Politik

Klimarebellion in Berlin "Ich will das einfach nicht miterleben"

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Zwei Aktivisten der Umweltschutz-Gruppe Extinction Rebellion vor dem Brandenburger Tor in Berlin: Sie rebellieren gegen ein "Weiter so" in der Klimapolitik.

(Foto: picture alliance/dpa)

Aus Angst vor den Folgen des Klimawandels rebellieren Hunderte Aktivisten in Berlin. Die Regierung habe in der Klimapolitik versagt - das wollten sie ihnen diese Woche deutlich machen. Dabei gehen die selbst ernannten Rebellen radikal vor, denn ändern tue sich erst etwas, "wenn man Grenzen überschreite".

Seine abgetretenen Nike-Turnschuhe rutschen immer wieder von der glatten Oberfläche des Fahnenmastes, an den er sich mit einem Seil festgebunden hat. Nur mit Mühe kann sich der schlaksige Mann in rund zwei Metern Höhe halten. Fest umklammert er den Eisenmast vor dem Brandenburger Tor in Berlin. "Für eine Klimagerechtigkeit", ruft er mit heller Stimme dem sichtlich genervten Polizisten zu, der ihn vom Boden aus zum Herunterkommen auffordert.

Mit ihm sind am vergangenen Montag rund 200 weitere Menschen auf den Platz des 18. März in Berlin gestürmt. Vorbei an verdutzten Touristen und Beamten, die noch vergeblich versuchen, sie aufzuhalten. In Sekundenschnelle besetzen sie die Straße und blockieren nun den Verkehr. Es ist der Auftakt einer Protestwoche in der Hauptstadt, die von Dutzenden verschiedenen Klimaschutzgruppen organisiert wird - darunter ist auch die radikale Bewegung Extinction Rebellion.

Sechs Wochen vor der Bundestagswahl protestieren die Rebellen, wie sie sich selbst nennen, gegen das "Weiter so" in der Klimapolitik der Bundesregierung. "Wir haben Großes vor", heißt es auf ihrer Homepage. Neben Demos und Sitzblockaden stellen sie mit ihren Aktionen die Folgen des Klimawandels wie das Artensterben oder die Verschmutzung der Weltmeere dar. So wollen sie "Millionen Menschen in Deutschland den Klimakollaps spüren lassen". Auch wenn das bedeutet, gegen das Gesetz zu verstoßen. "Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sich ohne zivilen Ungehorsam nichts ändert", sagt Nora Schareika, Sprecherin von Extinction Rebellion. Zum Start der Aktionswoche ist sie sich sicher: "Wir werden diese Blockade halten, bis die Polizei alle Aktivisten und Aktivistinnen von der Straße gelöst und weggetragen hat. Und wir werden noch mehr werden."

Mit Sekundenkleber für das Klima

Vom Ausharren ist auch Lukas überzeugt. Der 28-Jährige sitzt im Schneidersitz auf dem Asphalt der Straße des 17. Juni. Auf seinem T-Shirt ist eine Sanduhr abgebildet, ein bekanntes Symbol der Bewegung. Es soll deutlich machen: Die Zeit rennt uns davon. "Massenmigration, Dürre, Ernteausfälle - die Folgen der Klimaerwärmung sind schon jetzt so nah", sagt Lukas und zupft sich nervös an seinem goldenen Halsband. "Ich will das einfach nicht miterleben." Dafür müsse man friedlich, aber bestimmt Grenzen überschreiten. "Das ist Demokratie", sagt er mit ernster Miene.

Das Bild um Lukas herum ist bunt: Dutzende Fahnen wehen über den Köpfen der Sitzenden. "Klimakrise = Massenmord" steht auf Transparenten. Viele sind in Gruppen gekommen, einige alleine. Sprechchöre flammen immer wieder auf. Mittendrin wird auch die Radikalität des Protestes deutlich: Ein paar Aktivisten hocken in gebückter Haltung auf der Straße und pressen ihre Handflächen auf den Asphalt. So schnell soll sie dort keiner wegbekommen - sie haben ihre Hände mit Sekundenkleber auf die Straße geklebt. Mit Turbanen und bunten Sonnenschirmen schützen sie sich vor der Mittagssonne. Sonnencreme wird herumgereicht. Ein rosa Bär tanzt zum Gitarrensolo eines Aktivisten. Festivalstimmung kommt auf, um dann wieder vom wütenden Ernst der Rebellen gebrochen zu werden.

"Armin Laschet auf den Mond - das ist Raumfahrt, die sich lohnt", tönt es plötzlich aus riesigen Boxen am Rande der Sitzenden. Die 22-jährige Friede erhebt sich kurz von der Straße, rückt die Kappe auf ihren Dreadlocks zurecht und betont jede Silbe: "Das -ist -Raum -fahrt -die -sich -lohnt!" Die junge Frau ist frustriert. "Die Politiker tun so, als wäre Geld das Einzige, was zählt." Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen. "Dass die Klimapolitik nur von Lobbyisten bestimmt wird, muss endlich aufhören." Sie nennt damit eine der drei Forderungen, die in diesem Protest immer wieder zu hören sind. Die anderen beiden: eine Bürgerinnenversammlung und der sofortige Ausstieg aus den fossilen Energien.

"Team Blau sorgt für Verzögerungen"

Neben Friede ist ein Rucksack aufgetürmt, der beinah so groß ist wie sie. "Wir sind vorbereitet", grinst sie. Dass sie gekommen sind, um zu bleiben, wird auch auf anderen Decken deutlich. Ein Mädchen zieht ein Rummy-Spiel aus ihrer Tasche. Riesige Brotdosen werden ausgepackt, Zelte liegen bereit. "We are unstoppable" steht in schwarzen Buchstaben auf einem Schild. Im Hintergrund der Menge blitzt die blaue Farbe Dutzender Einsatzwagen der Berliner Polizei. Sie begrenzen die Blockade auf einen kleinen Teil der Straße des 17. Juni und machen deutlich: Auch die Polizei ist gut vorbereitet.

Sie ist mit einem Großaufgebot von rund 1400 Beamten im Einsatz. Am Morgen verhinderte sie bereits einige Blockaden in der Hauptstadt. "Team Blau sorgt für Verzögerungen", meldeten die Klimaaktivisten ihren Unterstützern über den Nachrichtendienst Telegram. Einige geplante Aktionen hätten nicht geklappt, auch weil "die Innenstadt mit Hundertschaften gefüllt" gewesen sei, schrieb das Bündnis aus vielen Initiativen später.

Auch der Monbijoupark in Berlin-Mitte ist mittlerweile abgeriegelt und umstellt. Rund 100 Aktivisten haben es vorher hineingeschafft. In Windeseile ziehen sie riesige Festzelte in dem Park direkt an der Spree hoch - "hier soll eine Begegnungsstätte entstehen", sagt Susanne Egli von Extinction Rebellion. Der Park solle die ganze Woche lang eine Anlaufstelle für Klimaschützer werden, die keine Sitzblockaden unterstützen könnten.

Die nächsten Jahre "werden richtig scheiße"

Währenddessen errichten einige der jungen Frauen und Männer Hochsitze, andere verschanzen sich in den Bäumen des Parks. Ein Aktivist hat es bereits bis in die Krone eines Ahornbaumes geschafft. "Ich mache das hier übrigens, weil ich nicht sicher sein kann, dass ich guten Gewissens Kinder in diese Welt setzen kann", brüllt der junge Mann mit den blonden Locken, während er sich mit Kletterseilen sichert. "Wir haben das Ganze hier nicht angemeldet. Da hilft es natürlich, länger zu bleiben, wenn manche Menschen sich ein bisschen stärker verankern", erklärt die Aktivistin Clara und lächelt. Die 27-jährige Berlinerin sitzt mit anderen Aktivisten eng um den Ahornbaum herum. Kurz schaut sie nach oben zum Kletterer. Dann erlischt das Lächeln auf ihrem schmalen Gesicht: "Ich habe noch so viele Jahre vor mir auf dieser Erde. Aber so wie es jetzt aussieht, werden die richtig scheiße."

Über ihr hantiert der Kletterer gerade mit einer Palette, die sein Lager für die nächsten Tage werden soll, als die Situation für einen kurzen Moment eskaliert: Ein Beamter greift nach der Schlaufe des Seils, an dem die Palette befestigt ist. Er will verhindern, dass sie in die Baumkrone gelangt. Mehrere Aktivisten rangeln mit dem Polizisten um die Palette. Eine Frau hält ihre blaue Perücke fest und brüllt mit voller Kraft: "Wir sind friedlich, was seid ihr?" Die Menge stimmt sofort mit ein. Am Ende behält der Beamte die Oberhand. Das Seil der Palette hält er für die nächsten Stunden in seiner rechten Hand.

Die Stimmung zwischen den Aktivisten und den Beamten ist an diesem Protestauftakt friedlich, aber angespannt. Es ist ein Gerangel um Zugeständnisse auf beiden Seiten. Um Paletten, um das Abbauen der Festzelte, um Wasser für den Kletterer, um die Einhaltung der Hygienemaßnahmen und schließlich um die Anerkennung als Klimaprotest-Versammlung.

Der Plan geht nicht ganz auf

Gegen frühen Abend erscheinen Polizisten in Klettermontur. Der junge Aktivist mit den blonden Locken muss die Baumkrone verlassen und schon am nächsten Morgen ist von der Klimaprotest-Begegnungsstätte im Monbijoupark nichts mehr zu sehen. Auch am Brandenburger Tor hängt kein Aktivist mehr am Fahnenmast. Der Verkehr auf der Straße des 17. Juni läuft wieder ungestört. Die Rebellen hatten geplant, zu bleiben. Geklappt hat das jedoch fast nirgendwo.

"Das Polizeiaufgebot war deutlich größer, als wir es bisher kennen", bilanziert Schareika die Protestwoche. Das schon am Montag geplante Beklettern des Brandenburger Tors sei am Freitag beim zweiten Versuch doch noch geglückt, wenn auch ohne Banner. Die Sprecherin von Extinction Rebellion ist trotzdem zufrieden. Nach der Flutkatastrophe und dem alarmierenden Bericht des Weltklimarats sei das Thema präsenter denn je. "Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Schareika. "Und unsere Aktionen werden nicht abreißen - das war nur der Anfang."

Quelle: ntv.de

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