Politik

Wenig Spielraum in Athen Griechen haben genug von ihren Politikern

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Für einen Scherz im Parlament reicht es. Aber können der zurückgetretene Ministerpräsident Alexis Tsipras und sein Herausforderer Vangelis Meimarakis auch in einer Koalition zusammenarbeiten?

(Foto: REUTERS)

Die Umfragen in Griechenland sind mit Vorsicht zu genießen, aber so viel ist klar: Eine Syriza-Alleinregierung wird es nach der Wahl am Sonntag nicht geben. Im Gegenteil.

Vor den Parlamentswahlen an diesem Sonntag in Griechenland stellen die Umfragen zwei unterschiedliche Realitäten dar. Die Medien, die dem zurückgetretenen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nahestehen, berichten über einen klaren Sieg seiner Linkspartei Syriza. Demnach entfallen auf Syriza rund 28 Prozent der Stimmen, während die konservative Nea Dimokratia, deren neuer Vorsitzender Vangelis Meimarakis heißt, auf 24 Prozent kommt.

Andere Medien, die entweder gleichen Abstand zu beiden Parteien halten wollen oder Nea Dimokratia offen unterstützen, sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen oder einen leichten Vorsprung für die Konservativen.

Für Griechen mit einem wachen Verstand ist das keine Überraschung. Meinungsforschungsinstitute in Griechenland sind dafür bekannt, ihre Umfrage zu manipulieren, damit ihre Kunden zufrieden sind – zumindest in den Daten, die für eine Veröffentlichung vorgesehen sind. Die Wahlergebnisse waren dann häufig peinlich für die Institute. Beim Referendum im Juli beispielsweise waren sie angeblich nicht in der Lage, das mit 62 Prozent am Ende sehr deutliche "Nein" zu den Sparplänen der EU vorherzusagen. Auch damals taten sie so, als lägen beide Seiten so nahe bei 50 Prozent, dass ein Ergebnis unmöglich zu prognostizieren sei.

"Da können wir auch einen Clown wählen"

Egal, wie die jetzige Wahl ausgeht: Die Realität der Griechen ist hart. Alle bisherigen Regierungen haben es nicht geschafft, das Nötige zu tun, um Griechenlands Probleme zu lösen. Stattdessen gaben sie einander die Schuld und warfen ihrer jeweiligen Vorgängerregierung vor, eine "Politik der verbrannten Erde" betrieben zu haben. Dieses Mal allerdings haben die großen Parteien nur wenig Spielraum. Angesichts der Machtverteilung scheint es sowohl für Syriza als auch für Nea Dimokratia so gut wie unmöglich, eine Regierung ohne die andere Partei zu bilden. Zum ersten Mal in der griechischen Geschichte dürfte es eine echte Große Koalition geben, zwischen einer linken und einer Mitte-Rechts-Partei. Das könnte sich als schwierige Aufgabe herausstellen, auch wenn es genau das ist, was die anderen Regierungen in der EU fordern, um das Vertrauen zu Griechenland wieder aufzubauen.

In den vergangenen fünf Jahren haben sich die politischen Realitäten in Griechenland dramatisch verändert. Es gibt kein Vier-Parteien-Parlament mehr, wie es über Jahrzehnte der Normalfall war. Dieses Mal, zumindest nach Angaben der meisten Umfragen, könnten bis zu neun politische Gruppierungen die Drei-Prozent-Hürde überspringen – darunter die Ein-Mann-Partei namens "Union der Zentristen" von Vasilis Leventis. Der 63-Jährige ist ein so scharfer wie bizarrer Kritiker der korrupten griechischen Politik, der es noch nie geschafft hat, ins Parlament einzurücken. Häufig musste Leventis, ein ziemlich reicher Politiker, Spott einstecken für seine Ideen und seinen Stil, die gelegentlich ans Lächerliche grenzen. Jetzt aber wird er seinen politischen Traum wahrmachen, jedenfalls nach allen Meinungsumfragen. Einen solchen Außenseiter ins Parlament zu wählen, dürfte das deutlichste Zeichen für die Haltung unter den Griechen sein. "Wir haben die Nase voll von den korrupten, unfähigen und unehrlichen Politikern", fasst ein Wähler aus Athen die Stimmung zusammen. "Da können wir genauso gut einen Clown wählen."

Übersetzung: Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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