv.de

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