Politik

Annexionsrede im Kreml Keine Wiederholung von 2014 - Für Putin tickt die Uhr

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Eine neue Krim-Rede wird Putin wohl nicht mehr halten können.

(Foto: via REUTERS)

Mit seinem Auftritt im Kreml will Putin offensichtlich seinen Triumph von 2014 wiederholen. Das gelingt ihm nicht. Die Reaktion von Präsident Selenskyj wiegt deutlich schwerer als die Farce im Kreml.

Der 18. März 2014 war ein besonderer Tag für Wladimir Putin. Bei seiner historischen Krim-Rede im Kreml verkündete er die Annexion der ukrainischen Halbinsel. Es war der Moment des größten Sieges für den russischen Präsidenten: Der Anschluss der Krim war zwar völkerrechtswidrig. Aber ein bedeutender Teil der Menschen auf der besetzten Halbinsel jubelte trotzdem. Auch in Russland war Putin wegen der Annexion beliebter denn je.

Acht Jahre später wollte Putin im gleichen Kreml-Saal den damaligen Siegesmoment wiederholen - mit einer neuen Rede zur Annexion besetzter ukrainischer Gebiete. Doch die Umstände sind andere. Gerade in diesen Tagen meldet die ukrainische Armee neue Großerfolge an der Front. Den russischen Truppen um die Stadt Lyman im Norden des Bezirks Donezk droht eine Einkesselung. Keines der annektierten ukrainischen Gebiete wird von der russischen Armee vollständig kontrolliert. Kein Mensch in Russland, nicht mal die größten Befürworter der "Spezialoperation", glaubt noch daran, dass sie wirklich nach Plan läuft. Die angeblich "teilweise" Mobilmachung bringt Hunderttausende von Russen zur Ausreise.

Angesichts der aktuellen ukrainischen Gegenoffensive ist Putins Rede als Verzweiflungsakt zu sehen. Es ist kein Zufall, dass der Aufruf zu Verhandlungen fast seine einzige klare Botschaft war - über die neu annektierten Gebiete will Putin mit Kiew aber natürlich nicht reden. Das zeigt einmal mehr: Die russische Armee bräuchte dringend eine Pause, um sich zu erholen und einen neuen Angriff vorzubereiten. Denn die ukrainischen Streitkräfte führen derzeit erfolgreiche Verhandlungen - an der Front.

Gegen USA und Genderwahn

Anders als vor ein paar Tagen gab es von Putin heute keine klare atomare Drohung - nach dem Muster von "ich bluffe nicht". Zwar wiederholte der Kremlchef erneut, dass Russland "das eigene Land mit allen möglichen Methoden verteidigen" werde, und er sprach von einem Präzedenzfall, den die USA mit dem Einsatz einer Atombombe in Japan im Jahr 1945 geschaffen hätten. Es gab jedoch kein deutliches Ultimatum. Auch andere Fragen bleiben offen: Zum Beispiel, wie Russland die Grenzen der Bezirke Cherson und Saporischschja definieren will. Die sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk waren von Russland noch im Februar in den vollen Grenzen der entsprechenden ukrainischen Oblaste anerkannt worden, obwohl die dortigen Machthaber damals längst kein so großes Gebiet kontrollierten.

Den Großteil seiner verwirrenden Rede widmete Putin dem Westen, ganz so, als ob die aus seiner Sicht koloniale Politik der USA die Zerbombung von Mariupol oder die Verbrechen von Butscha irgendwie rechtfertigen würde. Nicht zum ersten Mal schwang sich der russische Präsident zum Sprecher aller Kämpfer gegen die angebliche Diktatur des Westens auf. Er wetterte gegen den Einfluss der LGBT-Community und das, was von westlichen Rechtspopulisten "Genderwahn" genannt wird, sprach davon, dass Deutschland und Japan von den USA besetzt seien und warf Washington indirekt die Sabotage der Pipelines Nord Stream und Nord Stream 2 vor. All das ist an sich nicht neu, doch in dieser Ballung überstieg Putins Annexionsrede in ihrer Absurdität sogar seine Ukraine-Rede vom 21. Februar, in der der russische Präsident dem Nachbarstaat das Existenzrecht absprach.

Für Putin tickt die Uhr

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Putin ist inzwischen besessener denn je von seinem Kampf gegen das, was er die unipolare Welt nennt. Sein Problem ist aber: Selbst offizielle Partner seines Landes, auch innerhalb des postsowjetischen Raums, zum Beispiel Kasachstan, setzen sich immer stärker von Russland ab. Selbst China hat es nicht eilig, den Kreml in irgendeiner Art und Weise wirklich zu unterstützen - außer mit rhetorischen Spitzen gegen die USA. Und so führt die "Spezialoperation" Putins zur wirtschaftlichen und militärischen Schwächung Russlands - eine Weltmacht, die abhängig ist von Drohnen-Lieferungen aus dem Iran. Putin macht alles, um das Gegenteil von dem zu erreichen, was er eigentlich will.

Seine heutige Rede zeigt, was sich bei der Verkündung der Mobilmachung andeutete: Das Ende seines Regimes könnte näher sein als manch einer denkt. Die ukrainische Gegenoffensive wird weitergehen, und dass Präsident Wolodymyr Selenskyj als Antwort auf die Annexion der ukrainischen Gebiete den Antrag zum NATO-Beitritt stellte und jegliche Verhandlungen mit Russland ausschloss, solange Putin Präsident ist, wiegt an diesem Tag viel bedeutender als die Farce im Kreml. Für Putin tickt die Uhr. Eine neue Krim-Rede wird er wohl nicht mehr halten können.

Quelle: ntv.de

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