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JU-Chef macht sich einen Namen Gleichschaltung? Ernsthaft?

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Der Niedersachse Tilman Kuban ist seit einer Woche JU-Vorsitzender.

(Foto: dpa)

Der neue Chef der Jungen Union benutzt das Wort "Gleichschaltung". Er spricht allerdings nicht über seinen Geschichtsunterricht, sondern über die CDU. Das ist peinlich, dürfte den Zweck allerdings erfüllen.

Die meisten Wähler in Deutschland dürften von Tilman Kuban noch nie gehört haben. Das ist nicht seine Schuld, im Gegenteil, er war gerade erst sehr erfolgreich: Vor einer Woche wurde er auf einem Sondertreffen der Jungen Union mit knapp 63 Prozent zum Chef der Jugendvereinigung von CDU und CSU gewählt. Dabei waren ihm zuvor eher Außenseiterchancen zugebilligt worden.

Der "Welt" sagte Kuban nun diesen Satz: "In den letzten Jahren haben sich viele in der CDU nicht mehr wohlgefühlt, weil wir bei unserer Ausrichtung eine Gleichschaltung erlebt haben. Wir brauchen wieder drei Flügel und Persönlichkeiten, die ihre Meinung sagen."

Gleichschaltung, das sollte man wissen, ist eine Vokabel aus der Nazi-Zeit. Gleichgeschaltet wurden die Länder, die Parteien, politische und unpolitische Organisationen, die Medien und letztlich das gesamte Denken. Die Gleichschaltung war das zentrale Element der Nazis bei der totalen Machtergreifung. Heute wird dieser Begriff gern benutzt, wenn es um Angela Merkel geht. Üblicherweise jedoch nicht von CDU-Politikern, sondern von Leuten aus dem AfD-Kosmos.

Wer von "Gleichschaltung" spricht und damit die Feigheit von Parteifreunden meint, sich gegen die eigene Parteispitze zu stellen, der hätte im Geschichtsunterricht besser aufpassen sollen. Auf Facebook nennt Kuban diese Wortwahl mittlerweile "unpassend". Er stehe aber dazu, "dass andere Meinungen nicht von oben tabuisiert werden dürfen".

Bei den Meinungen, die in der CDU angeblich tabuisiert wurden, geht es natürlich um die Flüchtlingspolitik - um jenes Thema also, über das die Unionsparteien jahrelang in epischer Breite gestritten haben. Gleichschaltung? Tabuisierung? Ernsthaft?

Die "Welt" charakterisiert Kuban als ehrliche Haut, als bodenständigen Typen, der offen ausspricht, was andere nur heimlich sagen. Aber die Vorstellung, in der CDU habe es ein Tabu gegeben, ist absurd. Natürlich freuen sich jetzt viele CDU-Politiker, dass Merkel nicht mehr Parteichefin ist und die neue Vorsitzende Dinge ausspricht, für die sie selbst in den vergangenen Jahren nicht mutig genug waren. Das ist allerdings umso peinlicher, als es genug Beispiele von CDU-Politikern gibt, die keinerlei Probleme damit hatten, ihre Meinung über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin kundzutun.

Hinter dem Gleichschaltungsgefasel steckt keine politische Analyse, sondern die Befindlichkeit eines diffusen Man-wird-doch-wohl-noch-sagen-dürfen-Gefühls. Eines immerhin hat Kuban geschafft. Sein Name ist ein paar mehr Wählern bekannt geworden. Und nur darum geht es schließlich.

Quelle: n-tv.de

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