Politik

Was britische Wähler sagen "Für mich ist die EU ein Projekt von Merkel"

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Ein Brexit-Fan in London auf dem Weg zur Demo.

(Foto: REUTERS)

Beim Brexit gilt oft eine einfache Regel: Je älter die Briten, desto eher sind sie für einen Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union. Gerade viele junge Menschen wollen in der EU bleiben und hoffen auf ein zweites Referendum. Bei der Abstimmung im Juni 2016 stimmten Schätzungen zufolge rund 71 Prozent der jungen Menschen gegen den Brexit. Einer von ihnen war Zak Wagman, der 2016 für das "Remain"-Lager kämpfte - und es sich inzwischen anders überlegt hat. Besonders stört ihn die "Arroganz", und "dass die EU uns sagt, was wir tun sollen". Teil zwei unserer Serie darüber, was britische Wähler sagen.

Während der gesamten Referendumskampagne sagte mir mein Kopf, dass wir in der EU bleiben sollten. Mein Herz dagegen wollte, dass wir austreten. Als ich an einem Online-Quiz teilnahm, das mir verraten sollte, in welche Richtung ich tendiere, lautete das Ergebnis: Ich war zu 51 Prozent Remainer und zu 49 Prozent Brexiteer. Ich war kein Fan der EU, aber ich dachte, dass es wirtschaftlich sicherer sei, drinnen zu bleiben. Beim Referendum im Juni 2016 war ich drei Monate zu jung zum Wählen, trotzdem habe ich mich als junges Mitglied der konservativen Partei unter Premierminister David Cameron für den Verbleib eingesetzt.

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Zak Wagman ist 20 Jahre alt und studiert in Warwick Geschichte.

(Foto: privat)

Die ersten Zweifel kamen mir in der Nacht, als die Ergebnisse des Referendums veröffentlicht wurden. Abgeordnete wie der Labour-Politiker David Lammy sagten damals, dass die Öffentlichkeit nicht gewusst habe, wofür sie da gestimmt habe. Das gefiel mir nicht. Von jemandem, der sich nicht entscheiden konnte, wofür er steht, wurde ich schnell zu jemandem, der zu hundert Prozent für einen schnellen Austritt aus der EU war. Mir wurde auch klar, dass Geschichten, die mir vor dem Referendum erzählt worden waren, einfach nicht wahr waren. Eine Woche vor dem Referendum hatte Schatzkanzler George Osborne noch vor höheren Steuern und dem Verlust von 800.000 Arbeitsplätzen gewarnt, wenn wir für den Austritt stimmen würden. Als sich diese Schreckensgeschichten nicht erfüllten, stellte ich alle Gründe für einen EU-Verbleib in Frage.

Auch das Verhalten von EU-Ratspräsident Donald Tusk und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat mich darin bestärkt, dass wir die EU verlassen sollten. Ich war schockiert über die Art und Weise, wie sie über die britische Entscheidung sprachen. Wie sie sagten, dass Großbritannien bestraft werden solle. Die Verachtung gipfelte in Tusks Behauptung, dass es einen "besonderen Platz in der Hölle" für Menschen gebe, die für den Brexit gestimmt haben. [Anm. d. Red.: Tatsächlich sagte Tusk, es gebe einen besonderen Platz in der Hölle "für jene, die für den Brexit geworben haben, ohne auch nur nur eine Ahnung zu haben, wie er sicher umgesetzt werden könnte".] Menschen wie Tusk, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel haben wir es zu verdanken, dass wir heute diese Spaltung in "wir" und "sie" haben.

Für mich ist die EU ein Projekt von Angela Merkel. Die EU wird von ihr geführt und dient dem deutschen Interesse. Deutschland steht im Zentrum des Euro als größter Volkswirtschaft der EU. In Großbritannien gab und gibt es das Gefühl, dass die Menschen nicht Teil einer Institution sein wollen, die zu Merkel gehört. Bei einem Besuch in Dublin sagte die Bundeskanzlerin kürzlich, dass auch sie aus einem Land komme, das für viele Jahre von einer Mauer geteilt gewesen sei. Ich war schockiert über den Vergleich zwischen Großbritannien und der Sowjetunion, der erneut die Arroganz vieler europäischer Staats- und Regierungschefs deutlich gemacht hat.

Eigentlich wollte ich, wie viele andere auch, dass wir die EU am 29. März mit einem Abkommen verlassen. Der von Theresa May ausgehandelte Deal ist jedoch unzumutbar, da es Nordirland vom Rest des Vereinigten Königreichs trennt. Man würde Spanien auch nicht bitten, Katalonien im Rahmen eines Handelsabkommens im Stich zu lassen. Darüber hinaus müssen wir noch einige Gesetze des Europäischen Gerichtshofs akzeptieren und der EU 39 Milliarden Pfund zahlen, nur um sie zu verlassen. Das alles bedeutet, dass Mays Deal kein echter Brexit ist. Daher denke ich, wir sollten die EU einfach ohne Abkommen verlassen. Die nun beschlossene Verlängerung bis Ende Oktober bedeutet, dass wir an den Wahlen zum Europäischen Parlament teilnehmen müssten - und das ist einfach eine Schande. Es ist bald drei Jahre her, dass das britische Volk für den Austritt gestimmt hat.

Theresa May hat sicher ihr Bestes gegeben, aber sie hat dennoch versagt und den Brexit nicht durchgesetzt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie selbst Remainerin ist und die grundsätzlichen Bedenken von Brexiteers gegenüber Europa nie vollständig verstanden hat. Viele Remainer glauben, dass die EU-Skeptiker nur die Zuwanderung stoppen wollten, und das wäre bei Mays Brexit-Deal tatsächlich der Fall. Allerdings war der Hauptgrund für den Brexit, dass wir unsere Souveränität zurückerlangen wollen. Und genau das erfüllt Mays Abkommen nicht. Dabei lehnen viele Briten gar nicht unbedingt ab, was die EU tut. Allerdings wollen wir nicht, dass die EU uns sagt, was wir tun sollen. Es klingt vielleicht ein bisschen wie ein Klischee, aber es ging wirklich darum, die Kontrolle zurückzuerlangen. Und das geht mit Mays Abkommen nicht.

Obwohl ich bin selbst für den EU-Austritt bin, hat die Mehrheit meiner Freunde zuhause im London oder an der Universität in Warwick, wo ich Geschichte studiere, für den Verbleib in der EU gestimmt. Ernsthaften Streit gab es deshalb aber nicht, ich habe auch keine Freunde durch den Brexit verloren. Obwohl es einige Menschen gibt, die das Thema sehr aufwühlt, akzeptieren die meisten doch auch meine Meinung. Ich finde es erstaunlich, dass nicht mehr junge Leute für einen EU-Austritt sind. Der Mangel an Wissen und Verständnis bei ihnen überrascht und deprimiert mich. Viele wollen in der EU bleiben, um leichter eine Interrail-Tour zu machen oder eine kürzere Schlange am Flughafen zu haben. Sie denken nicht darüber nach, dass wir unsere Kommissare nicht wählen oder dass der Europäische Gerichtshof das letzte Berufungsgericht für dieses Land ist.

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Ich habe viele Freunde aus ganz Europa. Aber ein Grund, warum ich nicht mehr an die EU glaube, ist, dass ich nicht Europäer bin, sondern Brite. Ich bin ein sehr liberaler Brexiteer und teile keine Werte mit Ländern, in denen Korruption herrscht oder die gleichgeschlechtliche Ehe verboten ist. Mit Ländern, die liberale Werte ablehnen. Die Bindung von Großbritannien zu Europa ist nicht so groß, dass wir uns in einem größeren Konzept zusammenschließen müssen. Wir haben zwar eine enge kulturelle Beziehung zu Westeuropa, aber wir haben auch eine kulturelle Verbundenheit mit Amerika und Kanada.

Bei den Demonstrationen für die EU bin ich jetzt von der Anzahl der EU-Flaggen und dem Mangel an Union Jacks beeindruckt. Dagegen sah man bei der Demonstration für den Brexit, an der ich am 29. März auch teilnahm, nur britische Flaggen. Vor fünf Jahren war die Botschaft von Remainern, dass es im Interesse Großbritanniens liege, in Europa zu bleiben. Nun scheint sich die Rhetorik verschoben zu haben, und es heißt, dass der Verbleib Großbritanniens im Interesse Europas liegt. Dies ist eine völlig legitime Auffassung, wenn man Europäer ist. Aber, wie gesagt, ich bin Brite.

Aufgezeichnet von Constance Simms

Quelle: n-tv.de

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