Politik

Netanjahu beschuldigt Abbas Jerusalem steht unter Schock

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Die Opfer waren gerade beim Morgengebet, als die Attentäter in die Synagoge eindrangen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist der blutigste Anschlag auf im Glauben versammelte Juden seit sechs Jahren - und der vorläufige Höhepunkt der derzeitigen Anschlagsserie. Deren Auslöser ist der Streit um den Tempelberg. Steht Israel vor einem Religionskrieg?

Vier strenggläubige Juden, ausgebildete Rabbiner, die aus den USA und Großbritannien einwanderten, liegen tot auf dem Boden der Synagoge in der "Straße des Weisen Simon Agasi" von Har Nof. Ihre Gebetsschals und die kleinen ledernen Schachteln mit Tora-Zitaten auf Pergament färben sich in ihrem Blut. Jerusalem steht nach dem Anschlag im Stadtviertel Har Nof unter Schock. Es ist der blutigste Angriff auf im Glauben versammelte Juden seit sechs Jahren.

Die Opfer waren gerade beim Morgengebet Schacharit, als schwer bewaffnete Attentäter in die Synagoge eindrangen. Die zwei Palästinenser richteten in dem Gotteshaus am Westrand Jerusalems ein Blutbad an, bevor sie selbst von Polizisten erschossen wurden.

Das ausschließlich von Ultraorthodoxen bewohnte Viertel, in dem die Tat verübt wurde, ist nur durch ein Waldstück von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem getrennt. Diese geografische Symbolik ist ein Zufall, illustriert aber, wie sich der bislang in erster Linie politische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in diesen Tagen in einen grausamen ethnischen und religiösen Konflikt zu verwandeln droht.

Jedes Gotteshaus ein mögliches Anschlagsziel?

Nachdem die acht Verletzten, darunter zwei Polizisten, ins Hospital gebracht worden sind, werden die vier Leichen in weißes Plastik gehüllt behutsam herausgetragen und abtransportiert. Auf einem Spielplatz neben der Synagoge bewegt ein Mann in schwarz-weißem Gebetsmantel schaukelnd den Oberkörper und ruft mit flehenden Armen und schmerzvoller Stimme seinen Allmächtigen an. Vor den Polizeiketten weinen Frauen.

Niemand kann hier verstehen, warum die Bluttat ihre ruhige Nachbarschaft traf, etliche Kilometer entfernt von den Brennpunkten im annektierten Osten der Stadt oder im militärisch besetzten Westjordanland. Weil der jahrzehntelange nationale Streit zwischen Israelis und Palästinensern um das Land zunehmend von religiösen Disputen überformt wird, ist nun jedes Gotteshaus ein mögliches Anschlagsziel.

So brannte vor einer Woche nahe Ramallah eine Moschee aus; vieles deutet darauf hin, dass die Täter aus einer benachbarten jüdischen Siedlung kamen. Akuter Auslöser der aktuellen Gewalttaten ist ein Streit um die Nutzung der Hochterrasse mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee in der Jerusalemer Altstadt, die von den Juden als Tempelberg geheiligt wird.

Medien: Abbas verurteilt Anschlag

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Palästinenserpräsident Abbas hat den Anschlag laut einem Agenturbericht verurteilt.

(Foto: AP)

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat den Anschlag klar verurteilt, berichtete die palästinensische Nachrichtenagentur "Wafa". Angriffe auf Zivilisten und religiöse Stätten seien inakzeptabel, betonte Abbas den Angaben zufolge. Der Palästinenserpräsident habe zu einer vollständigen Waffenruhe und zum Stopp aller Anschläge aufgerufen, "damit wir uns für eine Friedensregelung im Nahen Osten einsetzen können", hieß es. Abbas telefonierte nach Medienberichten auch mit US-Außenminister John Kerry.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu wies Abbas eine Mitverantwortung für das Attentat zu. Die Bluttat sei das direkte Resultat einer Aufwiegelung durch die Hamas und Abbas, "die von der internationalen Gemeinschaft auf unverantwortliche Weise ignoriert wird", erklärte er. Später sagte Netanjahu bei einer Pressekonferenz, Jerusalem befinde sich "auf dem Höhepunkt einer andauernden Terrorwelle". Zugleich warnte er vor Selbstjustiz.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte am Wochenende in Ramallah und Jerusalem selbst gespürt, "wie aufgeladen die Atmosphäre dort ist". In Kiew - und mit den gordischen Knoten eines weiteren internationalen Brandherds konfrontiert - wiederholt der SPD-Politiker das Fazit, das er schon am Sonntagabend vor Ort sichtlich besorgt gezogen hatte: "Die Überlagerung der zahlreichen ungelösten politischen Fragen mit religiöser Konfrontation gibt einem ohnehin ernsten Konflikt eine neue gefährliche Dimension."

Daniel Nisman, Gründer der mit Risikoforschung befassten Levantine Group, stellt fest, dass "alle möglichen radikalen Palästinensergruppen das Al-Aksa-Thema ausnutzen, um einen Heiligen Krieg zu befördern". Er verweist auf "die überwältigende Zahl von Karikaturen in arabischen Zeitungen und sozialen Netzwerken, die vorne einen Anschlag und im Hintergrund den Felsendom zeigen".

"In Jerusalem fühlt sich niemand mehr sicher"

Kobi Michael, Ex-Diplomat und jetzt Konfliktforscher in Tel Aviv beim Think Tank INSS, nennt "das Ereignis außergewöhnlich ernst". Es könne die Lage völlig verändern: "Bei allen liegen die Nerven blank, speziell in Jerusalem fühlt sich niemand mehr sicher. Daraus entsteht ein öffentlicher Druck, der die Entscheidungsträger zu Handlungen verleiten könnte, die nicht ihren eigentlichen Überzeugungen entsprechen."

Um die Anschlagswelle mit Autos, Baggern, Pistolen und Stichwaffen sofort zu stoppen, müssten die arabischen und jüdischen Stadtviertel eigentlich hermetisch voneinander getrennt werden, sagt Nisman. "Aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Es könnte verstärkte Spannungen mit den ausgesperrten Einwohnern erzeugen, von denen die große Mehrheit ja keinerlei Eskalation wünscht."

Das sieht auch Marc Heller so, Politologe am INSS: "Ein Wundermittel gibt es nicht. Denn eine totale Abtrennung von Juden und Arabern ist in Jerusalem nicht möglich, wo beide Volksgruppen Seite an Seite leben." Die Regierung werde nun zweifellos auf eine weitere Verschärfung der Repression setzen, erwartet Heller. "Aber das Problem wird dadurch nicht gelöst."

Quelle: ntv.de, kst/rts/AFP/dpa

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