Kreml-Propagandist in UngnadeBericht: Russischer Blogger nach scharfer Putin-Kritik in Psychiatrie eingeliefert
Offener Widerstand gegen Putin ist in Russland sehr selten. Umso erstaunlicher ist es, dass ein bisher strammer Kreml-Getreuer die bis dato deutlichsten Worte gegen den Machthaber äußert. Um die Beweggründe des Bloggers wird spekuliert. Nun gibt es offenbar Konsequenzen für ihn.
Ein langjähriger Kreml-Propagandist ist Medienberichten zufolge nach einer überraschenden politischen Kehrtwende in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden. Der Blogger Ilja Remeslo ist in St. Petersburg in die Psychiatrie Nummer 3 eingewiesen worden, berichtete etwa die lokale Zeitung "Fontanka". Über die Gründe für die Einweisung machte die Zeitung keine Angaben. Die Auskunftsstelle der Klinik habe bestätigt, dass ein Patient mit dem Namen Ilja Remeslo Pakete entgegennehmen könne.
Remeslo sorgte am späten Dienstagabend mit einer scharfen Kritik an Kremlchef Wladimir Putin und dem von ihm befohlenen Krieg in der Ukraine für Aufsehen. Der Kriegs-Blogger veröffentlichte auf seinem Telegram-Kanal, dem 90.000 Nutzer folgen, ein kritisches Manifest. In dem Beitrag mit dem Titel "Fünf Gründe, warum ich aufgehört habe, Wladimir Putin zu unterstützen" warf Remeslo dem Präsidenten vor, einen "scheiternden Krieg" in der Ukraine zu führen.
Der Krieg habe Millionen Menschen das Leben gekostet und die russische Wirtschaft ruiniert. "Wladimir Putin ist kein legitimer Präsident. Wladimir Putin muss zurücktreten und als Kriegsverbrecher und Dieb vor Gericht gestellt werden", schrieb er in seinem Beitrag. Zudem habe der Kreml-Chef Medienfreiheit erstickt und sei nun dabei, das Internet abzuschalten, klagte Remeslo.
Die Aussagen Remeslos führten zu zahlreichen Spekulationen. Der 42-jährige Jurist hatte sich lange als Kritiker von Putin-Gegnern gezeigt, bevor er selbst einer wurde. So war er in der Vergangenheit bisher bekannt als Denunziant der russischen Opposition und war auch als Zeuge der Anklage in den Prozessen gegen Kremlkritiker Alexej Nawalny aufgetreten. Zudem bejubelte Remeslo öffentlich die Annexion der Krim.
Instrument zur Unterdrückung
Die Reaktion der Behörden auf den Sinneswandel Remeslos dürfte auch als Warnung verstanden werden. Schon zu Sowjetzeiten wurden Nervenheilanstalten als Instrument zur Unterdrückung Andersdenkender missbraucht. Die Zwangsunterbringung zahlreicher Dissidenten dort diente dazu, sie zu diskreditieren und ihren Willen zu brechen.
Unter dem sowjetischen Diktator Josef Stalin war es gang und gäbe, dass Regimekritiker oft für viele Jahre in die Psychiatrie eingewiesen wurden. Fast auf den Tag genau vor 70 Jahren rechnete der damalige Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, in einer geheimen Rede auf dem 20. Parteitag mit Stalins Terror und dem Personenkult ab.
Heute erlebt Stalin, der von Ende 1920 bis zu seinem Tod im März 1953 an der Macht war, im Russland Putins eine Renaissance. Viele sehen in Stalin den Sieger gegen Nazi-Deutschland. Stalin-Denkmäler, die einst abgerissen wurden, werden wieder aufgebaut. Und die Ende der 1980er Jahre entstandene Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich um die Aufarbeitung stalinistischer Gewaltherrschaft in der Sowjetunion bemühte, wurde 2021 verboten und aufgelöst. Ein Jahr später erhielt Memorial den Friedensnobelpreis.
