Politik

CDU-Spitzenkandidat Meyer-Heder "Ich war ja früher ganz links"

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Carsten Meyer-Heder wird an diesem Samstag 58 Jahre alt. Die Bremer CDU wählte den IT-Unternehmer im Mai 2018 zum Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl.

(Foto: imago/Hake)

Carsten Meyer-Heder ist Spitzenkandidat der Bremer CDU für die dortige Bürgerschaftswahl am 26. Mai. Erst vor einem Jahr ist er in die Partei eingetreten. Über seinen Wahlkampf sagt er: "Wir versuchen hier in Bremen gerade ein paar Leute abzuholen, die in ihrem Leben noch nie CDU gewählt haben."

n-tv.de: Haben Sie die Entscheidung, Spitzenkandidat zu werden, schon bereut?

Carsten Meyer-Heder: Grundsätzlich nicht. Aber es kommt natürlich auch schon vor, dass ich ein bisschen stöhne.

Es heißt, Unternehmer machten in Regierungsämtern schnell intensive Frustrationserfahrungen, weil Entscheidungen schwerer umzusetzen sind. Sie sind als Spitzenkandidat vermutlich auch in Strukturen eingebunden, die dazu da sind, Sie einzuhegen. Wie kommen Sie bisher damit zurecht?

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Wahlplakat in Bremen.

(Foto: imago/Eckhard Stengel)

Es gibt sicher Unterschiede zwischen der Politik und einem Unternehmen. Aber Unternehmer sind heute nicht mehr so, wie linke Populisten sich das manchmal vorstellen: dickbäuchige Herren mit Zigarre, die ihre Mitarbeiter ausbeuten. Moderne Unternehmer arbeiten konsensorientiert, integrierend, auf das Team bedacht. Entscheidungsprozesse in Unternehmen werden heute viel offener geführt. Wenn ich versuche, etwas gegen den Willen der Belegschaft durchzusetzen, dann klappt das nicht. Ich muss dafür sorgen, dass die Leute mitziehen - wie in der Politik.

Waren Sie im Dezember beim CDU-Parteitag in Hamburg?

Ja.

Wem haben Sie die Daumen gedrückt?

Ich persönlich fand alle drei Bewerber gut und überzeugend. Wenn ich aber auf Bremen gucke und auf die Wahl, die wir gewinnen wollen, dann, glaube ich, ist es für uns gut, dass Annegret das Rennen gemacht hat. Wir versuchen hier in Bremen gerade ein paar Leute abzuholen, die in ihrem Leben noch nie CDU gewählt haben. Einen Friedrich Merz würden die eher nicht wählen. Dafür ist Annegret viel besser - ein bisschen moderater, nicht so polarisierend.

In den vergangenen Monaten hat Annegret Kramp-Karrenbauer schon polarisiert. Nach allgemeiner Lesart ist sie dabei, die CDU konservativer auszurichten, nach rechts zu rücken. Stört Sie das im Wahlkampf?

Wir führen einen sehr bremischen Wahlkampf, mit Bremer Themen. Der Bund spielt dabei nicht die entscheidende Rolle.

Haben Sie politische Positionen, die man konservativ nennen könnte?

Was ist konservativ? Ich war ja früher ganz links. Beim Älterwerden und vielleicht auch im Rahmen meiner unternehmerischen Tätigkeit habe ich zunehmend Werte entwickelt, die ich bei der CDU vertreten sehe: Verantwortung übernehmen, das eigene Verhalten daraufhin überprüfen, was es mit dem Nächsten macht. Nächstenliebe ist ein christlicher Wert, den ich aber für ganz wichtig halte. Ich glaube, dass wir Leistung wieder fördern müssen, gerade in Bremen, wo seit Jahrzehnten versucht wird, alles auf einem Level einzuspielen. Ich glaube, jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich irgendwo einzubringen. Die Kunst besteht darin, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich dahin zu entwickeln, wo sie hinmöchten, je nach Begabung und Ehrgeiz. So machen wir es auch im Unternehmen.

Wissen Sie noch, wann Sie zum ersten Mal CDU gewählt haben?

Nee, das weiß ich nicht mehr. Aber so seit zwanzig Jahren.

Dann war es kein spontaner Übertritt.

Ich habe früher Grüne gewählt, dann auch mal FDP und schließlich CDU. Die SPD habe ich nie gewählt. Das Konzept fand ich nie schlüssig.

Ist es in Ihrem privaten Umfeld normal, CDU zu wählen?

Viele aus meinem Umfeld wollen jetzt mal CDU wählen (lacht). Mein bester Freund ist Zauberer, den kenne ich noch aus meiner Hippie-Zeit, als ich Musiker war. Den habe ich nicht gefragt. Aber ich weiß von Leuten in dieser Szene, die durchaus sehen, was in Bremen schlecht läuft, und jetzt sagen: Geben wir mal den anderen eine Chance.

Was halten Sie als IT-Unternehmer von der Position Ihrer Partei zur Urheberrechtsrichtlinie, die gerade vom Europaparlament verabschiedet wurde?

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Carsten Meyer-Wer? Die Bremer CDU versucht es mit Selbstironie.

(Foto: imago images / Eckhard Stengel)

Unbestritten ist doch, dass das Internet ein Raum sein muss, in dem geistiges Eigentum geschützt wird. Ich finde es eigentlich gut, dass die Verantwortung von den Hochladenden auf die Portale verlagert wurde. Und ich halte es für richtig, dass die Portale Lizenzverträge mit Urhebern schließen müssen. Upload-Filter sind aber nicht die richtige Lösung. Wir haben uns als CDU im Bund und in Bremen klar dagegen ausgesprochen.

Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz hat gewarnt, wenn die CDU "nicht endlich die Kurve kriegt" und positiv auf Fridays For Future und die Artikel-13-Demonstrationen reagiere, dann werde sie eine ganze Generation verlieren. Die Proteste gegen die Urheberrechtsreform liefen ja unter dem Schlagwort "Nie wieder CDU". Als dritten Punkt könnte man noch den neuen Vorsitzenden der Jungen Union nennen, der von einer "Gleichschaltung" in der CDU geredet hat. Ist das etwas, das Ihren Wahlkampf beeinträchtigt?

"Nie wieder CDU" finde ich tatsächlich dramatisch, und die Gefahr, junge Leute zu verprellen, sehe ich auch. Aber ich glaube, es gibt in dieser Generation eher eine Politikverdrossenheit, was Parteien angeht. Das kann man auch auf CDU-Parteitagen sehen. Wir sollten versuchen, mit einer anderen, vielleicht authentischeren Politik junge Leute dafür zu begeistern, sich zu engagieren. Wir sind hier eine städtische, liberale Partei - das sieht man ja an der Vita des Spitzenkandidaten. Und wir hoffen, dass wir das auch im Wahlkampf transportiert kriegen.

Fühlen Sie sich gut angenommen in der CDU? Sie sind ja erst seit einem Jahr Mitglied. Es wäre sicher nicht ungewöhnlich, wenn jemand, der seit dreißig Jahren dabei ist, Ihnen mit Skepsis begegnet.

Stimmt. Ist aber nicht passiert. Ich bin mit 99 Prozent zum Spitzenkandidaten und mit 100 Prozent auf Platz eins gewählt worden. Mehr geht eigentlich nicht. Und Ende Februar war ich zum ersten Mal in Berlin beim Bundesvorstand. Da bin ich auch ganz freundlich empfangen worden.

Sie haben mal gesagt, dass Sie Bürgermeister Carsten Sieling mögen. Würden Sie auch mit ihm regieren?

Ich glaube, er würde das nicht so gern wollen. Wir kämpfen jetzt erst mal für ein sehr gutes Ergebnis. Dann sehen wir weiter.

Haben Sie Kontakte zu Grünen und FDP? Denn spätestens seit den Jamaika-Verhandlungen in Berlin weiß man ja, wie wichtig belastbare Beziehungen bei der Regierungsbildung sind.

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Mit "Annegret" bei einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands im Konrad-Adenauer-Haus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wir führen noch keine Koalitionsverhandlungen. Aber Bremen ist klein. Man kennt sich.

Die CDU steht in den Umfragen bei 25 Prozent. 2017 und 2018 war es nur ein Punkt weniger. Hätten Sie sich mehr erhofft?

Ja.

Woran liegt's?

An den Umfragen (lacht). Im Ernst, ich glaube, dass wir weiter sind. Ich halte eine Umfrage, bei der 1015 Leute auf dem Festnetzanschluss angerufen werden, nicht für repräsentativ. Wenn ich mir meine Mitarbeiter angucke: Das sind 1200 junge Leute. Die wählen jetzt nicht alle CDU, aber ein paar von denen denken vielleicht drüber nach. Von denen hat keiner einen Festnetzanschluss. Immerhin: Was wir geschafft haben, ist historisch. Wir haben die SPD überholt. Aber darauf ruhen wir uns nicht aus, wir geben weiter Gas. Und dann gucken wir mal. Ich bin selbst gespannt - es ist ja mein erster Wahlkampf.

Wie wollen Sie als Quereinsteiger die CDU eine Legislaturperiode lang zusammenhalten - vielleicht sogar eine Koalition?

Vielleicht kann ich das, gerade weil ich Quereinsteiger bin. Weil ich keine Altlasten habe, keine alten Seilschaften und keine alten Probleme. Ich kann jedem völlig offen begegnen. In der Firma habe ich das auch gut hinbekommen. Da gibt es auch einen Haufen Alphamännchen - der IT-Bereich ist leider immer noch sehr männerlastig. Daraus ein Team zu machen, das kann ich.

Würden Sie nach einer Wahlniederlage in der Politik bleiben oder zurück in Ihre Firma gehen?

Die würden mir schön den Vogel zeigen. Ich bin ja gerade dabei, Verantwortung an andere abzugeben. Was ich nach der Wahl mache, hängt vom Ergebnis ab. Wenn ich ein völlig niederschmetterndes Ergebnis kriegen sollte, dann weiß ich's nicht. Aber wenn es passabel ist, dann habe ich einen Auftrag. Wenn es 28 Prozent werden, aber für die Regierung nicht reicht, dann kann ich doch nicht sagen: War alles nur ein Scherz.

Ihre neuen Parteifreunde von der CSU nehmen nach Berlin auch Bremen gern als Symbol für politische Unfähigkeit. Läuft es wirklich so schlecht hier?

Naja, wenn man sich die Zahlen anguckt, muss man leider feststellen, dass wir überall den schlechtesten Platz belegen - Bildung, Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Verschuldung, Kriminalität, Investitionen... Letztlich steht Bremen vor der Wand. Natürlich gibt es hier tolle Flecken zum Leben. Aber bestimmte Stadtteile sind abgehängt, mit hoher Armut und vielen Langzeitarbeitslosen. Rund 15.000 Menschen waren 2018 langzeitarbeitslos. Jeder Fünfte lebt in Armut. Das ist auch die Frage, die ich Herrn Sieling stelle: Seit 73 Jahren hat die SPD die Verantwortung. Wieso soll sich da jetzt etwas verbessern? Zum Beispiel in der Bildungspolitik: Die Sprach- und Schreibkenntnisse eines Neuntklässlers in Bremen sind auf dem Niveau eines Sechstklässlers in Sachsen. Da wundert mich eher, dass Bremen bei den CSU-Kollegen nach Berlin kommt.

Was wollen Sie anders machen, wenn Sie Bürgermeister sind?

Wir haben ein paar Themen identifiziert, auf die wir uns konzentrieren. Bildung ist das wichtigste davon, weil wir da großen Nachholbedarf haben. Dann Wege aus Armut, Wege zu Teilhabe. Die Verkehrssituation ist in Bremen dramatisch. Das ist auch ein Wirtschaftsthema: Wir müssen ja Rahmenbedingungen schaffen, um Firmen anzusiedeln. Zum Glück haben wir ein ganz gutes Wirtschaftswachstum, was aber auch daran liegt, dass Bremen so klein ist. Da sorgt der Erfolg eines Unternehmens gleich für zwei Prozent Wirtschaftswachstum. Wir müssen das Image von Bremen stärken, damit die Leute Lust haben, über Bremen nachzudenken. Wir haben eine tolle Lebensqualität, viel Grün, vergleichsweise niedrige Quadratmeterpreise. Den Pflegekräften in München, Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt müsste man eigentlich sagen: Kommt nach Bremen, da könnt ihr von eurem Gehalt vernünftig wohnen. Und ein wichtiges Thema für uns ist natürlich die Digitalisierung. Da ist die Größe der Stadt ein Vorteil: Bremen kann es schaffen, bundesweit die Vorreiterrolle zu übernehmen.

Wenn Sie die Wahl gewinnen, verliert die SPD ein Bundesland, in dem sie seit Kriegsende den Regierungschef stellt. Es könnte sein, dass die SPD im Bund dann in eine Krise stürzt und Andrea Nahles zurücktreten muss. Hätten Sie da Gewissensbisse?

Die Vorstellung finde ich absurd. Wenn, dann sind Frau Nahles und die SPD schuld, nicht ich. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Vor sechs Wochen wusste im Rest der Republik noch niemand, dass wir hier in Bremen eine Landtagswahl haben. Da wurde viel von den Europawahlen gesprochen und von den drei Landtagswahlen im Osten. Seit wir die SPD in den Umfragen überholt haben, hat sich das geändert.

Mit Carsten Meyer-Heder sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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