Politik

Alles gut in Katar? Gabriel auf der WM-Großbaustelle

3o7k4549.jpg4551789327020560488.jpg

In Lusail-City unterhält sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit Bauarbeitern aus Ghana.

(Foto: dpa)

Auf der letzten Station seiner Golfstaatenreise hat Wirtschaftsminister Gabriel noch einmal eine diplomatische Herausforderungen zu meistern: Als Sozialdemokrat muss er die Situation der Arbeiter auf den WM-Baustellen ansprechen.

Es ist eine Geste am Rande, aber sie ist wohlkalkuliert. Als Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel ein paar Arbeiter am Straßenrand in Lusail-City entdeckt, lässt er anhalten und geht demonstrativ auf sie zu. Er fragt sie, wie es ihnen gehe in Katar und ob sie genug verdienten. Die Männer aus Ghana und aus der Türkei, die sich Nacken, Hals und Teile des Gesichts mit Tüchern vor der Sonne abgedeckt haben, antworten bereitwillig. Anderswo würden sie weniger verdienen. Und auch sonst sei eigentlich alles in Ordnung.

  Schon am frühen Morgen brennt die Sonne auf die Großbaustelle am Stadtrand von Doha und hat die gigantische Freifläche auf knapp 30 Grad aufgeheizt. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, Schatten nicht in Sicht. Für Gabriel ist der Besuch bei dem bislang 45 Milliarden Dollar teuren Megaprojekt Pflicht. Von ihm wird an der dritten und letzten Station seiner Golfstaatenreise erwartet, dass er die Rechte der Arbeiter auf den tausenden von Baustellen in Katar anspricht und problematisiert. Lusail-City ist die mit Abstand größte Baustelle in Katar und hat obendrein noch etwas mit der WM 2022 zu tun. Hier entsteht eine Stadt für bis zu 400.000 Menschen, die hier einmal leben und arbeiten sollen. Die meisten Eigentumswohnungen sind bereits verkauft. Auch eines der WM-Stadien und eine Fanmeile sollen in Lusail entstehen.

Nach seinem Treffen mit Vertretern der deutschen Dorsch-Gruppe, die in Lusail den Bau überwacht, zeigt sich der Minister aber optimistisch: "Natürlich wird es weiter Probleme geben, aber der öffentliche Druck und der Druck der internationalen Gewerkschaften haben dazu geführt, dass sich bereits Dinge verbessert haben." Ist Gabriel hier einer Täuschung aufgesessen? Wenn es um die WM 2022 in dem Wüstenstaat geht, ist in der deutschen Öffentlichkeit nicht nur die Empörung groß darüber, dass die Fanmeilen in knapp acht Jahren neben dem Weihnachtsmarkt stattfinden werden. Die Geschichten von den ausgebeuteten Arbeitern, die in Katar wie Leibeigene gehalten werden, haben für Entsetzen gesorgt. Hunderte Gastarbeiter sind der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge auf den Baustellen in Katar ums Leben gekommen. Gabriel weiß das natürlich. Nach einer kurzen Pause setzt er hinzu: Natürlich hätte sich "noch nicht genug" gebessert. Und deutsche Firmen wie eben Dorsch könnten helfen, die Standards zu verbessern. Aber man müsse auch berücksichtigen, wo Katar herkomme. Dieses Land sei zwar sehr reich, aber trotzdem "auf dem Niveau eines Entwicklungslandes" und habe "keinerlei Erfahrung mit Arbeitsrecht".

3o770940.jpg3855695774237927960.jpg

Jetzt nur nicht hochmütig werden: Zusammen mit Scheich Faisal bin Kassim al-Thani prüft Gabriel die Kulturschätze von Katar.

(Foto: dpa)

Gabriel ist sich der Stimmung zu Hause bewusst. "Das Kernproblem ist das Sponsoring-Modell", sagt der SPD-Chef. Wer in Katar arbeiten will, braucht einen sogenannten Sponsor, der den Arbeitnehmer einlädt und diesem eine Wohnung stellt. Dafür muss der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber die Treue halten. Viele müssen ihren Pass abgeben und erst einmal Zusatzleistungen abarbeiten. Vorher kommen sie nicht aus Katar heraus. Gabriel meinte zu Lusail-City: "Bei diesem Projekt haben sich die Vorwürfe nicht erfüllt. Hier ist angeblich keiner, der nicht im Besitz seines Passes ist."

Besuch bei einem Autosammler

Am Vorabend hatte Gabriels erster Termin in Teilen seiner großen Delegation für Irritation gesorgt. Direkt nach der Ankunft in Doha folgte der Minister einer Einladung eines entfernten Verwandten des Emirs in dessen Privatpalast. Scheich Faisal bin Kassim al-Thani ist ein sogenannter Milchbruder des Vaters vom jungen Emir von Katar. Der alte Mann hat es als Unternehmer zu großem Reichtum gebracht und über Jahrzehnte ein skurriles Museum aufgebaut. Er sammelt vor allem alte Limousinen, aber auch Feuerwehrautos und Motorräder. Sogar ein kleines Flugzeug findet sich in den Hallen des Scheichs. Daneben hat der Scheich auch Gewehre, tausende alte Fotos, Bücher, Schriften, Teppiche und Tierfelle ausgestellt.

Gabriel genoss den Termin sichtlich, lobte die Lebensleistung des Scheichs und den Beitrag, den er mit seiner Sammlung auch zum Erhalt von Kultur leiste. Ein Festessen im Palast von Faisal bin Kassim konnte unmöglich ausgeschlagen werden, ohne den Gastgeber zu beleidigen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek war dennoch nicht glücklich mit dem Auftakt in Doha. "Die Ebene dieses Termins war einfach unpassend", meinte der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen später. Soll heißen: Politisch und für die Mission der Reise hatte der Besuch in Scheich Faisals Privatsammlung eher untergeordnete Bedeutung.

Gabriel ließ das an sich abprallen. "Ich denke, wir sollten aufpassen, dass wir hier nicht zu hochmütig werden. Erstens ist der Scheich Unternehmer und zweitens ist er jemand, der die Kulturschätze seines Landes sammelt."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema