Politik

Maßlosigkeit bei der Awo Luxusschlitten, Filz und Traumgehälter

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Die Awo-Zentrale in Frankfurt am Main.

(Foto: picture alliance/dpa)

Immer mehr Details kommen in der Awo-Affäre in Hessen ans Licht. Maßlosigkeit, Filz und Politiker-Klüngel suchen ihresgleichen. Der Bundesverband spricht von einem Einzelfall. Doch das stimmt nicht.

Seit Wochen steht der Awo-Kreisverband Frankfurt am Main massiv in der Kritik. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen Betrugs und Untreue mit Geldern der Stadt. Eine Zusammenfassung dessen, was bisher bekannt ist:

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann war bis 2012 bei der Awo angestellt. Dort hatte er einen gut bezahlten Posten, der nicht wieder besetzt wurde, nachdem er ins Rathaus wechselte. Seine Freundin Zübeyde fing 2015 bei der Awo an. Zwei Jahre später - inzwischen war sie mit Feldmann verheiratet - kassierte sie nach Recherchen des "Spiegels" als Leiterin einer Kita ein Gehalt, wie es Kolleginnen und Kollegen in dieser Stellung sonst erst nach rund 17 Berufsjahren bekommen. Hinzu kam ein Dienstwagen, den sie auch privat und auch in der Elternzeit nutzen durfte. Die Frankfurter Awo sagte dem "Spiegel" dennoch, das sei "angemessen".

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Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann und seine Frau Zübeyde.

(Foto: picture alliance/dpa)

Offenbar zeigte sich der Frankfurter Awo-Verband grundsätzlich bei Dienstfahrzeugen sehr großzügig. Eine stellvertretende Geschäftsführerin bekam demnach einen SUV mit 435 PS im Wert von mehr als 80.000 Euro. Einer ihrer Kollegen nutzte einen Mercedes AMG mit mehr als 300 PS im Einsatz für Arme, Alte und Pflegebedürftige.

Awo-Chef kassierte 300.000 Euro Gehalt

Der inzwischen zurückgetretene Frankfurter Awo-Chef Jürgen Richter soll ein Jahresgehalt von mehr als 300.000 Euro kassiert haben. Zudem soll er nach Recherchen der "Bild"-Zeitung die Nutzung seiner privaten Jaguar-Limousine der Awo mit monatlich rund 4500 Euro in Rechnung gestellt haben. Richter war aber nicht nur Chef der Frankfurter Awo, sondern auch stellvertretender Vorstand der Awo in Wiesbaden und in dieser Funktion für die Kontrolle der Geschäftsführung zuständig. Seine Ehefrau Hannelore Richter war eben diese Geschäftsführerin.

Die Personalkosten für Hannelore Richter belaufen sich dem "Spiegel" zufolge auf 344.000 Euro jährlich. Zudem war Frau Richter als "Sonderbeauftragte der Geschäftsführung" wiederum im Verband ihres Mannes tätig. 2014 stellte die Chefin der Awo-Wiesbaden der Awo-Frankfurt eine Rechnung mit Honorarforderungen von 140.000 Euro aus.

Designierter Nachfolger für Hannelore war Richters Sohn Gereon. Nach den ersten Enthüllungen über den Klüngel in Hessen teilte der jedoch mit, doch nicht mehr für den Job zur Verfügung zu stehen. Auch Vater Jürgen hat sich inzwischen zurückgezogen. Er scheide "in einer derart schwierigen Situation nicht leichten Herzens aus dem Amt", schrieb Richter vergangene Woche in einem Brief, der der "Frankfurter Rundschau" vorliegt. Mit seinem Rücktritt nach 27 Jahren im Amt reagiere er auch auf die "ständigen personalisierten Angriffe in den Medien auf mich und meine Familie". Bei dem Rücktritt handele es sich nicht um ein Schuldeingeständnis. Gleichwohl habe er Fehler gemacht.

Bevor Sohn Gereon Chef der Wiesbadener Awo werden sollte, waren er, seine Mutter und sein Vater als Gesellschafter einer Firma namens "Consowell" eingetragen. Chefs der Firma, die "Beratungen für das Management im Sozial- und Gesundheitswesen" anbietet, sind laut Handelsregister Murat Burcu und Panagiotis Triantafillidis.

100.000 Euro Gehalt als Student

Burcu ist nebenbei noch Geschäftsführer der Awo Wiesbaden. Dort verdient er nach eigenen Angaben 12.500 Euro brutto monatlich. Über die Firma wurde nach Angaben des "Wiesbadener Kurier" 2017 ein Beratervertrag mit einem Volumen von 72.000 Euro geschlossen. Anwalt Triantafillidis war Richters Vize-Geschäftsführer und soll der Awo in manchen Jahren Honorarrechnungen in Höhe von bis zu 344.000 Euro jährlich ausgestellt haben.

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Ex-Awo-Chef Jürgen Richter auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2011.

(Foto: www.imago-images.de)

Auch Murats Bruder Taylan Burcu war nach Angaben der "Frankfurter Rundschau" früher Awo-Funktionär in Wiesbaden. Inzwischen sitzt er für die Grünen im Landtag. Der Politiker leitete nach Angaben des hessischen Landtages von Mai bis Dezember 2018 eine Awo-Tochterfirma namens Pro Serve GmbH. Er bestreitet, von den Missständen bei der Awo gewusst zu haben. Im Handelsregister allerdings war der Grünen-Politiker bis zum Juni 2019 eingetragen. Derzeit überprüft der Landtag die Überschneidung. In dem Parlament sitzt Taylan Burcu im Sozial- und Integrationsausschuss und als Obmann im Unterausschuss für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung. In beiden Gremien werden wichtige Entscheidungen gefällt, die den Geschäftsbereich der Awo berühren.

Der Frankfurter Oberbürgermeister und der Landtagsabgeordnete Taylan Burcu sind aber offenbar nicht die einzigen Kontaktpunkte der Affäre zur Politik. Nach Recherchen des "Hessischen Rundfunks" steht auch die ehemalige Frankfurter Juso-Sprecherin Myrella Dorn weit oben auf der Gehaltsliste. Sie studiert nach eigenen Angaben zwar noch, leitet bei der Awo in Frankfurt aber bereits eine Abteilung mit 36 Mitarbeitern. Auch sie wurde mit einem Dienstwagen bedacht, berichtet der Sender. Dass sie schon zu Studienzeiten eine derart steile Karriere macht, könnte daran liegen, dass sie für die SPD im Sozialausschuss des Frankfurter Stadtparlaments sitzt und dort an Entscheidungen beteiligt ist, die für die Awo wichtig sind.

"Das schadet der Awo in ganz Deutschland"

Ein erstaunliches Gehalt kassiert auch der Pressesprecher der Awo Frankfurt, der nach Angaben des "Hessischen Rundfunks" noch an der Hochschule Darmstadt studiert. Sein Monatsverdienst lag demnach im September 2018 bei 7825 Euro brutto, zuzüglich Dienstwagen. Auch er engagiert sich politisch bei der Frankfurter SPD.

"Das schadet der Awo in ganz Deutschland", sagte Präsident Wilhelm Schmidt zu den Berichten über überhöhte Gehälter und luxuriöse Dienstwagen. Er sprach von "Verfehlungen, die wir nicht hinnehmen können." Veruntreutes Geld wolle sich der Bundesverband "bis zum letzten Cent" zurückholen. Der zuständige Bezirksverband habe bei der Aufsicht versagt. Zudem kritisierte er zögerlichen Aufklärungswillen. Zwei Tage lang hatten Prüfer mit dem Präsidium und Mitarbeitern des Frankfurter Kreisverbands gesprochen, sagte Selvi Naidu, die Leiterin des Prüfungsteams. Da nicht alle Unterlagen geliefert worden seien, habe bisher aber noch nicht alles geprüft werden können.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege befürchtet wegen der Affäre einen Imageschaden für alle Wohlfahrtsverbände. "Das beschäftigt uns sehr", sagte Gerhard Timm, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft, der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist absolut ein Thema und auch sehr rufschädigend - nicht nur für die Awo, sondern für die Freie Wohlfahrtspflege insgesamt." Er plädierte allerdings auch dafür, "die Kirche im Dorf zu lassen": In den freien Wohlfahrtsverbänden in Deutschland - zu denen neben der Awo zum Beispiel auch die Caritas oder die Diakonie gehören - arbeiten Timm zufolge bundesweit 1,7 Millionen Menschen. In Relation dazu seien eine Handvoll Personen, "die sich vielleicht verantwortungslos verhalten haben", Einzelfälle.

Einzigartig ist der Fall nicht

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es eine vergleichbare Affäre. Dort wurde im März 2019 der frühere Geschäftsführer des Awo-Verbands Müritz, Peter Olijnyk, zu 390.000 Euro Schadenersatz verurteilt. Er hatte sich nach Auffassung des Gerichts gemeinsam mit Vorstandschef Götz-Peter Lohmann gegenseitig üppige Gehaltsverträge verschafft - mit hohen sechsstelligen Summen. Wie genau das Geld veruntreut wurde, das beschäftigt im Schweriner Landtag seit 2017 einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Angesichts der deutlich schwerwiegenderen Vorwürfe in Frankfurt und Wiesbaden, könnte es wohl auch in Hessen zu einer Aufarbeitung im Landtag kommen.

Quelle: ntv.de