Politik

"What the hell is going on?" In Berlin erklärt Bernie Sanders die USA

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Bernie Sanders an der FU in Berlin.

(Foto: imago/Klaus Martin Höfer)

Kein zielgruppenspezifisches Polit-Gequatsche, kein schwammiger Optimismus, nur Gerechtigkeit und Gemeinsamkeit. Auch in Deutschland bringt Bernie Sanders mit dieser Botschaft ein Publikum aus jungen Leuten zum Jubeln.

"Ich sehe weiße Haare, er steht schon vor der Tür", sagt einer der Jungs in Reihe fünf. Sie sind richtig aufgeregt. Bernie Sanders kommt nach Berlin und hält einen Vortrag an der Freien Universität. Der Hörsaal ist voll mit überwiegend jungen Leuten. Es ist ein Publikum wohl ganz nach dem Geschmack des Mannes, der die Vorwahlen der US-Demokraten im vergangenen Jahr zwar verloren hat, dabei aber mehr Begeisterung entfachte als Hillary Clinton.

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Trotz längerer Passagen über Details der US-Innenpolitik war das Publikum begeistert.

(Foto: imago/Klaus Martin Höfer)

Die weißen Haare da draußen gehören allerdings nicht dem Senator aus den USA. Der steht noch im Stau und kommt später. Als er schließlich in Begleitung seiner Frau Jane den Saal betritt, bricht Jubel aus.

Sanders hat ein Buch geschrieben, es heißt "Unsere Revolution". Eigentlich ist er hier, um Werbung dafür zu machen. Das ist zumindest der formale Grund. Tatsächlich will er für seine Botschaft werben: Gerechtigkeit. Und zwar in einem höchst umfassenden Sinne - Gerechtigkeit für Frauen, für Homosexuelle, für die Umwelt, für Minderheiten, für Arme sowieso, für alle Menschen, weltweit. Und, das kündigt er gleich zu Beginn an, er will darüber sprechen, was sich wohl alle hier fragten: "What the hell is going on in the United States?"

Rund eine Stunde spricht er. Er fuchtelt mit den Händen in der Luft, wenn er etwas unterstreichen will, er erspart dem Publikum keine Details des Haushaltsplans von Donald Trump ("eine massive Umverteilung von den Armen zu den Reichen"), er spricht über den drohenden Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ("verrückt und gefährlich"), über erneuerbare Energien und den Mangel an Respekt, den Trump der Demokratie entgegenbringe. Immer wieder versucht er, den Ruf der USA zu retten. "Viele Amerikaner kratzen sich am Kopf und fragen sich, warum Donald Trump Russlands Präsident Wladimir Putin so bewundert."

Und dann erklärt er, wie zur Hölle es zu alldem kommen konnte. "Trump hat das Weiße Haus gewonnen, weil Millionen Amerikaner von der globalen Wirtschaft abgehängt wurden." Sanders spricht von rostenden Fabriken im ländlichen Amerika, von Kleinstädten, die ihre Bewohner verlieren, von Menschen, die neun Dollar pro Stunde verdienen. Diese Leute hätten sich gefragt, ob überhaupt noch jemand merke, dass es ihnen schlecht gehe. "Und die traurige Wahrheit ist, dass wir in Washington nicht gemerkt haben, dass es diesen Leuten schlecht geht." Dass sie vom neuen Präsidenten etwas zu erwarten hätten, glaubt Sanders nicht. Im Wahlkampf habe Trump sich als Freund der kleinen Leute dargestellt, aber jetzt mache er eine Politik, die sich nicht um die arbeitenden Menschen kümmere.

Ganz anders als Barack Obama

Seine Rede schließt Sanders mit einem Appell: "Unsere Aufgabe ist es, zusammenzustehen, Deutschland, die Vereinigten Staaten, die gesamte Welt." Es ist ein Aufruf an die jungen Leute hier im Audimax, aber eigentlich an die gesamte Menschheit. Das klingt ein bisschen nach Barack Obama, dem Ex-Präsidenten, dem die meisten hier vermutlich nachtrauern. Aber doch völlig anders.

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Zum einen klingt es anders, weil Sanders nicht nur radikaler ist, sondern auch weniger schwammig als dieser Optimismus, den Obama erst kürzlich in Berlin gepredigt hat. "Wir müssen aufstehen gegen die Milliardärsklasse, und wir müssen ihnen sagen, dass ihre Gier und ihre Rücksichtslosigkeit nicht mehr akzeptabel sind." Von Obama hat man so etwas noch nicht gehört.

Auf den Vortrag folgt noch ein Interview mit Christoph Amend, dem Chefredakteur des "Zeit"-Magazins, das neben der FU und Sanders' deutschem Verlag Ullstein als dritter Veranstalter dieses Abends fungiert. Sanders und Amend sitzen an einem Tisch, auf dem zwei Gläser und zwei Wasserflaschen stehen, wie das in solchen Situationen eben üblich ist. Schon nach wenigen Minuten hält Sanders es nicht mehr aus. Er steht auf, er spricht lieber im Stehen. Für Amend ist das ein peinlicher Moment. Er scheint sich zu fragen, was er jetzt machen soll. Dann steht er ebenfalls auf. "Fühlt sich an wie ein Townhall-Meeting", sagt er. "Genau das will ich", antwortet Sanders.

Am Ende der Veranstaltung, nach mehr als anderthalb Stunden, lobt der 75-Jährige den Journalisten für seine Fragen. Dabei hat Sanders es ihm nicht gerade leicht gemacht. Immer wieder versucht Amend, Anekdoten aus seinem Gesprächspartner herauszukitzeln. Wie war es, als Sie im Wahlkampf das Video mit dem Rapper Killer Mike gedreht haben? Wie war Ihr Treffen mit dem Papst, Sie sollen ja im selben Gebäude wie er übernachtet haben? Wie war das damals in Chicago, als Sie verhaftet wurden? Stimmt es, dass Sie mal zum am schlechtesten gekleideten Mitglied des Kongresses gewählt wurden?

"Wir haben allen das Gleiche erzählt"

Sanders ist ganz zweifellos ein hervorragender Redner. Jetzt, im Interview, ist er durchaus freundlich und gibt sich wirklich Mühe. Aber so eine Unterhaltung liegt ihm nicht. Und auf einmal wird klar, was ihn von Obama und ganz grundsätzlich von normalen Politikern unterscheidet. Er will nicht mit dem Publikum flirten. Er will keine Anekdoten erzählen. Er will die Menschen überzeugen. Er glaubt an seine Sache.

Äußerlichkeiten mag er nicht, die lenken von seinen Inhalten ab. Als er sagt, dass er noch nie ein Selfie gemacht habe, macht Amend eines mit ihm. Auch dies wird ein leicht peinlicher, wenn auch charmanter Moment. Über sein Treffen mit dem Papst sagt Sanders: "Oh Gott, ist das eine Geschichte!" Aber er erzählt sie dann nicht. Stattdessen erklärt er, wie radikal die wirtschaftspolitischen Ansichten des Papstes seien. Als Amend darauf hinweist, dass es mittlerweile schon Modefirmen gebe, die Sanders' Stil kopieren, entfährt ihm ein "Jesus Christ". Er lächelt aber dabei. Dann guckt er zu seiner Frau. Man kann nicht genau verstehen, was er sagt, aber es klingt wie: "Siehst du, was habe ich dir gesagt!?"

Auf Amends Bemerkung, es gebe eine Parallele zwischen Bernie Sanders und Angela Merkel, weil beide als Außenseiter gestartet seien, geht Sanders gar nicht ein. Vermutlich legt er keinen Wert auf diesen Polit-Smalltalk. Merkel sei wahrscheinlich nicht die progressivste Person, sagt er nur. "Aber im Vergleich zu unserem Anführer sieht sie ziemlich gut aus."

Nach Tipps für die deutschen Sozialdemokraten, die ja auch viel Wert auf Gerechtigkeit legen, fragt Amend den Amerikaner leider nicht. Aber er fragt ihn, wie er es geschafft habe, im Vorwahlkampf so viele junge Leute zu begeistern. Sanders antwortet: "Ich habe keine Ahnung", fügt dann allerdings hinzu, dass sich Politiker normalerweise Untersuchungen anfertigen ließen, um herauszufinden, was sie den unterschiedlichen Wählergruppen erzählen sollen. "Wir haben das nicht gemacht, wir haben allen das Gleiche erzählt." Eine ähnliche Antwort gibt er auf die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolgs. Zwei Geheimnisse gebe es: "Das erste ist, ehrlich zu sein, das zweite, Leute zusammenzubringen."

Letzteres wiederholt er noch einmal, bevor er sich verabschiedet: "Unsere Aufgabe ist es, die Menschen zusammenzubringen." Wie gesagt: Er meint uns alle. Auf dem Weg nach draußen schüttelt Sanders zahllose Hände. Nicht nur die Jungs aus Reihe fünf sehen geradezu beseelt aus.

Quelle: n-tv.de

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