Politik

Hinweise auf zweiten Mann im Lkw Forensiker bezweifeln Amris Alleintäterschaft

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Wer steuerte am 19. Dezember 2016 den Lkw in den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz? Ein Rechtsgutachten macht jetzt klar, dass eigentlich nichts klar ist.

(Foto: picture alliance / Michael Kappeler/dpa)

Das Attentat vom Breitscheidplatz beschäftigt einen Untersuchungsausschuss. Wegen Ermittlungslücken beauftragt der ein neues forensisches Gutachten. Das Ergebnis ist eine Sensation: Möglicherweise steuerte gar nicht Amri den todbringenden Lkw, sondern ein bisher unbekannter zweiter Täter.

Ein neues rechtsmedizinisches Gutachten stellt die offizielle Version des Anschlags vom Breitscheidplatz radikal in Frage: Der mutmaßliche Attentäter, Anis Amri, war bei dem Anschlag am 19. Dezember 2016 womöglich nicht allein, und vielleicht war er nicht einmal der Täter. Das berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) mit Verweis auf ein Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Schleswig-Holstein. Die forensische Expertise wurde demnach vom Untersuchungsausschuss des Bundestages in Auftrag gegeben und ging dem Gremium in der vorigen Woche zu.

Das Papier analysiert die DNA-Spurenlage an der Pistole, mit der Amri den polnischen Lkw-Fahrer Lukasz Urban erschossen haben soll. Dazu heißt es: "Es kann nicht sicher festgestellt werden, dass die bei Amri sichergestellte Waffe auch die Tatwaffe war, die gegen Urban eingesetzt worden war." Das Projektil und das nach dem Schuss übrig gebliebene Projektilfragment, "die bei der Obduktion Urbans aus dessen Schädel gesichert worden waren, waren zu deformiert, um eine ballistische Zuordnung zur oben genannten Waffe zu ermöglichen", zitiert das RND aus dem Gutachten.

Auch die Spurenlage in der Fahrerkabine des Lkw wird in dem Rechtsgutachten neu bewertet: Mit Blick auf den mutmaßlichen Fahrer Amri heißt es, es sei "nicht ableitbar, dass eine bestimmte Person (zum Beispiel Amri) den Lkw gefahren (…) oder sich lediglich als Beifahrer in der Führerkabine aufgehalten hat". Dafür habe eine unbekannte zweite Person, die im Gutachten als "UP2" bezeichnet wird, "in vergleichbarem Ausmaß DNA-Spuren im Lkw-Führerhaus hinterlassen wie Amri". Es sei daher "grundsätzlich nicht auszuschließen bzw. verglichen mit Amri nicht weniger oder mehr plausibel, dass UP2 den Lkw gefahren haben kann". Generell sei ein anderer Ablauf des Attentats als der in der Öffentlichkeit angenommene aufgrund der DNA-Spuren "nicht ausschließbar", zitiert der Bericht die Forensiker aus Schleswig-Holstein.

"Wir bezweifeln, dass Amri der Fahrer war"

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic sagte dem RND: "Es kann so gewesen sein, wie das Bundeskriminalamt sagt." Es geht von einer Alleintäterschaft Amris aus. "Es kann aber auch anders gewesen sein. Es könnte sein, dass noch weitere Leute mitgemischt haben, ohne dass man das eingehend untersucht hat. Das ist der Punkt."

Ihr Fraktionskollege Konstantin von Notz, der wie Mihalic im Untersuchungsausschuss engagiert ist, sagte dem RND: "Wahrscheinlich saß Anis Amri im Lkw. Aber wir bezweifeln zumindest, dass er der Fahrer war." Denn der Tunesier habe sich zu dem Zeitpunkt immerhin schon eineinhalb Jahre in Deutschland aufgehalten, ohne in der Zeit je Lkw gefahren zu sein. Davor habe er vier Jahre in Italien im Gefängnis gesessen. In Tunesien solle Amri zwar einmal mit einem 7,5-Tonner unterwegs gewesen sein. Trotzdem sei erstaunlich, wie er am Tattag einfach so einen 40-Tonner übernommen haben könne.

"Wir finden deshalb, dass man die Frage aufwerfen sollte, wer die UP2 eigentlich ist", betonte der Grünen-Politiker. "Das ist eine relevante Frage." Ohnehin habe sich Amri in Deutschland vielfach in islamistischen Gruppen bewegt, so etwa im Umfeld des soeben verurteilten IS-Mannes Abu Walaa. Auch das lege den Schluss nahe, dass er am 19. Dezember 2016 womöglich nicht allein gewesen sei.

Quelle: ntv.de, mau

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