Politik

Schlugen Soldaten die Bewohner?Extremistische Siedler terrorisieren Dorf im Westjordanland

29.08.2026, 18:22 Uhr
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Israelische Soldaten sind in Kusra zwar vor Ort, radikale Siedler können aber trotzdem regelmäßig gegen die einheimische Bevölkerung vorgehen. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Radikale jüdische Siedler blockieren und attackieren im Westjordanland immer wieder Wohnhäuser von Palästinensern, um diese zu vertreiben. Israels Militär ist oft vor Ort, ohne konsequent einzugreifen. Nun sollen Soldaten sogar die Angegriffenen schwer misshandelt haben.

Dutzende maskierte israelische Siedler haben im besetzten Westjordanland erneut palästinensische Häuser angegriffen. Die Angreifer umzingelten am Rande des Dorfes Kusra ein Gebäude und bewarfen es mit Steinen, wie Augenzeugen der Nachrichtenagentur Reuters sagten. In dem Haus hätten sich sieben Palästinenser befunden.

Das eintreffende israelische Militär ging den Zeugen zufolge jedoch gegen die Palästinenser vor. Die Soldaten hätten Tränengas in das Haus gefeuert, die Bewohner gefesselt, ihnen die Augen verbunden und sie geschlagen, sagte der Hauseigentümer Luaj Bajrudi. Die Siedler hätten dagegen unbehelligt abziehen können, erklärte der Sanitäter Saddam Odaj, der sich ebenfalls in dem Gebäude befand. Ihm zufolge wurden vier Menschen durch Tränengas und zwei weitere durch Steinwürfe verletzt.

Das Militär teilte mit, die Truppen seien angerückt, um Randalierer zu vertreiben und die Bewohner zu schützen. Zu den Vorwürfen der Misshandlung äußerte sich die Armee nicht. Der Vorfall ereignete sich in der Nähe von drei Häusern, die Anfang August von Siedlern belagert worden waren. Dies hatte international für Empörung gesorgt.

Die "Times of Israel" hatte zuvor berichtet, dass Dutzende israelische Siedler in Kusra das Haus einer palästinensischen Familie besetzt hätten, während diese sich noch darin befand. Unter Berufung auf das israelische Militär hieß es, bei dem Eindringen in das Haus seien mehrere Palästinenser verletzt worden, darunter eine Frau, die in ein Krankenhaus gebracht werden musste.

Palästinenser in eigenen Häusern gefangen

Soldaten und Beamte der israelischen Grenzpolizei seien nach Kusra entsandt worden, nachdem Dutzende "israelische Randalierer" das Dorf gestürmt und Bewohner angegriffen hatten, teilte die Armee demnach mit. Kusra war wegen der Belagerungen in den vergangenen Wochen immer wieder in die Schlagzeilen geraten.

Die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa meldete unter Berufung auf den Dorfvorsteher Abdul Asim al-Wadi, dass die Betroffenen weiterhin ihre Häuser nicht verlassen könnten. Demnach sind Lebensmittel und einige Medikamente bereits knapp. Ein Angehöriger der Bewohner sagte jüngst, diese blieben in ihren Häusern aus Angst, Siedler könnten sie andernfalls besetzen. Selbst der siedlerfreundliche US-Botschafter Mike Huckabee nannte die Siedler in Kusra zuletzt "israelische Terroristen".

Bei dem jüngsten Vorfall bemühten sich israelische Soldaten nach Angaben der Armee darum, die Randalierer, die sich in dem Haus verbarrikadiert hatten, aus dem Gebäude zu entfernen. Auch sollen mehrere Fahrzeuge der Siedler beschlagnahmt worden sein, mit denen diese in das Dorf gekommen waren. Dem Bericht zufolge setzt das israelische Militär seine Einsätze in Kusra und Jalud - wo Siedler ebenfalls Außenposten errichtet, die Bewohner angegriffen und Häuser belagert haben - fort. Damit sollen "Ausschreitungen" verhindert werden, wie die Armee mitteilte.

Soldaten beteten mit kriminellen Siedlern

Das israelische Militär steht in der Kritik, weil Soldaten in Kusra dabei gefilmt worden waren, wie sie zu Beginn der Belagerungen mit den radikalen Siedlern beteten, anstatt gegen sie vorzugehen. Den Siedlern gelingt es trotz der Armee-Präsenz immer wieder, die Einheimischen zu terrorisieren.

Das Beispiel von Kusra veranschaulicht nach Ansicht von Kritikern ein breiteres Muster: Siedler blockieren Wohnhäuser von Palästinensern, um sie zum Ausziehen zu zwingen, damit sie selbst die Gebäude übernehmen können. Sie kappen Strom und Wasser, Sicherheitskräfte gehen kaum dagegen vor. Wenn die Palästinenser sich wehren, riskieren sie ihr Leben. 

Die israelische Expertin Tammy Caner vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) spricht von einer "tiefgreifenden strukturellen Veränderung der Kontrolle und Verwaltung Israels" im besetzten Westjordanland. Es handele sich um eine gezielte Politik, die im letzten Schritt eine Annexion des gesamten Gebiets anstrebe. 

Die rechtsreligiöse Regierung von Benjamin Netanjahu setze de facto die Pläne des rechtsextremen Finanzministers Bezalel Smotrich um. Smotrich wolle im gesamten Westjordanland israelische Souveränität erreichen und damit die Bestrebungen der Palästinenser nach staatlicher Unabhängigkeit begraben. All dies werde mit Sicherheitserwägungen begründet. 

Quelle: ntv.de, dsc/dpa

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