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Russische Nuklearanlage im Fokus Forscher bestätigen ernsten Atomunfall 2017

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In der russischen Nuklearanlage Majak gab es schon mehrmals schwere Störfälle.

(Foto: picture alliance / dpa)

Schon 1957 ereignete sich in der Nuklearanlage Majak im Ural eine Katastrophe, der drittschwerste Nuklearunfall in der Geschichte. Nun bestätigen Wissenschaftler: Auch vor zwei Jahren kam es aller Wahrscheinlichkeit nach dort zu einem Vorfall, der noch in Mittel- und Osteuropa Spuren hinterließ.

In der russischen Nuklearanlage Majak im südlichen Ural hat es nach Ansicht eines internationalen Teams von Experten aus 47 führenden Instituten vermutlich im September 2017 einen schwerwiegenden Atomunfall gegeben. Dies berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Sie beruft sich dabei auf einen Bericht, den 69 Wissenschaftler unter der Führung des Radioökologen Georg Steinhauser von der Universität Hannover und des französischen Atmosphärenforschers Olivier Masson in der amerikanischen Zeitschrift "Proceedings of the National Academy of Science" (PNAS) veröffentlicht haben. Die PNAS ist eine der führenden Wissenschaftszeitschriften der Welt.

Der Unfall, auf den nach Ansicht der Forscher jetzt alles hinweist, hatte seinerzeit in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas zu einem plötzlichen Auftreten des radioaktiven Isotops Ruthenium-106 in der Atmosphäre geführt. Die Konzentration erreichte allerdings auch wegen der großen Entfernung zum vermuteten Ursprungsort Majak im südlichen Ural an keiner Messstelle ein gesundheitsgefährdendes Niveau. Steinhauser wollte aber im Gespräch mit der FAS nicht ausschließen, dass es am Ort des Unglücks "Personenschäden" gegeben habe.

Russland leugnet den Vorfall, doch die Erkenntnisse der Wissenschaftler um Steinhauser erschüttern die Glaubwürdigkeit der Moskauer Dementis. Der Bericht in der Zeitschrift PNAS endet jedenfalls mit dem Satz, der Nuklearkomplex Majak im Südural müsse als ein "wahrscheinlicher Kandidat" für die Quelle der radioaktiven Freisetzung von 2017 betrachtet werden.

Die Bundesregierung hatte nach dem Auftreten des Rutheniums seinerzeit mitgeteilt, sie vermute als Ursache ein Unglück der Kategorie fünf nach der internationalen INES-Skala. Diese Kategorie bezeichnet einen "ernsten Unfall". Zum Vergleich: die Katastrophen von Tschernobyl und von Fukushima wurden der Kategorie sieben zugeordnet. Die Gesamtmenge der Radioaktivität, die nach den Rechnungen der Wissenschaftler um Steinhauser und Masson 2017 in Majak freigesetzt wurde, dürfte etwa ein Siebtel dessen betragen, was 2011 in der Sperrzone von Fukushima niedergegangen ist.

Staaten müssen Nuklearunfälle melden

Staaten sind nach dem internationalen "Übereinkommen über die frühzeitige Benachrichtigung bei nuklearen Unfällen" verpflichtet, die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO über Vorfälle mit grenzüberschreitenden Wirkungen zu informieren. Moskau hat allerdings schon 2017 der IAEO gegenüber bestritten, dass das damals festgestellte Ruthenium-106 aus Russland stamme. Die russische Atomaufsichtsbehörde Rosatom schrieb der FAS, es könne ausgeschlossen werden, dass der Nuklearkomplex Majak für die Verseuchung verantwortlich sei.

Die Wissenschaftler um Steinhauser und Masson haben dieser Aussage nun, wie die FAS weiter berichtet, nach einer umfassenden Auswertung von Daten über Windströmungen sowie nach chemischen und radiologischen Untersuchungen widersprochen. Unter anderem stellten sie fest, dass die Luftmassen, die im Herbst 2017 über die europäischen Messtellen mit den höchsten Ruthenium-Werten gezogen waren, wenige Tage früher, am 25. und 26. September 2017, den Nuklearkomplex Majak passiert hatten. Das festgestellte Ruthenium-106 passt ihrer Meinung nach zur Wiederaufbereitungsanlage, die dort betrieben wird. Steinhauser fügt hinzu, die Eigenschaften des Rutheniums in den genommenen Proben wiesen außerdem auf die Möglichkeit eines Brandes hin.

Der Verdacht, dass die Rutheniumwolke von 2017 aus Majak stammen könnte, war schon früher geäußert worden. Die neue Studie, an der unter anderem Wissenschaftler des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz, des Deutschen Wetterdienstes und der französischen Atomsicherheitsbehörde mitgewirkt haben, fasst nun alle verfügbaren Informationen zusammen. Florian Gering vom Bundesamt für Strahlenschutz, der selbst nicht zu den Autoren zählt, sagte der FAS, das "Neue" an der Arbeit des Teams um Steinhauser und Masson sei, dass "alle Daten zusammengenommen" nun vermuten ließen, dass der Vorfall von 2017 seinen Ursprung im russischen Nuklearkomplex Majak habe.

In der Anlage Majak war es bereits mehrmals zu schweren Unfällen gekommen. Unter anderem explodierte im Jahr 1957 ein Tank für radioaktiven Abfall. Dabei wurden sehr große Mengen radioaktiver Substanzen freigesetzt. Es war der drittschwerste Nuklearunfall in der Geschichte, nur die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima waren noch schlimmer.

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Quelle: n-tv.de, ghö

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