Berlin Tag & MachtLorenzo Klingbeillini und das Sommerhaus der Politstars
Eine Kolumne von Marie von den Benken
Das große Sommerinterview mit Lars Klingbeil zeigt: Die SPD hat nicht nur ein Umfrageproblem, sondern vor allem ein Problem damit, zu erklären, wofür man sie überhaupt noch braucht.
Es gibt Fernsehformate, bei denen bereits der Name liebgewonnene Schlüsselreaktionen hervorruft. "Sommerinterview" zum Beispiel. Das klingt nach von annähernd royalem Glamour umschmeichelter Symbiose journalistischen Hochadels mit politischem Hochamt. Ansatzlos "Gala"-fähig inszeniert vor dem Bühnenbild einer nach floraler Opulenz duftenden Parkanlage: dezente Note von Bergamotte, kräftiges Feigenblatt, blühender Jasmin, reifer Lavendel, mediterrane Zypressen, weißer Moschus plus kalter Argumentationsschweiß deutscher Spitzenpolitiker.
Allerdings stehen dabei nicht abgehalfterte Ex-Promis, die sich inzwischen in die Schmuckdesignerzunft gerettet haben, im Fokus, sondern Parteichefs, Minister und Kanzler. Sommerhaus der Politstars. Erschwerte diskurs-klimatische Bedingungen. Reichstag statt Dschungelcamp. Knallhart nachgefragt statt Kuschelkurs. Den Markus-Lanz-Gedächtnis-Finger stets im Anflug auf die Krisen-Wunde. Eine investigativ modulierte Abkehr von staatsmännischen Gedanken hin zu einem sogenannten Real Talk vor pittoreskem Gewässer. Inhaltsdekorativ im Ambiente eines beinahe mediterranen Bundesgartenschau-Szenarios. So botanisch bunt hochgeforstet, dass der durchschnittliche US-Collegeabsolvent tippen würde: Das müsste der Präsident von Italien sein!
Ist dann aber diese Woche, in der sich endlich auch Sat.1 in das vom ZDF quotenwirksam vorgewärmte Sommerinterview-Bett legt, doch nur der Vizekanzler. Herzlich willkommen, Lars Klingbeil. Oder wie wir im Palazzo Montecitorio sagen: Benvenuto, Lorenzo Klingbeillini. Der durch strategisch sommerlichen Kulissen-Kontext zum Quasi-Italiener umfirmierte Lorenzo Klingbeillini also ist der gefeierte Premierengast des Sensationsformats. Das gehörte seit 1988 relativ exklusiv zum ZDF-Sommerferien-Rahmenprogramm. Traditionell ein Aufregungs-Katalysator, bei dem bereits Friedrich Merz an der Brandmauer zerschellte oder Alice Weidel eine eigene Kriminalstatistik erfand, nach der "täglich Menschen auf den Straßen umgebracht werden".
Dschungelcamp auf der Regierungsbank
Zum Debüt sitzt Lorenzo Klingbeillini da und wirkt, als frage er sich die ganze Zeit, wo Dunja Hayali bleibt. Vor lauter Verwirrung vergisst er sogar die zentrale Problematik der Sozialdemokratie: weshalb die älteste demokratische Partei Deutschlands langsam zum museumsreifen politischen Weltkulturerbe ohne regulären Publikumsverkehr wird. Wichtiger scheint zu sein, darüber zu philosophieren, weshalb die Regionalbahn nach Uelzen heute leider 14 Minuten Verspätung hat - die SPD daran aber natürlich keine Schuld trifft. Bitte achten Sie beim Aussteigen auf die Lücke zwischen SPD und Wählerschaft.
Dabei wäre das sonnendurchflutete Wohlfühlszenario perfekt für politische Befreiungsschläge. Denn in Klingbeillinis Partei rumort es. Wahlkämpfer schreiben Brandbriefe. Sonderparteitage werden gefordert. An der Parteiführung, also Klingbeillini höchstselbst, wird massive Kritik geübt. Und irgendwo sitzt gerade der letzte verbliebene SPD-Ortsvereinsvorsitzende Nordrhein-Westfalens in einer Kneipe in Duisburg-Obermarxloh vor einem Mettigel und fragt sich, ob August Bebel die Partei 1869 wirklich für eine Atmosphäre latenter innerparteilicher Politikverdrossenheit gründete.
Was erlauben Klingbeillini?
Im Sinne einer umfragerelevanten Schadenbegrenzungs- und Vertrauen-Zurückgewinnungs-Offensive könnte man erwarten, dass Klingbeil sagt: Leute, ihr habt recht. Es reicht. Wir haben verstanden. Oder wenigstens: Ich habe verstanden. Oder notfalls eben: Ich kenne jemanden, der verstanden hat. Stattdessen erklärt der SPD-Vorsitzende, angesichts der wirtschaftlichen Lage wäre es für jeden neuen Parteichef schwierig, die SPD wieder nach vorne zu bringen.
Aber: nein. Es wird nicht mehr regiert. Es wird rausgeredet. Nach dieser Logik hätte Andreas Scheuer damals auch sagen können: "Gut, die Maut-Sache ist nicht hundertprozentig optimal gelaufen, aber ein anderer hätte noch mehr Schaden angerichtet!" Formal schwer zu widerlegen. Dass man mit dieser Verteidigungslinie Wähler zurückgewinnt, scheint aber ebenso ungewiss.
Lorenzo Klingbeillini hätte sein Privatfernseh-Forum nutzen können, um die SPD als lösungsbesessene Innovationspartei zu etablieren. Stattdessen gibt es Phrasensalat mit Plattitüden-Dressing: Man möchte kleine und mittlere Einkommen entlasten. Aha. Man möchte die Rente reformieren. Aha. Man möchte den Sozialstaat zukunftsfähig machen. Aha. Und man möchte die AfD politisch stellen. Aha. Fehlt eigentlich nur noch: bezahlbarer Wohnraum, sichere Arbeitsplätze, Frieden in der Ukraine und endlich wieder ein Pfund Butter für 55 Cent.
Und schuld daran ist nur die SPD!
Klingt alles toll. Das Blöde ist nur: Das sind keine politischen Positionen mehr. Das ist die Konsens-Speisekarte im Problem-Imbiss, auf der sicherheitshalber keine Preise stehen. Besonders "die AfD politisch stellen" gehört inzwischen zum festen Sprachinventar der sogenannten Altparteien. Alle paar Tage drückt jemand auf den "die AfD stellen"-Worthülsen-Knopf, dann sagt irgendein Regierungsmitglied in irgendeiner Talkshow einen Satz, in dem "klare Kante" vorkommt, und die AfD legt um weitere zwei Prozentpunkte zu.
Natürlich trägt Klingbeillini daran nicht die Alleinschuld. Die SPD-Krise ist älter als die Regierungserfahrung aller SPD-Bundestagsabgeordneten zusammen. Schon als Klingbeil noch mit Nasenring und Punkband im Jugendzentrum Soltau auftrat, wurden bei der SPD nach Wahlniederlagen "schonungslose Analysen" angekündigt, anschließend monatelang gestritten, bis die nächste Wahl kam, und die lief dann noch schlechter. Danach begann der Prozess von vorne. Die SPD hat aus Wahlanalysen eine Art politisches Perpetuum mobile gemacht.
Politische Führung jedoch bedeutet, mehr zur Aufführung zu bringen als fein säuberlich vorbereitete und kommunikationsstrategisch weichgespülte Rhetorikkunstwerke. Vor allem in Momenten, in denen es ernst wird. Zwölf Prozent wären so ein Moment. Wenn eine offizielle Volkspartei nur noch jeden achten Wähler erreicht, sollte man vielleicht aufhören, dauernd von "die Menschen mitnehmen" zu reden. Wer Menschen mitnehmen möchte, sollte Busfahrer werden. Gerade die Sozialdemokratie ist auf eine Sprache angewiesen, die auch außerhalb von Hauptstadtstudios noch irgendetwas auslöst. Die SPD wurde schließlich nicht groß, weil Bebel "gemeinsam einen ergebnisoffenen Transformationsprozess zur Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe initiieren" wollte. Das hätte selbst 1875 niemand gewählt.
Politik braucht Konflikte. Ideen. Entscheidungen. Gelegentlich sogar eine erkennbare Vorstellung davon, wer am Ende mehr haben soll und wer dafür etwas abgeben muss. Inklusive der für irgendwen sehr unangenehmen Antwort. Aber so ist Politik. Sonst wäre es Unternehmenskommunikation. Womit die wichtigste Frage von Sommerinterviewer Heiko Paluschka an Lorenzo Klingbeillini eigentlich denkbar einfach gewesen wäre: Warum sollte jemand, der einst SPD gewählt hat, zurückkommen? Was bietet ihm die SPD heute an, das er nur dort bekommt?
Darauf hat offenbar niemand in der SPD eine Antwort. Auch Lorenzo Klingbeillini nicht. Nicht im neuen Sat.1-Format "Politpromis unter Palmen" jedenfalls. Bis jemand eine gefunden hat, bleibt die SPD eine Partei mit bemerkenswertem historischem Erbe, aber schwindender Kundschaft. Zwölf Prozent. Geht das so weiter, muss Klingbeil beim nächsten Sommerinterview nicht mehr erklären, wie er die AfD politisch stellen will, sondern weshalb sie inzwischen fünfmal so viele Wähler hat. Andererseits: Vielleicht wäre das endlich eine Frage, auf die "Wir müssen die Menschen mitnehmen" nicht als Antwort durchgeht. Es sei denn natürlich, Sat.1 verlegt das nächste Sommerinterview in einen Bus.