Politik

Verschiedene Lebensverhältnisse Ist Gleichwertigkeit überhaupt möglich?

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Das brandenburgische Cottbus: Hier ist die Chance auf Teilhabe gering.

(Foto: dpa)

Um wachsenden Unterschieden zwischen den Regionen zu begegnen, setzt sich die Bundesregierung gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland zum Ziel. Doch das sei gar nicht möglich, meinen Forscher. Sie verweisen auf enorme Unterschiede - und fordern zum Umdenken auf.

Manch einer schätzt Ruhe und Natur ländlicher Regionen. Andere möchten Kino, Theater und Cafés möglichst um die Ecke haben. Im Idealfall sind die Lebensverhältnisse in beiden Fällen zumindest gleichwertig. Das setzt sich auch die Bundesregierung zum Ziel, sie gründete zu diesem Zweck sogar eine Kommission - die jedoch bisher keine Ergebnisse erzielte.

Die Realität sieht ohnehin anders aus. Und das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse wird hinterfragt. Zumindest bei der Vorstellung des "Teilhabeatlas Deutschland" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot Stiftung. Deren Studie offenbart enorme Unterschiede zwischen den deutschen Regionen und fordert ein neues Konzept im Umgang mit den verschiedenen Herausforderungen.

Denn wie groß die Chance auf gesellschaftliche Teilhabe ist, also der Zugang zum Gemeinwesen, hängt stark davon ab, wo man wohnt. Der Wohnort entscheidet mit, ob man den richtigen Job findet, ob Ärzte und Kitas in der Nähe sind, ob es erschwinglichen Wohnraum und schnelles Internet gibt. Einige Regionen sind dabei stark im Vorteil: "Besonders gut sind die Chancen in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen", bilanziert Institutsdirektor Reiner Klingholz. In anderen Teilen Westdeutschlands bieten laut der Studie nur vereinzelte Regionen vergleichbare Teilhabechancen, etwa der Speckgürtel um Hamburg. Im Osten kommt nur ein Landkreis auf dieses Niveau: Dahme-Spreewald mit dem Flughafen Schönefeld bei Berlin.

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Mittels einer Clusteranalyse wurden die kreisfreien Städte und Landkreise in sechs Gruppen eingeteilt: Cluster 1 umfasst städtische und Cluster 4 ländliche Regionen, die ihren Einwohnern gute Teilhabechancen ermöglichen. Im städtischen Cluster 2 sowie im ländlichen Cluster 5 stehen die Menschen vor vereinzelten Hürden bei der gesellschaftlichen Teilhabe. Im städtischen Cluster 3 sowie im ländlichen Cluster 6 bieten die Regionen den Menschen die geringsten Chancen zur Teilhabe. (Quelle: Studie "Teilhabeatlas Deutschland" des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung/Wüstenrot Stiftung 2019)

(Foto: Berlin-Institut)

Fast alle ländlichen Regionen und viele Städte Ostdeutschlands - inklusive Berlin - hängen dagegen zurück. Ausnahmen bilden hier lediglich Dresden, Potsdam und Jena. Abgehängt sind aber auch viele Städte im Ruhrgebiet und Gebiete in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und dem Saarland. Hier müssten die Menschen mit geringeren Teilhabechancen leben, heißt es in der Studie.

Um die Teilhabechancen der 401 Landkreise und kreisfreien Städte zu ermitteln, untersuchten die Forscher Indikatoren wie die Hartz-IV-Quote, die Höhe von Einkommen und kommunaler Steuereinnahmen, die Verfügbarkeit schneller Internetzugänge oder die Nähe von Supermärkten, Ärzten und Haltestellen des Nahverkehrs - einige der Daten sind unter dem Text als Grafik abgebildet. Daraus erstellten sie insgesamt sechs Gruppen, sogenannte Cluster, mit ähnlichen Bedingungen: Städte und ländliche Regionen mit jeweils guten, mäßigen und geringeren Teilhabechancen (siehe Grafik oben).

Menschen schätzen Verhältnisse realistisch ein

Doch bei dieser Einschätzung beließen es die Forscher nicht. In einem zweiten Teil der Studie reisten sie in 15 ausgewählte Regionen aus allen Gruppen, um etwa 300 Menschen vor Ort zu ihrer Situation zu befragen und herauszufinden, ob deren subjektive Einschätzung ihrer Chancen mit den objektiven Daten übereinstimmt. Wobei die beteiligten Institute darauf hinweisen, dass die Befragungen keineswegs repräsentativ seien. Vielmehr wurden gezielt Bürger, Lokalpolitiker, Ehrenamtliche oder Wirtschaftsvertreter ausgesucht.

"In den Gesprächen zeigte sich, dass die Menschen ihre Lebensbedingungen weitgehend realistisch einschätzen", sagt dazu Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Allerdings stießen die Forscher auch auf jede Menge Pragmatismus. So seien sich Landbewohner des Nachteils bewusst, für manche Erledigungen auf die nächste größere Stadt angewiesen zu sein. Dennoch lebten sie dort gern.

Die Entwicklung einer Region hat aber Einfluss auf die subjektive Einschätzung: "Gerade dort, wo die Menschen nach einer langen Durststrecke wieder einen Aufwärtstrend verspüren, blicken die Befragten meist positiv in die Zukunft", erklärt Slupina. Wo der Niedergang dagegen als chronisch erlebt wird, mache sich das Gefühl breit, abgehängt zu sein. Die fehlende Versorgung mit Breitbandanschlüssen oder mobilem Internet oder der Wegzug junger Leute verstärkten dieses Gefühl, so Slupina.

Für solche abgehängten Regionen, wie sie jüngst auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft definierte, sieht die Studie die Gefahr einer Abwärtsspirale, in der sich Bevölkerungsrückgang und fehlende Daseinsvorsorge vom Jobangebot bis zum Nahverkehr gegenseitig verstärken. Fehlen die Leute, machen auch die Geschäfte zu, fährt der Bus noch seltener - und es ziehen noch mehr Menschen weg.

Was folgt daraus für die Politik?

Allerdings passt die Einschätzung der befragten Bürger nicht immer zur objektiven Lage der Region. Oft sind es Veränderungen im unmittelbaren Umfeld, welche die Einschätzung prägen: "Wenn der Dorfladen schließt oder das Krankenhaus auf der Kippe steht, empfinden viele dies als problematisch - selbst wenn sich die Region als Ganze positiv entwickelt", heißt es in der Studie. Auf der anderen Seite bestimmt das eigene Engagement etwa in Vereinen das Lebensgefühl mit. "Dort wo Menschen sich organisieren, entstehen Geschäftsideen", erklärt Institutschef Klingholz.

Hier setzen die Forscher auch an, wenn es um die Aufgaben der Politik geht. Vom Konzept der gleichwertigen Lebensverhältnisse, wie es die derzeitige Bundesregierung propagiert, halten sie nicht viel. Zumal die Regierung "bis heute nicht definiert hat, wie Gleichwertigkeit überhaupt auszusehen hätte", wie Klingholz sagt. Zudem würden mit dem Begriff Erwartungen geweckt, die die Regierung gar nicht erfüllen könne.

Der Experte fordert vielmehr, den Status quo und die unterschiedlichen Lebensbedingungen anzunehmen wie sie sind. Dazu gehörten eben auch schrumpfende Regionen, für die die Politik Konzepte erarbeiten müsse. Auch Stefan Krämer von der Wüstenrot-Stiftung fordert, die Vielfältigkeit der Regionen zu akzeptieren. Statt auf eine vage Gleichwertigkeit setzt er auf die Möglichkeiten lokaler, maßgeschneiderter Konzepte - also Problemlösungen von unten nach oben statt andersrum.

Ideen "von unten" zuzulassen, kommunale Handlungsspielräume zu erweitern und für gleiche Bildungschancen zu sorgen, sind Wege, die die Studienautoren vorschlagen. Dadurch könne das Gefühl der Bürger gestärkt werden, selbst etwas bewegen zu können. Dann spielt es wohl auch keine Rolle mehr, ob man durch menschenleere Regionen wandert, oder im Café den Trubel der Großstadt genießt.

Es folgt eine Auswahl der Indikatoren, die in den "Teilhabeatlas" einflossen (zum Vergrößern klicken):

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(Foto: Berlin-Institut)

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Quelle: n-tv.de

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