Politik

Nach endgültigem Brexit Lkw-Verkehr in Calais läuft problemlos

Seit Mitternacht ist Großbritannien nicht mehr Teil der EU-Zollunion und des Binnenmarktes. Dank des kürzlich vereinbarten Handelspakts bleibt ein Chaos zwischen der Insel und Frankreich aus. Die ersten 200 Lkw werden problemlos abgefertigt.

Ein Knopfdruck und dann gab es grünes Licht: Im nordfranzösischen Calais sind die ersten Lastwagen auf dem Weg nach Großbritannien nach dessen Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion abgefertigt worden. Als erstes Fahrzeug stoppte kurz nach Mitternacht ein mit Briefen und Paketen beladener Transporter aus Rumänien am Kontrollpunkt. Zusätzlich zu den üblichen Sicherheitskontrollen war ein kurzer Scan notwendig, dann drückte Calais' Bürgermeisterin Natacha Bouchart auf den Knopf, der die Weiterfahrt erlaubte.

Nach Angaben der Betreibergruppe Getlink durchquerten zunächst rund 200 Lastwagen den Tunnel unter dem Ärmelkanal "ohne Probleme". "Der Verkehr war für eine außergewöhnliche und historische Nacht ziemlich gleichmäßig, alles lief gut", fügte Getlink hinzu. Alle Lastwagenfahrer hätten die durch den Brexit nötig gewordenen Formalitäten erfüllt, niemand sei aufgehalten worden.

Gegen 9:15 Uhr legte dann auch die erste Fähre aus dem englischen Dover im Hafen von Calais an. 36 Lastwagen rollten von der "Pride of Kent" an Land, drei von ihnen wurden für zusätzliche Überprüfungen angehalten.

Johnson: "Das Beste daraus machen"

Großbritannien war zum 1. Februar aus der EU ausgetreten. Nach einer Übergangszeit von elf Monaten endete in der Nacht zu Freitag auch seine Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt und der Zollunion. Um 23 Uhr (Mitternacht MEZ) läutete der Glockenschlag von Big Ben das neue Kapitel in der Geschichte des Landes ein - nach 47 Jahren als Teil der europäischen Staatengemeinschaft. Der britische Premierminister Boris Johnson sprach von einem "großartigen Moment" für sein Land. "Wir halten unsere Freiheit in unseren Händen und es liegt an uns, das Beste daraus zu machen", sagte er am Donnerstagabend in seiner Neujahrsansprache.

Das Post-Brexit-Abkommen zwischen Großbritannien und der EU, das zahlreiche Handels- und Zollfragen regelt, war erst in letzter Minute am 24. Dezember vereinbart worden. Das Abkommen soll Chaos in den beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen verhindern - ohne den Deal hätten ab Freitag Lieferprobleme und lange Grenzstaus gedroht.

So aber verlief der erste Tag dieser neuen Ära weitgehend reibungslos. Auch auf englischer Seite gab es am frühen Morgen keine Verspätungen bei der Abwicklung der neuen Ausfuhrformalitäten. Auf dem Weg zur Anlegestelle in Dover mussten die Lastwagenfahrer lediglich negative Corona-Tests vorweisen, um auf die Fähre zu gelangen.

Härtetest wohl erst kommende Woche

Anwohner Alan Leigh sagte während seines Neujahrsspaziergangs an den berühmten weißen Klippen von Dover, es sei "gut zu sehen, dass der Hafen seine Arbeit erledigt hat und es keinen Rückstau gibt". Trotz der glatt laufenden Premiere werden für die kommenden Wochen und Monate Probleme beim Handel am Ärmelkanal erwartet. Erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder Grenzkontrollen und viel Papierkram für die Handelsunternehmen. So müssen sie fortan ihre Waren beim französischen Zoll anmelden, was im Vorfeld über ein "Smart Border"-System erfolgt.

Von einem ersten kleinen Zwischenfall berichtete die Fährgruppe Stena Line bei Twitter. Demnach wurden mehrere Güterladungen, bestimmt für das EU-Mitglied Irland, am walisischen Hafen Holyhead abgewiesen, weil die richtigen Dokumente fehlten.

Für die nächsten Tage wird aber zunächst ohnehin mit wenig Handelsverkehr gerechnet. Viele Unternehmen haben ihre Vorräte im Dezember aufgestockt, um Engpässe aufgrund der neuen Kontrollen im Januar zu umgehen. Zudem ist der Neujahrstag in Großbritannien und Frankreich ein Feiertag. Die Behörden rechnen damit, dass der Härtetest für den Grenzverkehr unter neuen Vorzeichen in der kommenden Woche stattfinden wird.

Quelle: ntv.de, Clément Melki und Joe Jackson, AFP