Politik

"Auf dem Rücken unserer Kinder" Kinderhilfswerk kritisiert Corona-Politik

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Wechsel-Unterricht - oder doch wieder Homeschooling? Das ist noch nicht endgültig entschieden.

(Foto: dpa)

Von einem "Zuständigkeits- und Organisationschaos" spricht die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderhilfswerks, Lütkes. Sie geht hart mit der Corona-Strategie etwa bei Bildung und Impfen ins Gericht. Derweil ist unklar, ob die Schulen in der dritten Welle offen bleiben können - die SPD fordert dies.

Die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderhilfswerks, Anne Lütkes, ist hart mit der deutschen Corona-Strategie ins Gericht gegangen und warnte vor einem "Schiffbruch" des Bildungssystems. "Innerhalb kürzester Zeit werden Kitas und Schulen wieder komplett schließen müssen, weil an zu vielen Stellen nur Wert auf das Einhalten von Zuständigkeiten, Verwaltungsabläufen und Bürokratieerfordernissen gelegt wird, anstatt pragmatisch die immensen Herausforderungen der Corona-Pandemie zu lösen", sagte Lütkes den Funke-Zeitungen.

Lütkes beklagte ein "Zuständigkeits- und Organisationschaos" an vielen Stellen und ein Fehlen nachhaltiger Strategien etwa bei der Bildung und beim Impfen. Ebenso fehle es an einem "tragfähigen Konzept, wie die sich immer weiter öffnende Bildungsschere geschlossen werden" könne. "Parlamentarische und exekutive Unfähigkeit" werde "auf dem Rücken unserer Kinder und Jugendlichen ausgetragen".

Bund und Länder hätten es "entgegen ihren Versprechungen verpasst, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, um einen sicheren Betrieb in den Schulen und Kitas zu gewährleisten", kritisierte Lütkes. "In der Gesamtschau müssen wir deshalb feststellen, dass aus kinderrechtlicher Sicht aufgrund vielfacher falscher Prioritätensetzungen der Umgang mit der Corona-Pandemie ein einziges Desaster ist." Lütkes verwies auf "vielerorts dramatische Berichte aus Kinder- und Jugendarztpraxen, aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Krankenhäusern", die zeigten, dass sowohl Ängste, Vereinsamung, Unsicherheiten und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen als auch innerfamiliäre Konflikte in der Pandemie deutlich zugenommen hätten.

Walter-Borjans will Schulen offenhalten

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sprach sich derweil trotz steigender Corona-Infektionszahlen dafür aus, die Schulen zumindest für Wechselunterricht weiter offenzuhalten. "Es war mühsam für alle Beteiligten, den Wechselunterricht zu akzeptieren. Er ist die richtige Entscheidung", sagte er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Es gebe zu viele Kinder, die zu Hause nicht angemessen am Digital-Unterricht teilnehmen könnten und wenig Unterstützung hätten. "Wir brauchen da einen pragmatischen Weg, auch mit besonderen Hilfen für Kinder, die durch den Ausfall des Unterrichts in der Schule zunehmend in Rückstand geraten", forderte Walter-Borjans.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, rechnet hingegen mit einer baldigen Rückkehr zum Distanz-Unterricht. "Es gibt nur eine Möglichkeit, die Schulen auch in einer dritten Welle zu einem einigermaßen sicheren Orten zu machen: indem man die Lehrer impft und gleichzeitig mindestens zweimal in der Woche einen Schnelltest für alle Lehrer und Schüler durchführt", sagte er der "Bild am Sonntag". Bei beidem hake es jedoch massiv. "Ich glaube deshalb nicht, dass wir die Schulen in der dritten Welle offen lassen können."

Besonders den Schnelltests an Schulen stellte Meidinger ein schlechtes Zeugnis aus. "Nicht ein einziges Bundesland hat ausreichend Schnelltests, um mindestens zweimal in der Woche, besser noch jeden Schultag, alle Schüler und Lehrer durchzutesten", sagte er. Auch Meidinger warnte vor einem großen Rückstand bei den Kindern. "Alle Schüler haben Lücken aufgebaut. Bei 20 Prozent sind sie so groß, dass sie gar nicht mehr begleitend aufgeholt werden können", sagte der Verbandspräsident.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten wollen in einer Videokonferenz am Montag über das weitere Vorgehen bei den Corona-Auflagen entscheiden. Erst vor zwei Wochen waren leichte Lockerungen in Kraft getreten. Angesichts wieder steigender Infektionszahlen häufen sich inzwischen Forderungen, die Lockerungen wieder zurückzunehmen.

Quelle: ntv.de, mli/AFP

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