Politik

Ukraines Ex-Diplomat Scherba "Ich bin absolut überzeugt, dass Putin verloren hat"

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Olexander Scherba war auf seiner letzten diplomatischen Station Botschafter in Österreich. Hier ein Bild aus dem Jahr 2016.

(Foto: imago/Rudolf Gigler)

Olexander Scherba meldet sich von irgendwo aus dem Westen der Ukraine. Von hier aus versucht er, die Leitung des Energiekonzerns Naftogaz, die Energieversorgung des Landes, aber auch die Pipelines von Russland nach Westeuropa aufrecht zu erhalten. Der frühere Diplomat und einstige Botschafter in Österreich sieht erschöpft aus. Das Entsetzen über den fortgesetzten Krieg Russlands gegen die ukrainische Zivilbevölkerung ist ihm deutlich anzumerken. Dennoch bekundet Scherba im Gespräch mit ntv.de Stolz und Zuversicht.

ntv.de: Herr Scherba, an diesem Morgen macht der Beschuss eines Krankenhauses in Mariupol weltweit Schlagzeilen. Ihr Präsident, Wolodymyr Selenskyj, spricht von einem Kriegsverbrechen. Schließen Sie sich dem Urteil an?

Olexander Scherba: Absolut, das ist ein Kriegsverbrechen - eines von vielen. Ich habe heute mit einem Freund gesprochen, der ein begeisterter Historiker ist. Er sagte, nicht einmal die Nazis hätten Charkiw so stark bombardiert wie die Russen. Das will etwas heißen.

Wie erklären Sie sich, dass die Armee von Russlands Präsident Wladimir Putin ihren Krieg gegen die ukrainische Bevölkerung richtet?

Das ist für mich alles nicht zu erklären. Wie konnte Putin überhaupt einen Krieg anfangen, der der Ukraine und Russland so viel Schaden zufügt? Ich frage mich, ob Putin überhaupt noch zum rationalen Denken fähig ist. Es macht keinen Sinn, die Städte und Regionen zu bombardieren, wo die Menschen mehrheitlich russischsprechend und ethnisch russisch sind.

In Deutschland wird intensiv debattiert, welchen Beitrag wir für die Ukraine leisten können und müssen. Was kommt davon bei Ihnen an?

Was ich aus Deutschland höre, ist enttäuschend. Vielleicht wird die deutsche Hilfe für die Ukraine nicht gut kommuniziert. Ich habe aber den Eindruck, dass die Position der Bundesregierung nicht so eindeutig und klar ist, wie man es erwarten könnte von einem Land, das als Kern Europas gesehen wird und so weiterhin gesehen werden will. Sogar Österreich, das neutral und nicht in der NATO ist, äußert sich klarer.

Eine weitere mögliche Option wäre ein deutscher oder gar europäischer Boykott russischer Rohstoffe. Wäre das der nächste logische Schritt?

Das ist nicht nur ein logischer Schritt, das ist ein moralischer Schritt. Man muss sich fragen, was deutsche Schüler in der Zukunft in den Geschichtsbüchern über Deutschlands Rolle in diesem Krieg lesen werden? Dass Deutschland nicht gewagt hat, russisches Öl und Gas zu boykottieren, weil man im März Angst hatte, zu frieren? Niemand will frieren, hohe Benzinpreise sind ein Problem und Inflation ist schlecht. Ich verstehe das alles, aber meine Güte: Vor Deutschlands Haustür werden Entbindungsstationen bombardiert. Der Vater einer Freundin wurde gestern in der Region Kiew von einem russischen Panzer getötet, als er in seinem Auto fuhr. Die Freundin ist in der EU und kann nicht zur Beerdigung kommen. Ihre Mutter weiß nicht einmal, wie sie ihren Mann überhaupt ordentlich beerdigen soll. In Mariupol verscharren die Menschen ihre Angehörigen in Massengräbern, ohne eine ordentliche christliche Beisetzung.

Das heißt, Deutschland sollte auch militärisch mehr ins Risiko gehen?

Wir brauchen dringend eine Flugverbotszone. Ich verstehe, dass man keinen Dritten Weltkrieg riskieren will. Nur spielt man nach dieser Logik Putins Spiel mit. Wenn die NATO keine Flugverbotszone durchsetzen will, soll sie uns Kampfjets und Abwehrraketen zur Verfügung stellen.

Sie beraten die Führung des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz. Was können Sie darüber sagen, dass das russische Gas weiter durch die Ukraine nach Westeuropa fließt?

Das Gas fließt weiterhin, weil Tausende unserer Mitarbeiter auch unter Beschuss weiter ihrer lebensgefährlich gewordenen Arbeit nachgehen. Das ist ein Aspekt des Krieges, der oft nicht gesehen wird: Die ukrainische Wirtschaft funktioniert, weil die Menschen trotzdem ihre Jobs machen, gerade im Energiebereich. Wir versuchen, unseren Mitarbeitern Helme und Schutzwesten zur Verfügung zu stellen. Das ist etwas, wobei Deutschland wirklich helfen könnte. Wir haben diese Bitte auch schon an die weltweiten Energiekonzerne herangetragen.

Wie bewerten Sie das Treffen der Außenminister der Ukraine und Russlands, das ohne Ergebnis zu Ende gegangen ist?

Offenbar reiste Herr Lawrow nach Antalya, um eine Kapitulation der Ukraine zu verhandeln. Das, obwohl in 14 Tagen, abgesehen von Kherson, keine einzige große Stadt in der Ukraine eingenommen wurde. Darüber hinaus bestritt Herr Lawrow die Tatsache, dass die Ukraine angegriffen wurde. Ich frage mich: Ist man in Moskau wirklich so realitätsfern oder ist es nur ein Spielchen? Auf jeden Fall lautet die Schlussfolgerung aus diesem Treffen: Die Ukraine muss sich auf weitere Tage oder Wochen des Krieges gefasst machen - und russische Mütter auf weitere Todesbenachrichtigungen.

Zu welchen auch schmerzhaften Zugeständnissen an Russland muss die Ukraine bereit sein, um Putin zu einem Einlenken zu bewegen und das Leid der Zivilbevölkerung zu stoppen?

Präsident Selenskyj hat ja schon gesagt, dass ihn das schwache Auftreten der NATO enttäuscht hat. Man könnte daraus schließen, dass eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine kein Muss mehr für ihn ist. Ein Berater des Präsidenten hat auch die Neutralität der Ukraine nicht ausgeschlossen - solange die Ukraine richtige und nicht heuchlerische Sicherheitsgarantien seitens der Welt hat. Anscheinend gibt es unsererseits mehr Bewegungsbereitschaft als seitens Russlands.

Gilt das auch für die russischen Ansprüche auf die Krim und die selbsternannten "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir werden nicht versuchen, diese besetzten Gebiete militärisch zu befreien, aber das ist unser Land.

Ein Land, das noch vor Kurzem eine sehr zersplitterte politische Landschaft aufwies. Seit dem russischen Überfall dringt von dieser Uneinigkeit kaum noch etwas nach außen. Hat die ukrainische Selbstbehauptung diese Gräben zugeschüttet?

Wir sind alle geschlossen: die Regierung, die Armee, die Zivilisten. Noch vor zwei Wochen waren wir zerstritten über die kleinsten Dinge. Russisch sprechend, Ukrainisch sprechend, Nationalisten, Internationalisten: Diese Trennungen gibt es nicht mehr. Wir sind alle gegen Putin, wir sind alle Ukrainer.

Macht Ihnen das Hoffnung für die Zukunft der Ukraine?

Ich bin absolut überzeugt - das sage ich aus vollem Herzen -, dass Putin verloren hat. Er kann dieses Land nicht erobern, das ist ausgeschlossen. Die Frage ist nur, wann und wie er sich zurückzieht und mit welchen Verlusten von Menschenleben und Zerstörungen das verbunden sein wird. Das ist der schrecklichste Moment meines Lebens, aber auch der stolzeste. Die Ukraine hat der Welt gezeigt, dass sie eine Nation ist; eine Nation, die für ihre Freiheit heroisch kämpft.

Viele Menschen in Deutschland fragen sich, wie sie den Menschen in der Ukraine helfen können. Was wäre Ihr Rat?

Ich bin ein gläubiger Mensch. Beten ist eine große Sache. Nicht schweigsam zu sein, ist eine große Sache. Druck auf die Regierung auszuüben hilft, und Spenden natürlich. Jede Hilfe ist willkommen.

Das Gespräch mit Olexander Scherba führte Sebastian Huld

Quelle: ntv.de

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