Angriffe auf Dnipro-BrückenJetzt will Russland Kiew spalten
Von Denis Trubetskoy, KiewAm Samstagmorgen erreicht die jüngste russische Angriffswelle gegen Kiew auch die Nordbrücke über den Dnipro. Für die Millionenstadt, die ohnehin unter ständigem Beschuss und Stromausfällen leidet, wird die Trennung der Uferseiten zum Problem.
Am 30. September begann Russland mit der neuen Welle der systematischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine. Weil der ursprüngliche Plan, den Großteil der Ukraine dauerhaft in einen Blackout zu schicken, in den ersten Jahren des vollumfänglichen Krieges gescheitert ist, liegt der Fokus der russischen Aggressionen weiterhin explizit auf Kiew. Die Hauptstadt also, wo drei Millionen Menschen - und einschließlich der umliegenden Metropolregion - etwa 15 Prozent der verbliebenen Bevölkerung der Ukraine leben.
Die Mehrheit der bisher Dutzenden ballistischen Raketen und rund 200 eingesetzten Jet-Drohnen zielte auf Energieanlagen in der Region um Kiew. Zwar hätte die Ukraine wieder genug Generatoren, um zumindest bei nicht allzu kalten Temperaturen halbwegs durch den Winter zu kommen. Möglich macht das unter anderem die Umverteilung der Stromerzeugung und die deutliche Reduktion des Elektrizitätsverbrauchs. Der Strom aus drei Atomkraftwerken aber, die im von der Ukraine kontrollierten Gebiet liegen, muss weiter zu den Endverbrauchern gelangen. Die jüngsten Attacken richteten sich deshalb - neben dem Beschuss der zwei wichtigsten Wärmekraftwerke - wenig überraschend gegen die Infrastruktur zum Transport des Stroms vom AKW Riwne in die Hauptstadt.
Darüber hinaus lag der Schwerpunkt der Angriffe auf dem Beschuss der Leitungen, die den Strom zwischen dem westlichen und dem östlichen Ufer des Flusses Dnipro verteilen. Dafür setzte Russland erstmals einen speziellen Sprengkopf mit kumulativer Schneidwirkung ein, den eine Jet-getriebene Drohne transportierte. Offensichtlich will man die so elementaren Hochspannungsmasten mit weniger Aufwand und Kosten zerstören als beim üblichen Einsatz von Raketen. Ob das Russland gelingt, muss sich noch zeigen. Bei den derzeit noch warmen, spätsommerlichen Temperaturen hat der russische Beschuss ohnehin noch keinen akuten Effekt auf die Stromversorgung der Stadtbevölkerung - obwohl unmittelbar nach dem ersten Großangriff der neuen Beschusswelle rund ein Drittel Kiews plötzlich ohne Strom war.
Kiew und die Ukraine erwarten nach dem kältesten Winter seit 20 Jahren eine deutlich weniger fordernde Heizsaison. Andererseits ist die Flugabwehr im Vergleich zum Vorjahr deutlich geschwächt: Es fehlt an Flugabwehrraketen PAC-3 für die Patriot-Systeme, um ballistische Raketen abzufangen. Zugleich befindet sich die Produktion neuartiger Abfangdrohnen, die schnell genug sind für die neuen russischen Jet-Drohnen Geran-4 und Geran-5, noch in der Hochlaufphase. Bis Ende Oktober sollen zumindest mehr Geran-Drohnen abgefangen werden. Derzeit liegt die Abfangrate für Jet-Drohnen bei 55 bis 60 Prozent. Mehr Patriot-Munition ist dagegen nicht abzusehen.
Versuch, Kiew zu spalten
Der Versuch, die Stromversorgung zu unterbrechen, ist dabei nur Teil größerer russischer Anstrengungen zur Spaltung Kiews, die auch auf mehr gesellschaftliche Spaltung abzielen: Der neue Sprengkopf für die Jet-Drohnen wurde offensichtlich auch für die Zerstörung der Eisenbahnbrücken konzipiert. In dieser Woche ging Russland zum systematischen Beschuss der Kiewer Brücken über: Mit der Südbrücke wurde mehrfach die strategisch wichtigste Brücke der Hauptstadt angegriffen. Ihr Wegfall hätte massive Folgen für Verkehr und Logistik. Aber auch die Nordbrücke wurde in den vergangenen Tagen angegriffen, zuletzt am Samstagmorgen. Die Bilder dieser jüngsten Einschläge gingen um die Welt.
Der bisherige Beschuss war teilweise so genau, dass Experten davon ausgehen, Russland nutze für den letzten Streckenabschnitt seiner Drohnen von Kiew aus operierende Technik. Dieser Präzision zum Trotz ist eine dauerhafte Beschädigung der Brücken unwahrscheinlich: Weder konnte Russland in viereinhalb Jahren die wichtige Satoka-Brücke über den Dnjestr in der Region Odessa vollständig zerstören, trotz des Einsatzes aller möglicher Mittel. Noch ist dies der Ukraine seinerzeit mit der Antonow-Brücke in Cherson gelungen, obwohl diese unter ständigem Beschuss durch Himars-Mehrfachraketenwerfer stand.
Doch allein die Störungen der Brücken, die täglich 600.000 Menschen passieren, stören den Alltag in Kiew erheblich. Allein über die Südbrücke queren drei verschiedene U-Bahnlinien den Dnipro-Strom. Zuletzt waren die Sicherheitsregeln dahingehend entschärft worden, dass die Linien auch bei kleineren Luftalarmen weiterfahren durften. Bis zu 18 Stunden Luftalarm täglich sind schlicht zu viel. Nun werden neue Sicherheitskonzepte diskutiert. Kein Weg aber führt daran vorbei, dass die Brücken nach jedem Drohneneinschlag erstmal auf die Schwere der Schäden hin inspiziert werden müssen.
Daher ist davon auszugehen, dass das Verkehrschaos in Kiew erst einmal weitergehen wird. Während der Arbeitstage dauerte es oft drei bis vier Stunden an, um überhaupt das andere Ufer zu erreichen. Bilder, wie die Kiewer die Brücken wegen der Staus und trotz der Lebensgefahr zu Fuß überqueren, machten diese Woche in den sozialen Medien die Runde.
Pontonbrücken sollen helfen
Mehr als ein Drittel der Kiewer wohnt auf der Ostseite des Flusses, die meisten Menschen arbeiten jedoch westlich des Dnipro. Für den Ernstfall setzt man vor allem auf die Fähren, um Lebensmittel, Medikamente und Güter des täglichen Bedarfs zu transportieren. Doch die Zahl einsatzbereiter Schiffe und nutzbarer Anlegestellen ist zu gering, um die Brücken zu ersetzen. Ein Tunnel unter dem Dnipro wäre ein wohl notwendiges, aber teures Langzeitprojekt. Kommende Woche soll der Bau mehrerer Staudämme und Pontonbrücken beginnen. Sie sollen bis zur Hälfte der Kapazität der regulären Brücken stemmen können. Bis zu drei Monate sollen die Bauarbeiten dauern. Bis dahin bleibt nur, Drohnenabwehrnetze über die bisherigen Brücken zu spannen.
So weitet Russland seine Anstrengungen aus, um Kiew dauerhaft unbewohnbar zu machen. In den vergangenen Wochen und Monaten gehörten zu diesem Vorgehen etwa Angriffe auf Tankstellen, Verteilzentren der wichtigsten Supermarktketten und auch Rechzentren der Internet-Provider. Politisch betrachtet fällt diese jüngste Eskalation aber auch in den Zeitraum, bevor in zwei Wochen Russland, die Ukraine und die USA die zweite Runde ihrer Verhandlungen im Dreierformat beginnen. Moskau wolle vor den Gesprächen ein Maximum aus seinen momentanen Vorteilen im Luftkrieg rausholen, so die ukrainische Deutung. Allerdings gibt es auch keinerlei Anzeichen, dass die russische Armee ihre Angriffe auf Strom- und Wärmeversorgung vor dem kommenden Frühjahr einstellen könnte.


