Politik
"Ich weiß, wie ich abgestimmt hätte", sagt McAllister. Doch als deutscher Politiker wolle er sich zurückhalten. Und als EU-Parlamentarier sieht er schon die nächste große Debatte auf Großbritannien zukommen.
"Ich weiß, wie ich abgestimmt hätte", sagt McAllister. Doch als deutscher Politiker wolle er sich zurückhalten. Und als EU-Parlamentarier sieht er schon die nächste große Debatte auf Großbritannien zukommen.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 19. September 2014

David McAllister zum Referendum: "Ich habe die ganze Nacht BBC geschaut"

Ziemlich übernächtigt ist David McAllister am Tag nach dem Schottland-Referendum. Kein Wunder: Als halber Schotte hat er die Auszählung bis zur letzten Minute verfolgt. Auch wenn er n-tv.de nicht verrät, wie er abgestimmt hätte, bezeichnet er das Ergebnis als historisch und sieht die britische Politik an einem Neuanfang.

n-tv.de: Haben Sie als Halb-Schotte mitgefiebert, bis heute früh das Ergebnis des Referendums in Schottland feststand?

David McAllister: Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und vor dem Fernseher gesessen. Ich habe mir das stundenlang angeschaut. Das ist ein historischer Moment für Schottland und das gesamte Vereinigte Königreicht. Es wird nie mehr so sein wie es war.

Wie hätten Sie gestern abgestimmt?

Video

Ich weiß, wie ich abgestimmt hätte, wenn ich wahlberechtigt gewesen wäre. War ich aber nicht. Ich bin deutscher Politiker und habe mich zwei Jahre bewusst in dieser Frage zurückgehalten. Ich wünsche mir ein starkes Schottland in einem starken Vereinigten Königreich. Und ich wünsche mir ein starkes Vereinigtes Königreich in einer starken Europäischen Union.

Wie nehmen Sie die Reaktionen der britischen Politiker auf den Ausgang des Referendums wahr?

Man wird jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. Es sind heute Morgen in London und Edinburgh kluge Worte gesprochen worden von Vertretern aller politischen Parteien. Es sei jetzt Zeit, wieder die Gemeinsamkeiten zu betonen und zu überlegen, wie man das Beste für die Schotten und alle Briten im Vereinigten Königreich macht. Führende britische Politiker haben vor dem Referendum dem schottischen Parlament zusätzliche Kompetenzen in Aussicht gestellt. Premierminister Cameron hat angekündigt, jetzt konkrete Vorschläge zu machen und Liberale, Labour und die SNP eingeladen an den Beratungen teilzunehmen.

Sind diese Reformen auch ein Erfolg für diejenigen in Schottland, die für die Unabhängigkeit gestimmt haben?

Die Zusagen, die David Cameron, Nick Clegg und Ed Miliband vor dem Referendum den Schotten gemacht haben, waren auch eine Reaktion auf die Debatte um die schottische Unabhängigkeit. Sicher haben sich viele Schotten bei der Abstimmung auch davon leiten lassen.

Dann hätten die britischen Politiker das Ruder aber in letzter Sekunde herumgerissen. Hat London zu spät erkannt, was in Schottland schwelte?

David McAllister

David McAllister (CDU) wurde 1971 als Sohn eines Schotten aus Glasgow und einer Deutschen geboren. Er wuchs in Westberlin und Bad Bederkesa im Norden Niedersachsens auf. Von 2010 bis 2013 war er dort Ministerpräsident.

Iim Frühjahr 2014 wurde McAllister Spitzenkandidat der CDU für die Europawahl und ist nun Abgeordneter in der Fraktion der Europäischen Volkspartei in Straßburg. McAllister besitzt neben der deutschen auch die britische Staatsangehörigkeit.

Wenn man sich die Umfragen ansieht, hatte bis Anfang August das Nein-Lager immer 20 Prozentpunkte vor dem Ja-Lager gelegen. Erst zum Schluss wurde der Abstand knapper. Das heute ausgezählte Ergebnis deckt sich mit den Prognosen der letzten Tage. Doch viele Schotten - egal wie sie abgestimmt haben - eint eines: Sie möchten gerne, dass die britische Politik insgesamt verbessert wird. Es gibt ein Riesenpotential in Schottland. Im August war ich eine Woche in Glasgow und habe eine hochpolitische Gesellschaft erlebt. Es wäre gut, wenn diese Dynamik und Kreativität jetzt genutzt würde bei den Überlegungen, wie man die schottische Gesellschaft zukunftsfest macht und wie man insgesamt das Vereinigte Königreich erfolgreich in die Zukunft führen will.

In welche Richtung muss sich die britische Politik jetzt bewegen?

David Cameron hat heute Morgen sinngemäß gesagt: "Let us come together and move forward together" ("Lasst uns zusammenkommen und gemeinsam voranschreiten", Anm. d. Red.). Auf die britische Politik kommen jetzt komplexe Diskussionen zu. Es geht ja nicht nur um zusätzliche Kompetenzen für Schottland. Es geht um Zuständigkeiten und um die generelle Zusammenarbeit in und zwischen England Schottland, Wales und Nordirland.

Es wird schon geschrieben von der nun kommenden Selbstentmachtung des britischen Parlaments. Wie können die Kompetenzen der jeweiligen Regionalparlamente und dem Parlament in London geregelt werden?

Bilderserie

Diese Debatte wird die britische Politik jetzt intensiv beschäftigen. Die Diskussion um die Übertragung von weiteren Kompetenzen auf die Regionalparlamente hat begonnen. Am weitesten ist dieser "Devolution"-Prozess in Schottland fortgeschritten. Nun soll es weitere Zuständigkeiten im Bereich Finanzen, Steuern und Soziales geben. Wales und Nordirland könnten ebenfalls weitere eigene Verantwortlichkeiten angeboten werden.

Wo bleibt in dieser Diskussion mit England, der größte Teil des Vereinigten Königreichs?

Das ist die große Frage. England ist in diesem Prozess der "Devolution" bisher außen vor. Ein eigenes englisches Parlament mit eigener englischer Regierung wäre wohl keine Lösung, zielführender sind Überlegungen, die kommunale Selbstverwaltung zu stärken. In England steht man am Beginn einer neuen Debatte.

Teil dieser Debatte wird spätestens nächstes Jahr auch der Verbleib Großbritanniens in der EU. Bringen die angekündigten Reformen hier eine Veränderung in der Stimmung?

Jetzt gilt es erstmal abzuwarten, welche Partei nach den Parlamentswahlen im nächsten Mai die Mehrheit im britischen Unterhaus stellt. David Cameron hat angekündigt, die Beziehungen des Vereinigten Königreichs zur EU neu zu verhandeln, falls seine konservative Partei wieder stärkste Kraft wird. Die Volksabstimmung würde dann in der ersten Hälfte der nächsten Wahlperiode stattfinden, also bis Ende 2017. Nun gilt es in London konkrete Vorschläge zu präsentieren, wie sich Großbritannien konkret ein flexibleres Verhältnis zur EU vorstellt.

Könnte eine grundlegende Reformierung des politischen Systems eine Partei wie die europakritische Ukip wieder schwächen?

Die Ukip ist bei der Europawahl leider stärkste Kraft im Vereinigten Königreich geworden. Die Partei ist vor allem wegen der besonders niedrigen Wahlbeteiligung so stark gewesen. Was diese Frage angeht, ist auch Schottland von Bedeutung für das gesamte Vereinigte Königreich. Denn hier ist die Zustimmung für einen Verbleib in der Europäischen Union höher als in anderen Landesteilen.

Mit David McAllister sprach Nora Schareika

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen