Politik

Israelis im Dienst der Ukraine Kämpfen in fremder Uniform

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In den Uniformen der ukrainischen Armee kämpfen auch Angehörige anderer Staaten, manche Israelis ziehen aus Verbundenheit in den Krieg.

(Foto: picture alliance / AA)

Längst nicht alle, die die Ukraine gegen Russland verteidigen, sind auch Ukrainer. Aus 52 Ländern soll Kiyvs Armee Kämpfer in ihren Reihen haben. Israelische Kämpfer sind meist sehr gut ausgebildet, oft treibt sie ihre Geschichte in diesen Krieg.

Während des Zweiten Weltkrieges gab es auf alliierter Seite viele Soldaten aus den Kolonialgebieten Frankreichs und des Vereinigten Königreichs. Selbst aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina kämpften über 30.000 Juden gegen die Nazis und ihre Verbündeten, darunter 250 Fallschirmjäger, die in die von Deutschland besetzten Länder absprangen. Die Auserwählten waren oft Emigranten aus Europa, die mit unterschiedlichen Missionen in ihre Herkunftsländer geschickt wurden. Unter ihnen war auch die aus Budapest stammende und später im Kibbuz Sde Jam bei Haifa lebende Dichterin Hanna Szenes. Im Sommer 1944 wurde sie von den Faschisten ermordet.

"In unserer Ortschaft ist ihr Heldentum allgegenwärtig und ich wollte immer das Gleiche tun, sollte Israel oder die Ukraine in Gefahr sein", sagt Jevgeni Katz, der in Odessa geboren wurde. Über Skype spricht er von Charkiw aus mit seiner Frau im Kibbuz. "Durch meine emotionale Verbindung zur Ukraine musste ich aktiv bei seiner Verteidigung helfen."

Katz wanderte 2001 mit 11 Jahren in den jüdischen Staat ein und gehört zu den Israelis - meistens mit ukrainischen Wurzeln -, die sich aufmachten, um gegen Russland zu kämpfen. Der als Chirurg ausgebildete Reserveoffizier der israelischen Streitkräfte (IDF) flog bei Kriegsbeginn nach Warschau und fuhr mit einem Militärkonvoi über die Grenze. Bereits nach einigen Tage versorgte er als Sanitäter bei einem Bataillon viele Verwundete an der Ostfront. "Mittlerweile hat unsere Gegenoffensive eine Stelle an der russischen Grenze erreicht", erzählt der Mediziner. Trotzdem ist seine Einheit weiterhin vorsichtig, die Krankenwagen evakuieren Verletzte im Schutz der Nacht, trotz widriger Straßenverhältnisse fahren sie ohne Licht. "Wir leben und arbeiten im Dunkeln."

Die Familie wurde getötet, er zog in den Krieg

Trotz Zurückdrängung bereitet sich Russland auf eine neue Offensive im Osten des Landes vor. Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, wollen sie ihre Bewegungen in den Süden verstärken, wo seine Armee schon wartet. Diese besteht aus regulären Truppen - eine Territorialverteidigung im Stil der Nationalgarde und die seit Kriegsbeginn aufgestellte internationale Legion mit vielen ausländischen Söldnern, darunter einigen Israelis. Diese nehmen aktiv an den Kämpfen teil, koordiniert mit dem offiziellen Militär, aber nicht unter dessen formeller Autorität.

"Wir sind keine reguläre Armee", sagt Roi Levy, Scharfschütze in einer Kompanie von ausländischen Kämpfern während eines Whatsapp-Videoanrufs. "Wir erhielten nur grundlegende Unterstützung wie Wohnung, Essen und Maschinengewehre." Nachdem der in Jerusalem geborene Koch eine jüdische Einwanderin aus Kiew geheiratet hatte, entschied er sich, mit den gemeinsamen Kindern in der Geburtsstadt seiner Frau ein orientalisches Restaurant zu eröffnen. "Es wurde mein neues Zuhause", erzählt der Israeli. "Kurz nach Beginn des Konflikts schlug eine Rakete in unser Gebäude ein und tötete meine Familie. Ich fasste den Entschluss, gegen die russischen Invasoren zu kämpfen, und wurde Soldat beim internationalen Bataillon."

Durch seine Zeit bei einer Eliteeinheit der IDF bringt er viel Kampferfahrung mit. Vor allem bei den zahlreichen Gefechten in der vom Krieg gebeutelten Hauptstadt. Seine Kompanie ist in der militärischen Infrastruktur der Ukraine integriert und diese koordiniert ihre Aufträge. "Aufgrund unserer Ausbildung und Erfahrung erhalten wir vom Oberkommando verschiedene Missionen", erklärt Levy. "Dazu gehören Spezialeinsätze, Aufklärung sowie das Räumen von Sprengfallen und Minen in befreiten Gebieten."

Während er als Freiwilliger dient, kämpfen viele ausländische Söldner auf beiden Seiten. Denn auch im Ukraine-Konflikt unterscheidet sich die Kriegsführung von der des letzten Jahrhunderts. So sind viele private Sicherheits- und Militärunternehmen ein Teil davon. Staaten können durch ihren Einsatz Sanktionen umgehen und sich so als Auftraggeber am Ende politisch distanzieren. Vor allem russische Schattenarmeen - wie die berüchtigte Wagner-Gruppe, die schon in Syrien und Afrika brutal vorging - drängen seit Jahren immer stärker auf den privaten Sicherheitsmarkt.

Manche treibt Abenteuerlust in den Krieg

So hat auch die Ukraine über 20.000 ausländische Söldner aus 52 verschiedenen Ländern in ihren Reihen. Während die meisten oft keine militärische Ausbildung haben und aus Abenteuerlust oder als Kriegstouristen am Konflikt teilnehmen, sind die meisten Israelis kampferprobte IDF-Veteranen.

"Wir wissen, dass einige dort sind", erzählt Joram, der eigentlich anders heißt, ein Berater beim israelischen Verteidigungsministerium, "darunter einige aus unseren Eliteeinheiten". Laut russischer Propaganda sollen manche sogar an der Seite des rechtsextremen Asow-Regiments kämpfen.

Der Aufruf kam von der ukrainischen Botschaft in Tel Aviv, um Israelis ukrainischer Abstammung für den Kampf gegen Russland zu rekrutieren. Obwohl das israelische Gesetz seinen Bürgern verbietet, sich ausländischen Armeen anzuschließen, hat Kiew darauf bestanden, dass Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft von diesem Gesetz ausgenommen sind. "Freiwillige ohne militärische Erfahrung, Sprach- und Ortskenntnisse sind dort ein leichtes Opfer", betont Joram. Der Sicherheitsexperte weiß, dass seine Landsleute bestens ausgebildet sind, doch er bezweifelt ihre Wirksamkeit. "Israelis allein können keinen strategischen Unterschied ausmachen."

Trotzdem möchten diese bis zum Sieg bleiben. Auch um die Demokratie gegen die russische Autokratie zu verteidigen. "'Nie wieder', so lautete das Motto nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Jevgeni Katz aus dem Kibbuz Sde Jam und wirft den westlichen Kriegsgegnern Heuchelei vor. "Aus ihrer Komfortzone fordern sie von der Ukraine eine Deeskalation, wissen aber, dass der Aggressor dies nicht tun wird. Nazi-Deutschland wurde auch nicht durch Demonstrationen und Sit-Ins besiegt."

Der Mediziner möchte nicht, dass ein stalinistisches Regime unter Putins Namen die Ukraine regiert. Er folgt dem Geist der Dichterin Hanna Szenes, die sich ebenfalls entschied, ihr Herkunftsland gegen das Böse zu verteidigen. "Krieg ist schrecklich, doch um die Freiheit zu bewahren, muss man manchmal kämpfen."

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 29. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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