Politik

Gefallenes Stahlwerk in Mariupol Der Widerstand war nicht umsonst

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Das Stahlwerk Asowstal wurde zwischenzeitlich auch bombardiert.

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Kiew und Charkiw widerstehen dem russischen Ansturm, nicht aber Mariupol. Jetzt geht auch der Kampf um das Stahlwerk zu Ende, die meisten Kämpfer ergeben sich. Die Stadt ist damit komplett in russischer Hand. Doch die Opferbereitschaft hatte ihren Sinn.

Helden der Ukraine sind sie schon lange, jene Kämpfer, die in Mariupol ausharrten und sich nicht ergeben wollten. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie nun doch die Waffen niederlegen. Die Verteidiger des Asow-Stahlwerks begeben sich in russische Gefangenschaft. Damit endet der Kampf um die Hafenstadt im Südosten der Ukraine, die der russische Präsident Wladimir Putin eigentlich schon vor Wochen erobert haben wollte. Auch deshalb, weil das seinen Truppen 2014 schon nicht gelang.

"Die Ukraine braucht lebende Helden", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Ob die Kämpfer am Leben bleiben werden, ist ungewiss. Verletzte sollen angeblich behandelt werden, aber werden sie das tatsächlich? Angesichts des brutalen Vorgehens der Russen scheint alles möglich. Vielleicht haben die Gefangenen Glück und werden als Geiseln betrachtet, die noch nützlich werden könnten. Für einen Austausch etwa. Bislang macht die russische Führung allerdings nicht den Eindruck, viel auf das Leben der eigenen Soldaten zu geben.

Sinnlos und verzweifelt wirkte es, als sich rund 2500 Kämpfer Anfang März im Asow-Stahlwerk verschanzten. Mehrere Tausend Männer und Frauen, darunter etliche Zivilisten, versteckten sich in den Katakomben des weitläufigen Geländes. Den meisten dürfte klar gewesen sein, "dass die Sache nicht gut für sie ausgehen wird", sagte der Politikprofessor Carlo Masala ntv.de. Sie versuchten es trotzdem. Nicht weil sie hofften, dass man ihnen irgendwann Denkmäler setzt. Sie hatten einen Plan.

"Das war ein Stachel im Fleisch"

Durch ihren Widerstand gelang es den Kämpfern, die Russen wochenlang festzuhalten. Der Kommandeur des Asow-Regiments sagte, die Russen seien ihn zehnfach überlegen. Das mag übertrieben gewesen sein, stimmte aber in der Tendenz. Bis zu 15.000 russische Soldaten konnten Berichten zufolge nicht weiterziehen. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass anfangs eine Armee von rund 100.000 Mann in die Ukraine einfiel, von denen wiederum ein Drittel gefallen, verletzt, oder in Gefangenschaft geraten sein soll. "Das war ein Stachel im Fleisch der Russen", sagt der Ukraine-Experte Andreas Umland vom Stockholmer Zentrum Osteuropastudien.

Während den im Stahlwerk Eingekesselten Wasser und Nahrung ausging, verschafften sie der ukrainischen Armee Luft. Im Donbass, aber auch im Süden an der Küste des Schwarzen Meeres. Die liberale ungarische Zeitung "Nepszava" schreibt, der Vormarsch der Russen sei um zwei Monate verzögert worden. Deren Ziel war Odessa, doch das erreichten sie nicht. Es gab ein paar Scharmützel, ein paar Explosionen. Aber über der Stadt am Schwarzen Meer weht noch immer die blau-gelbe Flagge. Ein Erfolg, auch wenn russische Kriegsschiffe den Hafen blockieren. Aber Odessa in russischer Hand, das wäre ein Schlag in die Magengrube gewesen. Ein Symbol für den Niedergang.

Propaganda um das Asow-Regiment

Die Ukrainer feiern damit an der Front der Informationen einen Erfolg. Nicht nur, weil der Mut der Kämpfer neue Heldentaten inspirieren könnte. Sondern auch, weil die internationale Presse den Kampf mitverfolgte. Viele in der Ukraine fürchten, viele in Moskau hoffen, dass die Menschen im Westen irgendwann das Interesse am Krieg verlieren. Doch der Kampf um das Stahlwerk schlug internationale Medien in seinen Bann. Und die sahen, wie Russland das Gelände- möglicherweise mit Phosphorbomben - bombardierte. Irgendwann willigte Putin in eine Evakuierung ein. Hätte er dort ein Blutbad angerichtet, der nächste Aufschrei wäre sicher gewesen.

Auch die russische Propaganda gegen das Asow-Regiment, welches das Stahlwerk gemeinsam mit anderen ukrainischen Verbänden verteidigte, dürfte nun weniger verfangen. Für die Russen ist die Truppe ein Neonazi-Verband. Sie wurde zwar tatsächlich von Rechtsradikalen gegründet, doch gehört sie mittlerweile der Nationalgarde an, wie Umland erklärt. Die einstigen Führungsköpfe hätten sie verlassen und gründeten stattdessen eine Partei. Umland zufolge wird es immer noch den einen oder anderen Neonazi in dem Regiment geben. Er bezeichnet die Asow-Kämpfer als Regiment "mit dubioser Vergangenheit". Rekruten würden aber unter rein militärischen Gesichtspunkten ausgewählt. Wobei irritierend bleibt, dass sich das Regiment noch immer mit der Wolfsangel schmückt, die manche als Nazi-Symbol sehen. Für die meisten Ukrainer sei das aber bedeutungslos, meint Umland.

Bald werden die Russen durch das zerstörte Stahlwerk stapfen und sich beglückwünschen. Die Ukrainer verehren ihre Kämpfer trotzdem als Helden. Gewonnen aber hat niemand. Die Stadt Mariupol, die Heimat von Hunderttausenden, ist zerstört. Und der Krieg geht weiter.

Quelle: ntv.de

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