Politik

Der Kriegstag im Überblick Kiews Truppen überqueren Siwerskyj Donez - Säbelrasseln aus dem Kreml

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Ein ukrainischer Soldat auf einer eroberten russischen Panzerhaubitze vom Typ 2S19 Msta-S in der Region Charkiw.

(Foto: via REUTERS)

Für die ukrainischen Verbände scheint es momentan kein Halten zu geben. Erneut verzeichnen die Streitkräfte Kiews Geländegewinne. Laut Kreml-Sprecher Peskow kommen für Russland allerdings keine Friedensverhandlungen infrage. "Die militärische Spezialoperation dauert an und wird andauern", heißt es aus Moskau. Der 201. Kriegstag im Überblick.

Ukraine meldet weitere Geländegewinne

Die Ukraine hat nach eigenen Angaben weitere Fortschritte bei ihrer Gegenoffensive zur Rückeroberung russisch besetzter Gebiete im Osten und Süden des Landes erzielt. Kiew sei es binnen 24 Stunden gelungen, russische Kräfte "aus mehr als 20 Ortschaften zu verjagen", erklärte die ukrainische Armee. Die russischen Soldaten hätten ihre Stellungen "fluchtartig verlassen".

Wie CNN unter Verweis auf im Netz kursierende Bilder und Videos berichtete, haben ukrainische Einheiten den Fluss Siwerskyj Donez überquert und die von Russland besetzte Stadt Swjatohirsk in der Region Donezk unter ihre Kontrolle gebracht. Ein Foto auf Twitter zeigt etwa das beschädigte Verwaltungsgebäude der Stadt, an dessen Eingang die ukrainische Flagge weht. Durch das weitere Vorrücken der Ukrainer wird laut CNN-Bericht für die verbliebenen, von Russland unterstützten Kräfte ein Rückzug Richtung Osten immer schwieriger.

Armeesprecherin: Russische Einheiten verhandeln Waffenniederlegung

In der südlichen Region Cherson habe die Ukraine "rund 500 Quadratkilometer befreit", sagte die Leiterin des Pressezentrums der ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungskräfte "Süd", Nataliia Humeniuk, dem Fernsehsender Channel 24. Mehrere Ortschaften stünden wieder "vollständig unter ukrainischer Flagge".

Einzelne Einheiten der russischen Armee würden in der Region Cherson über die Niederlegung ihrer Waffen verhandeln. "Sie versuchen, die Bedingungen dafür auszuhandeln, wie sie ihre Waffen niederlegen und unter die Schirmherrschaft des humanitären Völkerrechts kommen", so Humeniuk. Ihren Angaben zufolge erhielten die Offiziere dieser Einheiten den Auftrag, ihre Positionen so zu verlassen, wie es ihnen zu diesem Zeitpunkt möglich ist. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht.

Militärexperte Thiele sieht noch keinen Wendepunkt im Krieg

Oberst a.D. Ralph Thiele warnt im ntv-Interview jedoch vor Euphorie. Die Frontlinie habe sich noch nicht wirklich verschoben, sondern die Ukraine habe vielmehr einen Durchbruch erzielt, so der Vorsitzende der Politisch-Militärischen Gesellschaft. Jetzt müsse man schauen, ob man das halten kann. Von einem Wendepunkt im Krieg will Thiele noch nicht sprechen. Die Russen hätten keine Reserven im Osten des Landes gehabt, mit denen sie hätten angreifen können.

"Dann passiert das, was immer passiert, wenn Fronten zusammenbrechen, dann löst sich erst einmal alles in wilder Flucht auf." Man könne sich auch strukturiert zurückziehen, das passiere aktuell aber nicht. Dennoch sei der Verlust natürlich "desaströs für die politischen Ziele von Putin, der jetzt unter Bedrängnis kommt", so Thiele.

Kreml-Sprecher: "Keine Aussicht auf Verhandlungen"

Trotz der Niederlagen in der Region Charkiw soll die russische Militäroffensive nach Angaben des Kreml fortgesetzt werden. "Die militärische Spezialoperation dauert an und wird andauern, bis die ursprünglich gesetzten Ziele erreicht worden sind", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Es gebe derzeit "keine Aussicht auf Verhandlungen" zwischen Moskau und Kiew. Eine Frage nach einer möglichen Mobilmachung zur Unterstützung des Einsatzes angesichts der ukrainischen Gegenoffensive ließ er offen.

Ukraine: Kreml rekrutiert Soldaten für den Winter

Für die kalte Jahreszeit mobilisiert die russische Regierung offenbar Einwohner aus dem Fernen Osten und Kamtschatka mit der Begründung, die Menschen dort seien besser an winterliche Verhältnisse angepasst. Wie die ukrainische Wochenzeitung "NV" mit Verweis auf den Geheimdienst des ukrainischen Verteidigungsministeriums mitteilte, soll der Kreml zugegeben haben, nicht genügend finanzielle Mittel für die Winterausstattung der russischen Truppen zu haben. Mit dem Versprechen hoher Zahlungen soll er deshalb neues Personal angelockt haben, das weder an Komfort gewöhnt sei, noch ein hohes Bildungsniveau habe. Laut Geheimdienst wissen diese Soldaten praktisch nichts über die Situation in der Ukraine.

Medwedew droht mit Forderung nach "totaler Kapitulation"

Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew hat der Ukraine damit gedroht, dass Russland eine bedingungslose Kapitulation verlangen wird, falls die Führung in Kiew die derzeitigen Bedingungen für Verhandlungen nicht annimmt. "Die jetzigen 'Ultimaten' sind ein Kinderspiel im Vergleich zu den Forderungen in der Zukunft (...): der totalen Kapitulation des Kiewer Regimes zu Russlands Bedingungen", schrieb Medwedew auf seinem Telegram-Kanal.

Die Drohung des 56-Jährigen ist wohl eine Reaktion auf die Aussagen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in einem CNN-Interview. Selenskyj sagte unter anderem, dass er zurzeit nicht mit Russland verhandeln wolle: "Ich sehe auf ihrer Seite keine Bereitschaft, konstruktiv zu sein." Ziel der Ukraine sei es, das von Russland besetzte Gebiet zurückzuerobern.

Kühnert: "Wollen Russland nicht animieren, völlig irrational zu handeln"

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert hat Erwartungen an deutsche Panzer-Lieferungen gedämpft. "Westliche Panzer beispielsweise hat kein Staat bisher geliefert", sagte Kühnert im "ntv Frühstart". "Sehr wohl unterstützen wir aber mit den osteuropäischen Partnern den Ringtausch." Zudem gelte weiter die Aussage, "dass wir nicht schleichend hineingezogen werden wollen in den Krieg, dass wir Russland nicht dazu animieren wollen, am Ende völlig irrational zu handeln und noch ganz andere Staaten anzugreifen." Das sei ein wichtiger Aspekt in der Auseinandersetzung. Und dieser Aspekt müsse - "bei allem heißen Herzen" - immer auch bedacht werden.

Auch Verteidigungsministerin Christine Lambrecht und Bundeskanzler Olaf Scholz distanzierten sich von der ukrainischen Panzer-Forderung. Bei einem Treffen in der vergangenen Woche in Ramstein habe sie ihren US-Kollegen Lloyd Austin darauf angesprochen und dabei keinen Kurswechsel festgestellt, wie Lambrecht in einer Diskussionsrunde der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin deutlich machte. Auch Scholz teilte mit, dass Deutschland keinen Alleingang unternehmen werde.

Russischer Botschafter: "Deutschland hat 'rote Linie' überschritten"

Der russische Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, erhob schwere Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Waffenlieferungen für die Ukraine. "Allein die Lieferung tödlicher Waffen an das ukrainische Regime, die nicht nur gegen russische Soldaten, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung im Donbass eingesetzt werden, ist eine 'rote Linie', die die deutsche Regierung nicht hätte überschreiten dürfen", sagte Netschajew in der russischen Tageszeitung "Iswestija". Er verwies auch auf die "moralische und historische Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des Nazismus im Zweiten Weltkrieg". Die deutsche Regierung habe die guten bilateralen Beziehungen zu Russland zerstört und höhle den Versöhnungsprozess zwischen den Völkern aus.

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Quelle: ntv.de, jpe/AFP

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