Abschreckung für RusslandBundeswehr führt nun auch einen Nato-Verband in Litauen

An der Nato-Ostflanke wird Deutschlands "Zeitenwende" sichtbar. Die Bundeswehr kommandiert dort nun auch einen multinationalen Kampfverband. Das Gastgeberland Litauen steuert "das größte Militärinfrastruktur-Projekt" seiner Geschichte bei.
Die Litauen-Brigade der Bundeswehr erreicht einen weiteren Meilenstein: Der zur Verteidigung der Nato-Ostflanke gegen Russland aufgestellte Großverband übernimmt offiziell das Kommando über die "Multinational Battlegroup Lithuania". 1500 Soldaten nahmen am Übergabeappell des Verbands aus Soldaten mehrerer Nato-Länder in Kaunas teil. Für das Bundesverteidigungsministerium reiste in Vertretung von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius Staatssekretär Sebastian Hartmann zu dem Appell, der bei eisiger Kälte in einem Park nahe dem Rathaus der zweitgrößten litauischen Stadt abgehalten wurde. "Das ist die Zeitenwende in Aktion", sagte Hartmann bei seiner kurzen, auf Englisch gehaltenen Rede. Russland habe einen "systematischen Aufbau militärischer Fähigkeiten" vorangetrieben, der Bundestag habe in Reaktion darauf die nötigen Mittel bereitgestellt, um "gegen jegliche Aggression abzuschrecken und uns nötigenfalls dagegen zu verteidigen".
Für die Bundeswehr war der Inspekteur des Heeres, Christian Freuding, vor Ort. Das Gastgeberland repräsentierte der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas. Die Nato-Streitkräfte und somit auch die Soldaten der Bundeswehr in Litauen seien "ab heute Nacht bereit zum Kampf, was immer auch nötig sein mag", sagte Freuding im Anschluss an den Appell. Der litauische Verteidigungsminister Kaunas sagte, es sei "ein großartiges Gefühl" der "Sicherheit und Stabilität", dass deutsche Soldaten in so großer Anzahl zur Verteidigung Litauens eingesetzt seien. Deutschlands Führungsrolle beim Schutz der Nato-Ostflanke sei von unschätzbarem Wert.
Die "Multinational Battlegroup" ist seit 2017 in Litauen im Einsatz, mit der Übergabe wird sie zu einem der drei Verbände der Litauen-Brigade. Die zwei weiteren Verbände, das Panzergrenadierbataillon 122 aus dem bayerischen Oberviechtach und das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf in Nordrhein-Westfalen, wurden bereits in den vergangenen Tagen in die Brigade eingegliedert.
Die Brigade wird offiziell Panzerbrigade 45 Litauen genannt. Im April 2025 ist sie in den Dienst gestellt worden, bis Ende 2027 soll sie die volle Truppenstärke erreicht haben und somit einsatzbereit sein. Für die Brigade sollen dann insgesamt 4800 Soldaten und 200 zivile Angestellte in Litauen stationiert sein, teilweise mit ihren Familien. Zentrale Standorte sind das unweit der Grenze zu Belarus und südwestlich der Hauptstadt Vilnius gelegene Rudninkai sowie Rukla nahe der zweitgrößten litauischen Stadt Kaunas.
Schutz der Suwalki-Lücke
Litauen unternimmt für den Aufbau der nötigen Infrastruktur erhebliche finanzielle Anstrengungen. Verteidigungsminister Kaunas sagte beim Appell, sein Land unternehme für die Brigade "das größte Militärinfrastruktur-Projekt der Geschichte". Der Bau schreite um etwa zehn Monate schneller voran als geplant. Bis Ende des Jahres dürften die nötigen Einrichtungen bereits abgeschlossen sein.
Verteidigungsminister Pistorius hat die Litauen-Brigade mehrfach als "Leuchtturmprojekt" der Zeitenwende in der deutschen Verteidigungspolitik bezeichnet. Sie ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die erste deutsche Brigade, die dauerhaft im Ausland eingesetzt ist. Der Großverband soll zur Stärkung der Nato-Ostflanke beitragen - jener Gebiete also, die zum nordatlantischen Militärbündnis gehören und an Russland, Belarus oder die Ukraine grenzen. Russland soll abgeschreckt werden, nach der Ukraine weitere europäische Staaten anzugreifen.
Zu den Aufträgen der Litauen-Brigade gehört laut Bundeswehr der Schutz der sogenannten Suwalki-Lücke, des Landkorridors rund um die gleichnamige polnische Stadt. Er befindet sich zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus. Nach Ansicht von Militärstrategen dürften Russland und das verbündete Belarus im Fall eines Angriffs versuchen, das Gebiet zu besetzen und so die baltischen Republiken Litauen, Lettland und Estland vom restlichen Nato-Gebiet abzuschneiden.