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Der lange Atem des Terrors Istanbul, mir graut vor dir

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Spuren des Terrors - der Anschlag in Istanbul hat mehr als 40 Menschen das Leben gekostet.

(Foto: REUTERS)

Ja, klar: Reisen in die Türkei sind gerade nicht ganz unbedenklich. Aber wer bitte würde deshalb schon ernsthaft seinen Istanbul-Trip abblasen? Das denkt man - und erschaudert später, weil man dem Terror nur um 48 Stunden entgangen ist.

Wenn man die schrecklichen Bilder aus Istanbul sieht, gelten selbstverständlich zunächst alle Gedanken und Gefühle den Opfern. Den Menschen, die ihr Leben verloren haben oder verletzt wurden, weil sie in die Fänge der grauenvollen Zufallslogik des Terrors geraten sind. Ein Anschlag wie der am Flughafen Atatürk kennt kein Ziel - außer dem, möglichst viel Leid und Unheil zu säen. Wahllos und sinnlos. Um zum Opfer zu werden, reicht es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Über Leben und Tod können Sekunden entscheiden. Oder - wie in meinem Fall - 48 Stunden.

Die fünf Tage in Istanbul waren wunderschön. Nicht nur, weil die Sonne rund um die Uhr gelacht und einem wohlig den Pelz gewärmt hat. Nicht nur, weil die Stadt an der Nahtstelle von Europa und Asien eine traumhaft schöne Kulisse bietet. Nicht nur, weil diese pulsierende Metropole mit knapp 15 Millionen Einwohnern faszinierend und aufregend ist. Nicht nur, weil die Türken - von ihrem Staatspräsidenten vielleicht mal abgesehen - herzliche und lebensfrohe Menschen sind. Nein, der Trip nach Istanbul hatte auch einen wundervollen Grund: die deutsch-türkische Hochzeit eines befreundeten Paares aus Berlin, das hier am Bosporus das Leben und die Liebe über kulturelle Grenzen hinweg feiern wollte.

"Erhöhte Vorsicht"

Natürlich war das schon lange geplant. Und dementsprechend hatte trotz der Anschlagswelle in der Türkei während der vergangenen Monate auch niemand ernsthaft in Erwägung gezogen, das Ganze abzublasen. Das Brautpaar sowieso nicht. Aber auch als Gast wischte man Überlegungen, das rauschende Fest zu verpassen, die Hochzeitsgesellschaft zu enttäuschen und bereits bezahlte Flug- und Hotelkosten in den Sand zu setzen, ganz schnell wieder vom Tisch. Dafür schien die Gefahr dann doch zu abstrakt. Dennoch: Ein leicht mulmiges Gefühl wurde man bei den Ausflügen zu den Istanbuler Sehenswürdigkeiten, auf den Basar oder ins Nachtleben nie so ganz los.

"Allgemein wird Reisenden in Istanbul, Ankara und anderen Großstädten der Türkei zu erhöhter Vorsicht geraten. Dies gilt insbesondere auf öffentlichen Plätzen, auch vor touristischen Attraktionen und allgemein für Menschenansammlungen", heißt es schon seit geraumer Zeit auf den Internetseiten des Auswärtigen Amts. Doch wie man die Vorsicht vor einem Anschlag konkret erhöhen kann, bleibt ein Rätsel. Man mag in der Istanbuler Altstadt ja noch so hektisch um sich blicken - ein Attentäter hätte im Fall der Fälle vermutlich immer noch schneller den Finger am Abzug als man selbst die Beine in der Hand. Die einzige Vorsicht, die hundertprozentig Erfolg verspräche, wäre es, die erwähnten Plätze, Attraktionen und Menschenansammlungen vollständig zu meiden. Ein Verhalten, das zumindest die IS-Schergen mit ihrem Terror im öffentlichen Raum gerade provozieren wollen. Und das offenbar bereits mit einigem Erfolg.

Wohin mit dem Müll?

Am Samstagnachmittag jedenfalls herrschte an touristischen Hotspots wie der Blauen Moschee oder der Hagia Sophia so wenig Andrang, dass man ohne längeres Anstehen schnurstracks hineinspazieren konnte. Zum Teil mag dies dem Ramadan geschuldet gewesen sein. Doch auch nicht-muslimische Besucher waren für diesen Ort und diese Zeit außergewöhnlich rar gesät. Dafür hatte man umso freieren Blick auf die Stelle, an der erst im Januar ein Selbstmordattentäter zwölf Menschen, darunter elf Deutsche, mit in den Tod gerissen hatte.

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Die blaue Moschee am Samstagnachmittag - wirklich belebt sieht anders aus.

(Foto: n-tv.de)

Während die Touristen vielfach durch Abwesenheit Vorsicht walten lassen, machen es die Sicherheitskräfte so gut es geht auf ihre Weise. Die Polizei zeigte Präsenz, wenn auch nicht übermäßig. Kein Wunder, könnte man schon fast sagen, schließlich ist gerade sie nun wiederum zum bevorzugten Anschlagsziel kurdischer Rebellen auserkoren worden. Wenn man Müll loswerden will, muss man lange nach einem passenden Behälter Ausschau halten. Öffentliche Abfalleimer gibt es nahezu nicht - auch das eine Vorsichtsmaßnahme seit vermutlich die PKK schon vor mehreren Jahren mehrfach Bomben in Mülleimern gezündet hatte.

Tropfen auf den heißen Stein

Wer sich auf dem Großen Basar nach Nippes umsehen und von Händlern zutexten lassen möchte, muss seine Tasche erst einmal von einem Aufpasser am Eingang scannen lassen. Jedenfalls, wenn er einen in dem Tumult, der trotz Touristenflaute dort herrscht, zu fassen kriegt. Auch diese Maßnahme ist allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Gegen Menschen mit Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln, die wild entschlossen sind, sich und möglichst viele andere zu töten, kann all dies nichts ausrichten. Schon gar nicht in dem Getümmel in einer Stadt wie Istanbul.

Am Flughafen sieht das nicht anders aus. Der Atatürk-Airport gilt als eine der sichersten Einrichtungen seiner Art auf der Welt. Schließlich findet hier bereits unmittelbar hinter den Eingangstüren ein erster Sicherheitscheck statt. Alle Taschen und Koffer werden noch vor dem Zutritt zum eigentlichen Terminal durchleuchtet. Und siehe da: Das Flughafenpersonal entdeckt mit dem Röntgengerät auch tatsächlich den Laptop, der versehentlich im Koffer geblieben ist, anstatt ihn separat zur Kontrolle auf das Förderband zu legen. Auspacken, zurück in die Schlange und noch einmal alles scannen lassen, lautet daraufhin die Devise.

Pasta und "Eddie the Eagle"

Das eigentliche Kernareal des Flughafens vermag dies zu schützen. Aber einen Anschlag auf den nicht minder belebten Eingangsbereich wie auf jeden anderen beliebigen öffentlichen Platz kann man auch damit nicht verhindern. So wie nun am Atatürk-Airport geschehen.

Ich bin am Sonntagabend zurückgeflogen. Alles verlief reibungslos. Im "Turkish Airlines"-Flieger habe ich Pasta gegessen und mir "Eddie the Eagle" angesehen. Mir geht es gut, so wie allen anderen Hochzeitsgästen auch. Keiner von ihnen war Gott sei Dank zur falschen Zeit am falschen Ort. Doch der Atem des Terrors holt mich auch jetzt noch ein. Auf den Bildern, auf denen nun Leichen, Verletzte und Trümmerteile zu sehen sind, erkenne ich wieder, wo ich kaum mehr als 48 Stunden zuvor exakt gewesen bin. Istanbul, du hast das nicht verdient, aber in diesem Augenblick muss ich sagen: Mir graut vor dir.

Quelle: n-tv.de

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