Politik

Aufstand gegen die GroKo "Gib nicht auf, Kevin!"

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Wirbt auf seiner Deutschland-Tour gegen eine neue Große Koalition: Juso-Chef Kühnert.

imago/Christian Mang

Juso-Chef Kevin Kühnert führt den SPD-internen Widerstand gegen ein neues Bündnis mit der Union an. Ein Revolutionär ist er jedoch nicht - für die Führung der SPD macht ihn das umso gefährlicher.

Kevin Kühnert zieht an seiner Zigarette, es sind nur noch wenige Minuten bis zu seinem nächsten Auftritt, plötzlich blickt er hoch. "Kühnert, Kühnert!", ruft ein Mann durch das offene Fenster eines vorbeifahrenden Autos. Der Juso-Chef schüttelt den Kopf und sagt: "Absurd!" Solche Dinge erlebt Kühnert immer häufiger. Der 28-Jährige kann kaum noch zum Bäcker gehen, ohne erkannt zu werden. Die Geschichte des Kevin Kühnert und seines Kampfes gegen die Große Koalition ist fast ein politisches Märchen. Die große Krise der SPD ist zugleich die große Stunde des Jungpolitikers.

Das war am Anfang nicht absehbar. Am 24. November, einige Tage nach dem Jamaika-Aus, wählen die Jusos Kühnert zu ihrem Vorsitzenden. Ein unbezahltes Ehrenamt. "Ich möchte, dass wir Jusos in den kommenden zwei Jahren richtig Rabatz machen und die notwendige Erneuerung der Partei vorantreiben", sagt Kühnert in seiner ersten Rede. Noch gibt es keinerlei Anzeichen, warum Kühnert nach vier Jahren bekannter sein sollte als seine Vorgängerin Johanna Uekermann. Einige Tage später besucht er die Feier zum 25-jährigen Jubiläum von n-tv in Berlin. Mit seinem Kapuzenpullover und den Turnschuhen fällt der ansonsten unscheinbare Kühnert auf. Noch kennt kaum jemand den neuen Juso-Chef, aber im Gespräch macht er unmissverständlich klar: Er ist entschlossen, gegen eine neue Große Koalition zu kämpfen.

Parteichef Schulz hebt das strikte Nein zu einer Großen Koalition in diesen Tagen allmählich auf. Beim Parteitag am 7. Dezember wirbt er um Zustimmung für Gespräche mit der Union. Kühnert warnt die mehr als 600 Delegierten: "Wir haben ein Interesse daran, dass hier noch was übrig bleibt von diesem Laden, verdammt nochmal." Horden von Journalisten und Kameras scharen sich später um den Juso-Chef. Er spricht vielen Zweiflern aus dem Herzen, die deutlich der Meinung widersprechen, dass der SPD nun gar keine andere Wahl bleibe, als in eine neue Große Koalition zu gehen. Eine echte Erneuerung ist für sie nur in der Opposition möglich. Im Januar entscheidet ein weiterer Parteitag für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Mit 56 Prozent fällt die Zustimmung knapp aus, ein Erfolg in der Niederlage für Kühnert und Co. Der Kampf ist längst noch nicht verloren. Vor dem SPD-Mitgliederentscheid planen die Jusos eine Tour durch das ganze Land. Kühnert unplugged.

"Ich finde dich ganz toll"

Recklinghausen im Ruhrgebiet an einem sonnigen Freitag im Februar: Kühnert steigt am Hauptbahnhof in ein Taxi. Der Fahrer verteilt Bonbons, der Juso-Chef bereitet sich auf den nächsten Termin vor. Im Radio läuft "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" von Christian Anders und der Taxifahrer ledert los. "Die Flüchtlinge kriegen alles umsonst, der Deutsche ist doch nichts mehr wert." Kühnert mischt sich ein, er kenne viele Flüchtlinge, die sich bemühen. Frage an den Taxifahrer: "Kennen Sie Flüchtlinge persönlich?" Der weicht aus. "Die kriegen doch alles umsonst. Andere müssen dafür arbeiten. In Deutschland muss der Deutsche mehr zu sagen haben als andere." Kühnert widmet sich wieder seinen Unterlagen. "Es bleibt einem nichts erspart", wird er später sagen - und erzählen, dass sein Opa auch Taxifahrer war.

Kühnert kommt 1989 in West-Berlin zur Welt. Mit 15 tritt er in die SPD ein, als Zehntklässler wird er Schülersprecher. Kühnert studiert Politikwissenschaft, sitzt in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg und arbeitet für eine SPD-Politikerin im Abgeordnetenhaus. Auch weil es im NoGroKo-Lager an Polit-Prominenz fehlt, ist Kühnert so etwas wie das Gesicht des Aufstandes. Der manchmal belächelte Jungverband, dem schon Gerhard Schröder und Andrea Nahles vorstanden, erlebt dadurch so etwas wie eine Frischzellenkur.

Kühnert steht etwas abseits vom Bürgerhaus Süd in Recklinghausen. Weit genug, um von den Kamerateams nicht entdeckt zu werden. "Ich finde dich ganz toll", begrüßt ihn eine junge Frau, die Juso-Mitglied ist. "Gibt nicht auf, Kevin, egal, was passiert." Zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette fragt Kühnert sie nach der Stimmung in ihrem Juso-Verband. Eine dunkle Limousine fährt vor, Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD-Vize und hessischer Landesvorsitzender, steigt aus. Die Genossen begrüßen sich herzlich. "Machen wir noch ein Statement zusammen?", fragt Kühnert. "Mir ist das scheißegal", sagt Schäfer-Gümbel. Die beiden sind spät dran, machen am Eingang aber noch kurz Halt bei den Journalisten.

Vor Wochen warf Fraktionschefin Nahles Kühnert vor, öffentlich Falschinformationen zum Koalitionsvertrag zu verbreiten. Auf Nachfrage bestätigt der Juso-Chef: Es gebe keine Versuche von oben, ihm dazwischenzufunken. Die Parteispitze lässt Kühnert gewähren, vermutlich auch deshalb, weil er jene Erneuerung verkörpert, von der so viel geredet wird. Zuletzt überreichte Generalsekretär Lars Klingbeil ihm einen SPD-Toaster: als Präsent für sein erfolgreiches Mitgliederwerben. Die SPD ist tief gespalten. Laut einer Forsa-Umfrage ist die Mehrheit ihrer Wähler für eine Große Koalition. 2013 stimmten beim Mitgliederentscheid 75 Prozent für das Bündnis, diesmal dürfte es knapper werden. Am 4. März wird das Ergebnis bekannt gegeben.

"Das wird kein glorreiches Semester"

Bei seinen Auftritten spielt Kühnert eine große Stärke aus, die seinen Aufstieg begünstigt hat: Nicht nur politische Kommentatoren fortgeschrittenen Alters haben ihn unterschätzt. So schüchtern Kühnert wirkt, so unbeeindruckt-souverän ist er am Mikrofon. Keine Versprecher, keine Spur von Nervosität. Kühnerts Reden sind viel ruhiger, als es die der früheren Juso-Chefin Nahles waren. "Wir stehen vor einer wichtigen, aber nicht vor einer Schicksalsfrage als SPD", sagt Kühnert in Recklinghausen. "Egal, was am 4. März herauskommt, sollten wir uns eines in die Hand versprechen, dass wir das Ergebnis annehmen und damit anschließend weiterarbeiten werden." Schäfer-Gümbel nickt, während Kühnert mit seiner Kritik am Koalitionsvertrag fortfährt. Alle großen Fragen, wie die Rente, seien mit Prüfaufträgen und Kommissionen vertagt worden. "Wollen wir uns unterstützend an einer Politik beteiligen, die wesentliche Fragen immer weiter aufschiebt und Vertrauen in Politik erschüttert?", fragt er.

Kühnert bekommt auch von GroKo-Befürwortern Applaus. "Kevin, du bist ein brillanter Redner, aber ich stimme trotzdem für den Vertrag", sagt ein älterer Herr. Kühnert kontert die Befürchtung, die Partei stürze ins Chaos, sollte ein Bündnis scheitern. "Wenn die SPD Angst davor hat, sich in schwierigen Situationen den Wählern zu erklären, können wir den Laden zumachen. Wenn wir nur den Anschein erwecken, als würden wir uns nicht trauen, in Neuwahlen zu gehen, dann machen wir uns unnötig klein." Zum Abschluss bittet er die Zuhörer darum, den Koalitionsvertrag abzulehnen "und euch keine Angst machen zu lassen, vor dem, was danach kommt". Vielleicht ist es das, was ihn für die SPD-Spitze so gefährlich macht. Der Juso-Chef argumentiert schlüssig und sachlich, aber nicht revolutionär. Aggressive Attacken sind von ihm nicht zu hören. Mehrfach hat sich Kühnert für eine solidarische Debatte ausgesprochen. Er will nicht mit unfairen Mitteln gewinnen. Auf den meisten seiner Veranstaltungen diskutiert Kühnert gemeinsam mit GroKo-Befürwortern wie Schäfer-Gümbel oder Generalsekretär Klingbeil. Die großen Regionalkonferenzen der SPD-Spitze stehen derweil in der Kritik, reine Werbeveranstaltungen zu sein. Kühnert ist dort nicht eingeladen.

Kurze Verschnaufpause in einem Bahnhofsimbiss. Die Verkäuferin hat Kühnert nicht erkannt. Vor ihm auf dem Tisch stehen ein Pott Kaffee und ein Stück Mohnkuchen mit Streuseln. "Das wird kein glorreiches Semester", sagt Kühnert, auf sein Studium angesprochen, grinsend. Und was wird dann irgendwann einmal aus ihm? Über Medienberichte, wonach er Minister werden solle, kann Kühnert sich nur amüsieren: "Die SPD will ich erleben, die ihrem Juso-Vorsitzenden ein Ministeramt anbietet." Die Naherfahrung mit dem Berliner Politikbetrieb ändert nichts an seiner Leidenschaft. Daran, dass er sich gut vorstellen kann, das Hobby Politik irgendwann zum Beruf zu machen. Er lerne viel über die Belastung von Politikern. Als es um den Rücktritt von Martin Schulz geht, schwingt etwas Mitleid durch. "Mein Unverständnis wird immer größer über Leute, die sagen, Politik sei nur faul rumsitzen und sich die Taschen vollmachen. Viele haben keine Vorstellung, was für ein Pensum sich damit verbindet."

Die Deutschland-Tour macht Kühnert Spaß, dennoch freut er sich nach diesen anstrengenden Wochen auf den Tag der Entscheidung und auf Urlaub. Aber Kühnert weiß: Wenn er gewinnen sollte, wartet nach dem 4. März noch viel mehr Stress. "Dann stellt sich auch an uns die Frage: Wie geht es weiter und was tragt ihr dazu bei?" Kühnert greift nach seinem Rollkoffer und seinem Rucksack. In wenigen Minuten kommt der Zug. Kühnert muss weiter, der nächste Termin wartet. Noch ist der Kampf nicht vorbei.

Quelle: n-tv.de

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