Politik

Wahlplakate im Expertencheck "Lindner wirkt weit weg vom Wähler"

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Wahlkampf-Zeit ist auch Plakate-Zeit.

(Foto: imago images/Stefan Zeitz)

Deutschland wird wieder zum Plakate-Dschungel: Seit einigen Tagen dürfen die Parteien ihre Wahlwerbung an Laternen, Litfaßsäulen und Werbetafeln aufhängen. Nicht alle Kampagnen sind gelungen und doch sind die Wahl-Poster unverzichtbar, sagt Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer.

ntv.de: Ganz in rot, komplett grün oder kreisrund: Die Parteien haben sich viel einfallen lassen, um den Wähler mit ihren Plakaten zu überzeugen. Aber ganz ehrlich: Ist für Sie etwas Originelles dabei? Oder war das, was wir da jetzt sehen, erwartbar?

Marcus Maurer ist Professor für Kommunikationswissenschaften und politische Kommunikation an der Universität in Mainz.

Markus Maurer ist Professor für Kommunikationswissenschaften und politische Kommunikation an der Universität in Mainz.

Marcus Maurer: Es gibt sicher ein paar Plakate in diesem Jahr, die anders sind, aber im Großen und Ganzen sehe ich da nichts, was mich überrascht. Am meisten gewandelt hat sich vielleicht die AfD. Deren Plakate sehen mittlerweile aus wie alle anderen auch. Während die Partei früher provokante und streitbare Bilder und Sprüche abgedruckt hat, sehen wir hier heute auch vermehrt Köpfe der Spitzenkandidaten und deutlich weniger Provokation.

Vor allem die Kampagne der CDU um Armin Laschet hat für Kritik gesorgt: Sie sei zu wenig divers und bilde außerdem keine echten Polizisten und Krankenpfleger ab, sondern nur verkleidete Mitarbeiter der Partei. Ist das ein Beispiel für eine missratene Kampagne?

Dem würde ich widersprechen. Denn wahnsinnig divers sind die Plakate der anderen ja auch nicht. Bei der SPD sehen wir eigentlich nur Olaf Scholz. Und der Vorwurf, dass die CDU auf ihren Postern keine echten Krankenpfleger oder Polizisten abdruckt, ist absurd. Die Linkspartei hat zum Beispiel ein Plakat, das eine Putzkraft zeigt. Aber ich wage die Behauptung, dass das keine echte Putzkraft ist. Im Ernst: Kein Wähler glaubt doch wirklich, dass wir hier Menschen aus dem wahren Leben sehen. Zumal ich auch vermute, dass es für Polizisten dienstrechtlich wahrscheinlich gar nicht so einfach möglich wäre, für Wahlplakate bestimmter Parteien zu posieren. Diese Debatte war albern.

Viele Wählerinnen und Wähler finden Plakate überflüssig, teuer sind sie zudem. Trotzdem hängen sie überall. Was versprechen sich die Parteien von der Plakatierung?

Der Sinn hinter dieser Wahlwerbung ist zu signalisieren: Bald ist Wahl, jetzt geht der Wahlkampf los, wir sind dabei. Das schafft Aufmerksamkeit. Und selbst wenn die Kampagnen viel Geld kosten, kann sich keine Partei erlauben, hier nicht mitzumachen. Denn das würde die Botschaft vermitteln: Wir treten diesmal nicht an. Deswegen sind die Poster für die Parteien unverzichtbar. Dass Wählerinnen und Wähler von einem Plakat überzeugt oder sogar umgestimmt werden, glaube ich allerdings nicht. Was die Plakatierung aber schaffen kann, ist, dass der Blick auf ein Plakat vielleicht den Impuls auslöst, sich tiefergehend mit einer Partei zu beschäftigen. Und wenn Wahlwerbung das schafft, dann haben die Plakate ja schon viel erreicht.

Die FDP zeigt wieder einmal vor allem Christian Lindner. Auch bei der SPD sehen wir in erster Linie Olaf Scholz. Funktionieren Personen auf Plakaten besser als Inhalte?

Wenn wir unterstellen, dass wir Wahlplakate ja oft nur im Vorbeifahren oder Vorbeilaufen wahrnehmen, dann nehmen wir zuerst Bilder wahr. Die erzeugen schneller Aufmerksamkeit und können direkter verarbeitet werden. Da funktionieren Bilder sicher besser. Trotzdem braucht es auf Plakaten ja auch Inhalte. Nur dürfen die eben nicht zu kompliziert sein, müssen schnell zu erfassen sein und müssen dann natürlich am besten noch ausdrücken, wofür die Partei steht.

Bei welchen Kampagnen denken Sie im Hinblick auf den diesjährigen Wahlkampf: Mensch, das hättet ihr besser machen können?

Da fällt mir die Linkspartei ein. Deren Plakate sehen seit Jahren nahezu gleich aus und sind völlig überladen. Da sehen wir bunte Farben, viel Text und Symbolbilder, die sich nicht direkt erschließen. Manchmal ist der Text sogar so groß, dass er Bilder überlappt. In den vergangenen Wahlkämpfen hatten sie sogar Plakate, auf denen nur Text stand. Da muss man sagen, das ist auch diesmal nicht gut gelungen. Bei den Grünen fällt mir auf, und das ist ja eigentlich absurd: Die sind sehr grün. Das könnte, je nachdem, wo die Plakate aufgehängt werden, zum Problem werden. In Parks zum Beispiel könnten die schnell übersehen werden. Und auch bei der CDU hätte man es besser lösen können.

Was meinen Sie?

Der CDU-Kreis, in dem alles stattfindet, ist zwar ein schönes Symbol: Er steht ja für Zusammenhalt. Aber dadurch, dass alles in diesen Kreis gepackt wird, wirkt es sehr eingeengt und unaufgeräumt. Auch beim Slogan "Deutschland gemeinsam machen" könnte ich nachvollziehen, wenn jemand sagt: Das verstehe ich nicht.

Welche Plakate tun sich denn in Ihren Augen in diesem Jahr besonders positiv hervor?

Rein vom künstlerischen Aspekt her sind die Plakate der FDP sicherlich sehr gelungen. Diese schwarz-weißen Porträtbilder von Christian Lindner in Kombination mit knallig gelben oder magentafarbenen Sprüchen sehen schon schick aus. Aber Lindner wirkt immer weit weg vom Wähler, als wäre er total beschäftigt und hätte keine Zeit, für ein Bild zu posieren. Außerdem schaut er nie in die Kamera, das schafft Distanz zum Wähler. Also optisch ansprechend, inhaltlich weniger. Gut gemacht hat es die SPD. Dieses knallige Rot ist ein echter Blickfang und die Ansprache ist sehr direkt und sehr klar. Da würde ich fast sagen: Das ist originell.

Mit Marcus Maurer sprach Veit Schmelter

Quelle: ntv.de

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