Politik

Flüchtlinge in Kabul "Kinder sterben, weil sie dehydriert sind"

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Binnenvertriebene in Kabul versuchen in Parks, Rohbauten und leeren Schulen zu überleben.

(Foto: picture alliance/dpa/XinHua)

Am Flughafen in Kabul spielen sich dramatische Szenen ab. Doch auch in der Stadt sind Tausende Menschen in Lebensgefahr. Binnenflüchtlinge hofften dort auf Rettung vor den Taliban – und werden von ihnen eingeholt.

Die Welt schaut entsetzt auf die Fluchtversuche von afghanischen und ausländischen Mitarbeitern internationaler Organisationen am Flughafen in Kabul. Doch innerhalb der Stadt kämpfen gleichzeitig Tausende Menschen ums unmittelbare Überleben. Weil sie in Kabul auf Sicherheit hofften, sind in der vergangenen Woche zahlreiche Afghanen aus dem zerstörten Kundus und anderen Nordprovinzen in die afghanische Hauptstadt geflohen. Das berichtet Christina Ihle, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Afghanischer Frauenverein. Statt die erhoffte sichere Burg zu erreichen, müssen manche Binnenflüchtlinge nun jedoch ihren Kindern beim Sterben zusehen. "Weil sie dehydriert sind und sehr viele Kleinkinder Brechdurchfall haben", erklärt Ihle gegenüber ntv.de.

Rund eine Viertelmillion Menschen haben in den vergangenen Wochen ihre Dörfer und Städte in Afghanistan verlassen. Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen ist die Zahl der Binnenvertriebenen damit massiv gestiegen, die UN bezifferte sie zuletzt auf 244.000. "Das ist eine lebensgefährliche Situation", betont Ihle. "Diese Menschen haben nichts außer der Kleidung am Körper und sind ganz, ganz dringend auf Überlebenshilfe angewiesen." Nur die wenigsten hätten Zelte; "es gibt nichts für sie". Ihre Organisation bietet vor Ort kostenlose Grundnahrungsmittel und medizinische Hilfe. "Vor allem der Zustand der dort behandelten Kleinkinder ist dramatisch", erzählt Ihle.

Besonders Familien mit Frauen und Kindern suchen laut Ihle Schutz in Kabul. Zunächst hätten sie sich an den Ausfallstraßen niedergelassen, bis ihnen in der vergangenen Woche das Flüchtlingsministerium leere Schulen und Rohbauten zuwies. Andere versuchten in Parks zu überleben. Deutschland dürfe jetzt nicht wegschauen, mahnt die Geschäftsführerin. Diplomatie, humanitäre Hilfe und wirtschaftliche Unterstützung müssten weitergehen. Deutschland sei sehr beliebt in Afghanistan und könne deshalb durchaus Einfluss nehmen.

Große Sorge vor Rückschritt in die 90er Jahre

Humanitäre Organisationen aus aller Welt appellieren an Staaten und andere Geldgeber, ihre Hilfen für Afghanistan nicht einzustellen und ihre Grenzen für Flüchtlinge offen zu halten. "Die Menschen in Afghanistan brauchen unsere Hilfe jetzt mehr denn je", heißt es in einer aktuellen Stellungnahme, die die Spitzen von 17 Organisationen unterzeichnet haben, darunter das UN-Flüchtlingshilfswerk, die Weltgesundheitsorganisation WHO und das UN-Kinderhilfswerk Unicef.

Auch der Afghanische Frauenverein wurde von der schnellen Machtübernahme der Taliban überrascht. "Es war abzusehen, dass die Taliban sich durchsetzen – wie schnell es dann ging, war aber sehr überraschend", erzählt Ihle. "Dass Kabul so schnell fällt, haben wir nicht erwartet." Der Hamburger Verein, den 1992 Afghaninnen gegründet haben, die in Deutschland leben, setzt sich vor allem für Frauen und Kinder ein. "Unsere Sorge ist riesengroß, dass die Rechte für Frauen und Mädchen dramatisch beschnitten werden, dass es einen Rückschritt in die 90er Jahre gibt", sagt die Geschäftsführerin. "Das macht große Angst im Land."

Über die liberalen Ankündigungen der Taliban staunten die Vereinsmitarbeiter "wie die ganze Weltgemeinschaft". Frauen werden demnach respektiert, dürfen arbeiten und aktiv an der Gesellschaft teilnehmen – im Rahmen der Scharia. Doch "die Vergangenheit hat gezeigt, dass man dem vielleicht nicht Glauben schenken kann", sagt Ihle. "Die Befürchtung ist sehr, sehr groß, dass sich dieser moderate Kurs ändert, sobald die internationale Gemeinschaft nicht mehr so präsent ist."

Taliban steinigten Frauen bei Scharia-Verstößen

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Christina Ihle, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Afghanischer Frauenverein

Unter der Herrschaft der Taliban in den 90er Jahren wurden Frauen bei Verstößen gegen ihre Auslegung der Scharia sogar gesteinigt. "Es bleibt nur zu hoffen, dass die Welt weiter hinschaut, damit so etwas nicht noch einmal möglich ist", mahnt Ihle. Mädchen durften damals nur wenige Jahre zur Schule gehen; Frauen war es verboten zu arbeiten - oder auch nur ohne männliche Verwandte und Burka das Haus zu verlassen.

Auch für sich selbst dürften Hilfsorganisationen nun hoffen. Denn sie müssen sich in einem Land mit der dortigen Regierung und ihren Behörden abstimmen. In Afghanistan werden die Helfer bald auf neue Ansprechpartner angewiesen sein: die Taliban.

Quelle: ntv.de, mit dpa/rts

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