Politik

Konflikt über Kampfübungen In Schussposition hinter dem Gegner

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Fliegen am Limit: Die Eurofighter der Bundeswehr

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Piloten der Luftwaffe fliegen Übungen am Limit - technisch und fliegerisch. Das birgt ein Risiko für die Bevölkerung. Doch kann Deutschland auf das Extrem-Training über der Heimat verzichten?

Eine trügerische Idylle: Ruhig liegt der Wald am Rand von Jabel am Kölpinsee in der Sonne. Doch hier durchkämmen 300 Soldaten Zentimeter für Zentimeter des Waldbodens. Ihr Auftrag lautet am Tag 1 nach dem schweren Unglück, auch das kleinste Überbleibsel der zwei abgestürzten Eurofighter zu sichern, das ihnen begegnet. Doch konzentrierte sich die Suche vor allem auf zwei entscheidende Wrackteile: die Flugdatenschreiber der beiden Jets. Am späten Nachmittag kam die Meldung, sie seien gefunden.

Die Flugschreiber werden Auskunft darüber geben, was gestern am Himmel über Mecklenburg Vorpommern passiert ist: Welcher Fehler den Absturz der zwei Kampfjets verursachte, aus denen sich beide Piloten per Schleudersitz herauskatapultieren konnten. Nur einer landete lebend. Sein Fallschirm verfing sich in einer Baumkrone, dort hängend musste der Soldat auf seine Bergung warten. Nach Aussage der Luftwaffe war er der erfahrenere der beiden, ein Oberstleutnant mit mehr als 3700 Flugstunden, einer ihrer kompetentesten Fluglehrer. Sein Kamerad: ein Oberleutnant, der die Grundausbildung abgeschlossen hatte, mit 400 Flugstunden nun in der "verbandsinternen Aus- und Weiterbildung" war. Der dritte Jet, der mit den beiden anderen zusammen am Himmel übte, kam sicher wieder am Boden an.

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(Foto: picture alliance/dpa)

Die drei Kampfflugzeuge, jedes in der Lage, doppelte Schallgeschwindigkeit zu erreichen, waren gemeinsam unterwegs in einer Übung, bei der ein Jet den Feind simuliert, und die anderen beiden ihn jagen. Man versucht, in Schussposition zu kommen, hinter dem Gegner. Es zählen Reaktionsschnelle und Wendigkeit, aber auch gute Absprachen. "Je schneller ich fliege, desto eher fliege ich nur noch geradeaus. Darum fliegen die Piloten bei dieser Übung deutlich langsamer als Höchstgeschwindigkeit", sagte ein Sprecher der Luftwaffe im Gespräch mit n-tv.de, "weil die Flugzeuge hier extremste Manöver fliegen". Der Militärexperte Thomas Wiegold fasste es auf n-tv so zusammen: "Das ist am fliegerischen Limit, das ist auch am technischen Limit der Maschinen."

Ein Wrackteil in der Nähe eines Kindergartens gefunden

Wenn zwei Kampfjets, die am Limit fliegen, zusammenstoßen, ist eine der gefährlichen Folgen, dass die ungeheure Wucht die Wrackteile kilometerweit auseinanderspritzen lässt. Ein Bauteil, zerbeult, etwa einen halben Meter lang, entdeckte ein Gemeindemitarbeiter aus dem Dorf Nossentiner Hütte heute Morgen auf einem Sportplatz. Am Rand des Ortes war der zweite Jet aufgeprallt. In nächster Nähe des Sportplatzes: ein Kindergarten. "Wir können von Glück reden, dass wir so davon gekommen sind", sagte die Leiterin nach dem Fund. Einige der Kinder hätten den Absturz des Kampfjets vom Fenster aus beobachtet.

Für eine Prüfung, in welchen Regionen und in welchem Ausmaß Eurofighter fliegen dürfen, hat sich heute die Landesvorsitzende der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern, Claudia Schulz, ausgesprochen. Auch Einschränkungen von Flügen über Urlaubsregionen sollten geprüft werden. Der Bürgermeister der Stadt Waren, einem der touristischen Zentren der Mecklenburgischen Seenplatte, plädierte dafür, auf Übungsflüge dort zukünftig zu verzichten. "Viele Touristen haben kein Verständnis dafür, dass ausgerechnet rings um die Müritz solche Tiefflüge geübt werden", sagte der SPD-Bürgermeister Norbert Möller dem "Nordkurier". Die Linke geht deutlich weiter: Sie forderte heute eine sofortige "Einstellung von allen Tiefstflügen von Bundeswehr-Kampffliegern". Laut ihrem verteidigungspolitischen Sprecher Tobias Pflüger zeige der Unfall, "wie leichtsinnig die Bundeswehrführung mit unser aller Leben umgeht".

Doch existiert in Deutschland kein ausreichend großes, zusammenhängendes Gebiet, über dem Kampfpiloten trainieren könnten ohne das Restrisiko, das bei einem Unglück Unbeteiligte zu Schaden kämen. Dazu ist Deutschland schlicht zu dicht besiedelt. Auch wenn die Bundeswehr inzwischen verstärkt auf Simulatoren übt, nicht zuletzt, weil eine Flugstunde im Eurofighter zwischen 75.000 und 80.000 Euro kostet: Ein völliger Verzicht auf Übungsflüge über der Heimat ist für die Luftwaffe keine Option. "Es ist unglaublich wichtig, dass sich unsere Piloten sicher über Deutschland zurechtfinden können, notfalls auch nur mit Sicht über Deutschland navigieren können. Denn das hilft natürlich immens, schnellere Entscheidungen zu treffen", erklärte ein Luftwaffensprecher n-tv.de. "Ich muss nicht erst auf meine Geräte gucken, um zu wissen, wo ich bin, sondern ich gucke kurz aus dem Fenster raus und weiß, ich befinde mich hier, ich muss da und da hin."

"Wenn die Piloten nicht üben, wird es umso gefährlicher"

Für die Grundausbildung, in der es darum geht, sich mit dem Flugzeug vertraut zu machen, ist der Ort der Übung nicht so relevant. Der tödlich verunglückte Pilot hatte seine Grundausbildung in Spanien absolviert. Doch je weiter ein Kampfflieger in seiner Ausbildung fortgeschritten ist, desto wichtiger wird das überflogene Gebiet. "Wenn ich bestimmte Dinge üben will, wie zum Beispiel in Küstennähe, im Gebirge, mit Radarstellungen am Boden, dann sind das je nach Übungsraum spezielle Anforderungen", erklärt Tobias Lindner, verteidigungspolitischer Sprecher der Grünen. "Dann kann ich ein Gebiet nicht beliebig austauschen." Simulatoren sind laut Lindner "ein guter Plan B, wenn es darum geht, dass Piloten Flugstunden absolvieren, um ihre Lizenzen zu erhalten. Aber mit Blick auf die Beschleunigung und die Kräfte, die auf den Piloten wirken, kann der Simulator den Trainingsflug nie vollständig ersetzen." Wenn die Piloten nicht übten, werde es umso gefährlicher.

"Funktionierendes Gerät ist ein knappes Gut in der Bundeswehr"

Nicht immer jedoch können Bundeswehrpiloten so viel üben wie es sinnvoll und nötig wäre. Die Einsatzfähigkeit der Eurofighter liege zurzeit bei 60 Prozent, so hieß es heute aus dem Verteidigungsministerium. Sie sei damit deutlich gestiegen. Dennoch bedeutet das im Umkehrschluss 40 Prozent Jets, die nicht fliegen können. Wartung und Überholung dauerten zu lange, sagte ein Ministeriumssprecher in Richtung der Industrie.

Hinzu kommt die Belastung des Materials durch Auslandseinsätze. Eurofighter der Luftwaffe fliegen zurzeit zum Beispiel Einsätze über dem Baltikum. "Sie übernehmen dort lufthoheitliche Aufgaben für unseren Nato-Partner Estland", sagte ein Luftwaffensprecher n-tv.de. "Salopp gesagt sind sie eine Luftpolizei." 140 Jets vom Typ Eurofighter hat die Bundeswehr. Sie gelten als sehr stark in der Beschleunigung, wendig und vielseitig einsetzbar. "Wenn die Bundeswehr in einen Auslandseinsatz geht, schickt sie natürlich richtigerweise funktionierendes Gerät dorthin", sagt Tobias Lindner. Jedoch fehle dieses dann im Heimatbetrieb und für die Flugstunden. "Funktionierendes Gerät ist ein knappes Gut in der Bundeswehr."

Quelle: n-tv.de

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