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Montag, 20. August 2018

"Will"-Talk zum Dürresommer 2018: Ist das noch Wetter oder schon Klima?

Von Felix Franz

Die Forderung des Bauernverbandes steht: eine Milliarde Euro, um die Folgen des Extremsommers für die Landwirte abzufedern. Doch bei Anne Will ist das nur ein Teilaspekt, hier drehen die Gäste ein größeres Rad.

Rekordtemperaturen und Trockenheit sorgen überall in der Republik für Flächenbrände, niedrige Pegelstände und Ernteausfälle. In der ersten Sendung nach der Sommerpause diskutiert Anne Will die Frage: "Ist das noch Wetter oder ist das schon Klima?" mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber, dem Vizepräsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Werner Schwarz, der Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock und Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart von der FDP.

Drei Politiker, ein Wissenschaftler und ein Landwirt: Anne Will diskutiert über das Klima.
Drei Politiker, ein Wissenschaftler und ein Landwirt: Anne Will diskutiert über das Klima.(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

CDU-Politikerin Klöckner betont, sie sei keine Wissenschaftlerin, aber man könne sehen: Das Wetter werde immer extremer. Auch Landwirt Schwarz berichtet von zunehmenden Wetterschwankungen, die in diesem Jahr bei ihm bereits zu Futterausfällen von knapp 50 Prozent geführt hätten.

Der Wissenschaftler Schellnhuber findet klarere Worte: "Es ist eindeutig Klima. 97 bis 98 Prozent der Wissenschaftler sind sich einig, dass wir einen menschengemachten Klimawandel haben." Sicherer könne man sich in der Wissenschaft kaum sein. Will möchte von ihm wissen, ob der nächste Sommer wieder genau so heiß sein wird. Das sei natürlich nicht vorherzusagen, antwortet Schellnhuber. Aber sicher sei: Die Schwankungen würden immer größer. "Und das ist Gift für die Landwirtschaft."

"Bauern dürfen sich nicht ihr eigenes Grab schaufeln"

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Allein für die Ernteausfälle 2018 forderte der Bauernverband kürzlich eine Milliarde Euro an Soforthilfe von der Bundesregierung. Die zentrale Rolle spielt hier das Landwirtschaftsministerium, dessen Chefin mit in der Runde sitzt. Will versucht eine Einschätzung zu der Forderung von Klöckner zu bekommen, aber die windet sich. Natürlich werde es Hilfe geben, aber man könne erst am Ende der Saison herausfinden, was genau gebraucht werde. Doch Will hakt nach und Klöckner lässt sich zu einem "prinzipiell darf ja jeder fordern, was er will" hinreißen, woraufhin die Moderatorin analysiert: "Das hört sich dann wohl nicht sehr vielversprechend an."

Auch die Grünen-Vorsitzende Baerbock möchte "nicht mit der Gießkanne Hilfsgelder verteilen", sondern genau schauen, wer Hilfe braucht. Langfristig sollte das Ziel jedoch sein, klimafreundliches Wirtschaften mit Subventionen zu unterstützen, sodass sich die Bauern "nicht ihr eigenes Grab schaufeln". Sieben Prozent der Emissionen in Deutschland kämen schließlich aus der Landwirtschaft.

Klöckner gibt zu bedenken: "Wir sollten eines nicht machen: die ökologische gegen die konventionelle Landwirtschaft ausspielen." Der eine Weg sei nicht besser als der andere, denn in 20 Jahren gebe es zwei Milliarden Menschen mehr auf der Welt und die alle zu ernähren, würde die ökologische Landwirtschaft alleine nicht schaffen. "Nachhaltigkeit ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint." Daraufhin wirft Will in die Runde: "Haben wir denn überhaupt noch Zeit für einen Langstreckenlauf?"

Bei Erwärmung von 3 bis 4 Grad große Teile der Erde unbewohnbar

Klimaforscher Schellnhuber weist darauf hin, dass sich seit Beginn der Industrialisierung die Erde bereits um ein Grad erwärmt hat und dass wir auf dem derzeitigen Kurs auf eine Erwärmung von insgesamt drei bis vier Grad Celsius in den nächsten 80 Jahren zusteuern. Das bedeute, dass ein Großteil der Erde unbewohnbar werde. Die Nordseeinsel Langeoog würde beispielsweise komplett untergehen.

Doch es gehe nicht nur um die Politik und die Landwirtschaft, bemerkt Will. Sie wolle versuchen, sich, die Gäste und die Zuschauer zu Hause auf der Couch aus der Komfortzone zu holen, denn "blöderweise sind wir alle verantwortlich". 88 Prozent der Deutschen ist die Klimapolitik wichtig oder sehr wichtig laut einer Deutschlandtrend-Umfrage, aber das Konsumverhalten der Deutschen ändere sich in die entgegengesetzte Richtung. Jedes Jahr werden hierzulande mehr Flugreisen, Kreuzfahrten oder SUVs gekauft, die sich allesamt negativ auf die Klimabilanz auswirken.

Über mögliche Maßnahmen herrscht in der Runde Uneinigkeit. Baerbock möchte die steuerliche Förderung des Fliegens beenden. Klöckner bezieht sich auf die Lebensmittelbranche und bezeichnet Deutschland als Weltmeister in der Nahrungsmittelverschwendung. Der Preisdumping-Wettbewerb während der Grillsaison sei erschreckend und unanständig. Pinkwart von der FDP hält wenig von Verboten für Billigfleisch oder eine Kerosinsteuer. Die träfen vor allem Rentner und Studenten. Vielmehr sollte die Politik steuerliche Anreize zur Energieeinsparung setzen: "Wenn unsere Hauseigentümer sich endlich moderne Heizungsanlagen zulegen würden, könnten wir Millionen Tonnen von CO2 einsparen."

Klimaschutz als Menschenrecht

Zum Abschluss möchte Will von der Runde wissen, ob sie den Klimaschutz als Menschenrecht sieht. Für den Wissenschaftler Schellnhuber hängt das direkt mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit zusammen. Klöckner sieht das ähnlich: Wenn in der Sahelzone nichts mehr angebaut werden könne, trügen wir dafür auch die Verantwortung. Außerdem kämen die Konsequenzen im Rahmen von Migration ohnehin bei uns an.

Das Abschlusswort des Abends gibt Will dem Klimaforscher. Sie möchte wissen, ob er ein schnelles politischen Handeln in der Klimapolitik noch für möglich halte. Schellnhuber lacht kurz, schaut zur Landwirtschaftsministerin und sagt: “Hier sitzt Frau Klöckner, die eine wichtige Rolle in der CDU spielt. Vielleicht ist diese Sendung ein Startpunkt für die Wende."

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Quelle: n-tv.de