Politik

Wie Guttenberg, nur in Dada Kurz' Ministerin fällt über Uni-Mogelei

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"Annahmen sind wie Seepocken", schrieb Österreichs Ex-Arbeitsministerin Christine Aschbacher in ihrer Doktorarbeit.

(Foto: imago images/CHROMORANGE)

"Eine Katastrophe" nennt ein Plagiatsjäger die Abschlussarbeit von Sebastian Kurz' Arbeitministerin Christine Aschbacher. Ihren Job ist sie mittlerweile los, die unfassbaren Stilblüten erheitern noch immer das Land.

Unsinn, Kauderwelsch, Plagiate: Es ist ein vernichtendes Urteil, das der Textanalytiker Stefan Weber vor vier Tagen auf seinem Blog über die Diplomarbeit von Christine Aschbacher fällt - und der Anfang vom jähen Ende der politischen Karriere von Österreichs Arbeitsministerin, einer langjährigen Wegbegleiterin von Sebastian Kurz. Wie sich schnell herausstellte, enthält auch ihre Dissertation zahlreiche Plagiate und puren Nonsens, am Samstag abend zog Aschbacher die Konsequenzen und trat zurück.

Ein Hauch von Guttenberg weht seitdem durch die Republik - garniert mit einer gehörigen Portion Dadaismus. Denn was die Ex-Ministerin in ungelenker Sprache zusammengetragen hat, erheitert die Österreicher in den Kommentarspalten und sozialen Medien, die wie Trüffelschweine nach den lustigsten Stellen suchen und immer wieder fündig werden. "Okay, dann, glaube ich nicht mit Ihnen einverstanden, aber ich werde rollen und tun es weil sie sagen mir zu", zitiert Aschbacher in ihrer Dissertation den Milliardär Richard Branson, offenbar eine verunglückte Übersetzung. An anderer Stelle schreibt sie kryptisch: "Annahmen sind wie Seepocken an der Seite eines Bootes; sie verlangsamen uns."

"Eine wissenschaftliche Katastrophe"

Wie es zu solch kuriosen Fehlern kommen kann, vermag sich der Plagiatsjäger Stefan Weber selbst nicht zu erklären, wie er auf seinem Blog schreibt. Übersetzungsprogramme wie Google Translate seien mittlerweile zu gut, um solche Satzungetümer zu fabrizieren. Auch die Passagen, die Aschbacher wohl selbst geschrieben hat, fallen durch merkwürdige Formulierungen auf: "Im nächsten Schritt wurde mit dem Vorstand die Kontinuum-basierende Führung diskutiert, wo der Betroffene eindeutig zu 100 % zustimmen kann, besonders in der Anwendung des Flow-Prinzips, welches für die Führungskraft das schönste ist, wenn die Mitarbeiter im Flow sind und dieser Zustand gelingt oft, laut seinen Aussagen."

Eine "wissenschaftliche Katastrophe" sei die Diplomarbeit, die sich Weber zuerst angeschaut hat. Abgenommen wurde sie von der Fachhochschule Wiener Neustadt im Jahr 2006 - und mit "sehr gut" benotet. Die Dissertation mit dem Titel "Entwurf eines Führungsstils für innovative Unternehmen" verteidigte Aschbacher nach acht Jahren Arbeit im Sommer 2020 an der Slowakischen Technischen Universität Bratislava (STU), also inmitten der Pandemie. Hier fand Weber mit einer speziellen Software 21 Prozent Plagiate - und eine "komplett neue Dimension des verborgenen Quatsches in Doktorarbeiten". Schon im vorangestellten Resümee hätten die Prüfer stutzig werden müssen: "Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse soll ein allgemein gültiges Lösungsmodell bestehende erstellt werden, dass für innovative Führungskräfte in Industrieunternehmen anwendbar ist."

Für andere kein Grund zum Rücktritt

Eine "komplett neue Dimension des verborgenen Quatsches in Doktorarbeiten" - Plagiatsexperte über Aschbachers Werk

Eine "komplett neue Dimension des verborgenen Quatsches in Doktorarbeiten.

(Foto: imago images/photonews.at)

Sowohl die Fachhochschule Wiener Neustadt als auch die STU prüfen nun, ob Aschbacher ihr akademischer Grad aberkannt wird. Besonders osteuropäische Universitäten stehen im schlechten Ruf, Titel sehr großzügig zu verteilen - siehe Verkehrsminister Andreas Scheuer, der das "kleine Doktorat" an der Universität Prag erworben hatte, mit einer Arbeit, die ihm in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" den Beinamen "Doktor Dünnbrettbohrer" eintrug. Wegen Plagiatsvorwürfen führt Scheuer das "Doktor" vor seinem Namen seit 2014 nicht mehr.

Die STU in Bratislava hat sich jedoch in der Vergangenheit explizit gegen die Verwässerung von wissenschaftlichen Standards gestellt - in der Slowakei ein Riesenthema, seit nacheinander dem Ministerpräsidenten, dem Bildungsminister und dem Parlamentspräsidenten Schummeleien in ihren wissenschaftlichen Arbeiten nachgewiesen worden waren.

Auch in Österreich, weltberühmt für seine Titelversessenheit, gerieten schon hochrangige Politiker in Verdacht, wie der EU-Haushaltskommissar Johannes Hahn, ÖVP-Parteifreund von Sebastian Kurz und ehemaliger Minister für Forschung und Wissenschaft. Eine erneute Prüfung seiner Dissertation durch die Uni Wien endete mit einer typisch österreichischen Lösung: Die Arbeit sei zwar kein Plagiat, wohl würde sie aber heute "nicht mehr angenommen" werden. Einen Grund zum Rücktritt sah Hahn nicht.

"Jeder hat das Recht auf ein sonniges Tarifverfahren"

Kein Wort des Bedauerns, keines über eigene Fehler - auch die Rücktrittserklärung von Christine Aschbacher liest sich nicht wie ein Schuldeingeständnis, sondern eher wie ein Angriff auf die Kritiker. Sie habe die Arbeiten "nach bestem Wissen und Gewissen" verfasst und werde nun "medial in unvorstellbarer Weise vorverurteilt". Der Grund für den Rückzug, in Aschbachers Lesart: Sie wolle ihre Familie schützen.

Der Satiriker Marco Pogo machte sich einen Spaß daraus, das Statement per Google Translate ins Slowakische und wieder zurück zu übersetzen, heraus kamen Sätze, die so auch in der Dissertation stehen könnten: "Jeder in diesem Land hat das Recht auf ein sonniges Tarifverfahren."

Kurz kann aufatmen

Geschützt wird mit dem Eil-Rücktritt vor allem Sebastian Kurz, der die bis dato völlig unbekannte Aschbacher im Januar überraschend ins Kabinett berufen hatte. Die 37-Jährige und der drei Jahre jüngere Kanzler kennen sich seit gemeinsamen Tagen in der Schülerunion, einer Jugendorganisation der ÖVP. Im Amt sorgte Aschbacher vor allem mit einem Foto für Aufsehen: Als sie den Covid-Hilfsfonds aufsetzte, übergab sie öffentlichkeitswirksam einen Hundert-Euro-Schein an eine Familie, das Baby griff danach, ein perfekter Schnappschuss für den Boulevard - bis Aschbacher einräumen musste, dass die Familie ÖVP-nah und das Foto gestellt war.

In der Pandemie geriet Aschbacher zuletzt in die Kritik, weil sie noch immer keine Home-Office-Regelung erreicht hat, immer wieder holperte sie sich mit unglücklichen Formulierungen durch Pressekonferenzen und Interviews - laut Plagiatsjäger Weber war ihr schlechtes Deutsch sogar der Grund, sich die Diplomarbeit einmal genauer anzuschauen.

24 Stunden nach Aschbachers Demission stellte Kurz schon den neuen Mann vor, der in den kommenden Jahren die wichtigen Agenden übernehmen soll - über eine halbe Million Menschen in Österreich sind arbeitslos, rund 400.000 in Kurzarbeit. Im Dezember 2019 waren es noch 350.000 Arbeitslose.

Die Herkulesaufgabe auf dem Arbeitsmarkt übernimmt Martin Kocher, ein Wirtschaftswissenschaftler ohne Parteibuch, ein Experte also, auch wenn sein Fachgebiet im Bereich Verhaltensökonomie liegt. Kurz korrigiert mit der Entscheidung für den 47-Jährigen eine personelle Fehlentscheidung, so der Tenor in Österreichs Presse.

Und auch in den sozialen Medien wurde Kocher wohlwollend begrüßt, der auf der Plattform Twitter unter dem Namen "Magrathean Times" schreibt - eine Referenz auf den Kultroman "Per Anhalter durch die Galaxis", in dem der Planet Magrathea zum reichsten der ganzen Galaxie wurde, damit aber einen gigantischen Börsenkrach verursachte. Das Rezept der Bewohner: Ein langer Winterschlaf, bis die Sache vorbei ist. An eine Ruhepause wollte Kocher bei seiner Vorstellung am Sonntag aber nicht denken: "Wir fangen sofort an".

Quelle: ntv.de