Politik

USA-Talk bei "Anne Will" Führt Trump die Welt in den Abgrund?

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Wills Gäste, von links nach rechts: Dieter Kempf, Ralph Freund, Günther Verheugen, Michael Wolffsohn und Ursula von der Leyen.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

"America first", lautet die Devise des frischgebackenen US-Präsidenten. Koste es, was es wolle, könnte man nach Trumps ungewöhnlich aggressiver Antrittsrede hinzufügen. Doch wie schlimm werden die nächsten vier Jahre wirklich?

Man kann wohl mit einiger Gewissheit behaupten, dass Donald Trump die radikalste und martialischste Antrittsrede in der Geschichte der Vereinigten Staaten gehalten hat: Amerika, einzig und allein, nichts anderes zählt. Der neue US-Präsident präsentierte sich als der ultranationalistische Führer, den er bereits im Wahlkampf angekündigt hatte - und versprach seinem Land nicht nur "den totalen Gehorsam", sondern auch, nun endlich einmal die anderen bluten zu lassen. "Trump im Amt - verändert das die Weltordnung?", möchte Anne Will deswegen am Sonntagabend von ihren Gästen wissen.

Ins Studio gefunden haben neben Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem ehemaligen EU-Erweiterungskommissar Günther Verheugen auch der Historiker Michael Wolffsohn, der Vizepräsident der "Republicans Overseas Germany", Ralph Freund, sowie der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf.

"Die isolationistische Politik wird Amerika auf Dauer schaden"

Gleich zu Beginn der Sendung möchte die Verteidigungsministerin eine Sache klarstellen: "Ich kann mich gut erinnern, dass viele gesagt haben, man muss zwischen dem Wahlkämpfer und dem Präsidenten unterscheiden - bei der Inauguration haben wir gesehen, dass das nicht der Fall ist." Was das bedeutet? "Trump meint das, was er sagt, und er wird es auch ausführen. Seit über 30 Jahren sagt er: 'Die Amerikaner werden über den Tisch gezogen, das lassen wir uns nicht gefallen.' Das ist enorm gefährlich", sagt Verheugen. Der ehemalige EU-Kommissar wird noch deutlicher: "Bisher haben amerikanische Präsidenten ihre Macht benutzt, zumindest haben sie das gesagt, um gewisse Ideen in der Welt zu vertreten und zu verteidigen. Freiheit, Demokratie, darüber verliert Trump kein Wort. Es geht ihm einzig und allein um das Wohl Amerikas - das er mit allen Mitteln erreichen will."

Wirtschaftlich gesehen bedeutet das vor allem eine isolationistische Politik mit deutlichem Hang zum Merkantilismus. Ob das der amerikanischen Wirtschaft auf Dauer eher schaden als nutzen wird, darüber scheiden sich die Geister: "Unabhängig vom fehlenden menschlichen Faktor sind seine, ich formuliere es mal vorsichtig, kernigen Aussagen, falsch", sagt BDI-Präsident Kempf und erklärt: "Wer im 21. Jahrhundert  'Buy american, hire american' propagiert, hat die globalisierte Wirtschaft nicht verstanden." "Hat er vielleicht doch", kontert Verheugen: "Weil Trump die Menschen gesehen hat, die in unserer Wirtschaft hinten runtergefallen sind. Es ist eine neue soziale Frage als Ergebnis der Globalisierung entstanden." Diese ganz spezielle Art von Wählerfang sei allerdings viel zu kurzfristig gedacht, gibt von der Leyen zu bedenken: "Diese isolationistische Politik, ein kurzes Aufflackern mag es geben, wird auf Dauer Amerika schaden."

Unerwartete Schützenhilfe bekommt die Verteidigungsministerin ausgerechnet aus dem gegnerischen Lager: "Donald Trump ist in ein Machtgefüge eingebunden, dass äußerst sensibel ist: Da kann er beispielsweise bei Handelsabkommen nicht einfach die Axt anlegen", gibt Ralph Freund zu bedenken. Als Vizepräsident der "Republican Overseas Germany" sollte er eigentlich die Linie des neuen Präsidenten unterstützen - dass das aber nicht so einfach ist, ist dem Mann anzusehen, der sich gerne mal um klare Antworten auf Wills Fragen drückt: "Im Tun liegt die Wahrheit, nicht im Denken: Danach müssen wir Donald Trump bewerten", antwortet Freund auf Wills Frage, ob er den Kurs des Republikaners auch nach dessen Antrittsrede noch unterstütze.

"Europa ist für die USA heute weniger wichtig"

Deutlich weniger Raum als die wirtschaftlichen Aspekte bekommen in Wills Sendung jene Fragen, die man instinktiv eher mit einer veränderten Weltordnung, immerhin dem Titel der Sendung, verbinden würde: den außenpolitischen Kurs der USA in den kommenden vier Amtsjahren Trumps. Die klügsten Beiträge liefert hier der Historiker Wolffsohn, der es schafft, komplexe Sachverhalte verständlich zu verpacken - und Trumps Drohung, die Nato zu verlassen, erklärt "Es hat die Bevölkerung frustriert, dass Amerika überall aus der Sicht der Amerikaner die Kastanien aus dem Feuer geholt hat. Donald Trump ist damit das Resultat einer Entwicklung, denn dieser Mann reagiert auf den Bauch." Das heißt im Speziellen: "Es gab eine wechselseitige Entfremdung über die vergangenen Jahrzehnte: Und auch wenn Trump sie auf die rüdeste Art anspricht, hat er damit leider Recht. Und sind wir mal ganz ehrlich: Europa ist für die USA heute weniger wichtig, als es zu Zeiten der Gründung der Nato war."

Wie sich die Beziehungen zu den beiden anderen Großmächten China und Russland entwickeln könnten und wo Europa in diesem Spannungsfeld bleibt, wird zwar nicht zufriedenstellend besprochen, viel Gutes sehen die Diskussionsteilnehmer allerdings nicht. Ein leiser Hoffnungsschimmer blitzt dann aber doch noch einmal durch, als Ursula von der Leyen das Schlusswort ergreift: "Ich habe mich sehr gefreut über den neuen Verteidigungsminister Mattis, der gesagt hat: 'Eine Nation, die sicher sein will, braucht Freunde.' Deswegen ist mir wichtig, dass wir nicht immer nur auf den Präsidenten starren, sondern auch auf sein Team und all die Millionen Freundschaften, die zwischen Deutschland und den USA in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind - die kann man nicht so einfach sprengen."

Quelle: ntv.de