Politik
Ein Blick in das Innere des saudischen Konsulats.
Ein Blick in das Innere des saudischen Konsulats.(Foto: AP)
Mittwoch, 17. Oktober 2018

Endete so Khashoggis Leben?: Medien präsentieren angebliche Morddetails

Von Issio Ehrich

Der mutmaßliche Mord an Jamal Khashoggi dauerte sieben Minuten. Das berichtet das Internetportal "Middle East Eye". Der regierungskritische Journalist wurde demnach bei lebendigem Leib zerteilt. Auch andere Medien liefern Einzelheiten.

Die Internetseite "Middle East Eye" veröffentlicht eigenen Angaben zufolge die "ersten Details" aus Tonbandaufnahmen, die die Ermordung Jamal Khashoggis dokumentieren sollen. Das Portal beruft sich auf eine türkische Quelle, die das Band in voller Länge gehört habe. Die Reporter von "Middle East Eye" hatten selbst keinen Zugriff auf die Audiodatei.

Dem Bericht zufolge wurde Khashoggi bei seinem Besuch des saudischen Konsulats in Istanbul Anfang Oktober vom Büro des Generalkonsuls in dessen Arbeitszimmer gezerrt und dort auf einen Tisch gelegt. "Grauenhafte Schreie" seien daraufhin zu hören gewesen, sagte die Quelle von "Middle East Eye" und verwies auf einen Zeugen "unten" ("downstairs"). Der Mord Khashoggis dauerte dem Bericht zufolge sieben Minuten.

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Das Internetportal "Middle East Eye" wird von vielen Journalisten, Politikern und Menschenrechtlern gelesen, die sich mit dem Nahen Osten beschäftigen. Die Schilderungen der türkischen Quelle, auf die sich das Portal beruft, sind aber zumindest mit Zweifeln behaftet. Wer der Zeuge sein soll, der "unten" Schreie hörte, bleibt offen. Genauso die Frage, warum ein Zeuge, der sich offenbar nicht im selben Raum befand, eine Rolle auf der Tonbandaufnahme spielt, die den Mord an Khashoggi dokumentiert.

Mit Informationen zum Fall Khashoggi ist vorsichtig umzugehen. Die Türkei und Saudi-Arabien sind Rivalen im Ringen um den Führungsanspruch unter sunnitischen Muslimen. Die diplomatischen Beziehungen der Staaten sind noch aus einer ganzen Reihe anderer Gründe angespannt. Zugleich steckt die türkische Führung womöglich in einem Dilemma. Aus Ankara war zu hören, dass türkische Geheimdienste über Ton- und Videoaufnahmen verfügen, die den Mord Khashoggis dokumentieren. Dass die türkische Führung die Informationen, über die sie verfügt, nur stückchenweise über Medien verbreitet, könnte einen pikanten Grund haben: Sie will nicht preisgeben, wie sie das Konsulat eines fremden Staates auf türkischem Boden ausspioniert. Aus diesem Grund, das vermuten Kenner, wird dieser Tage auch die Theorie gestreut, dass die Tonbandaufnahme mit Hilfe einer Apple Watch aufgezeichnet worden ist, die Khashoggi getragen haben soll. Von den Videoaufnahmen ist vielleicht auch deshalb derzeit keine Rede mehr.

Die durchgestochenen Informationen der Türkei wirken also entweder dubios, weil sie erfunden sind, um Saudi-Arabien unter Druck zu setzen. Oder sie wirken so zweifelhaft, weil sie wahr sind, die Türkei aber verschleiern will, wie sie an diese Informationen gelangt ist. Natürlich sind auch weitere Erklärungen möglich.

"Wenn ich diese Arbeit mache, höre ich Musik"

Laut dem Bericht von "Middle East Eye" gab es mit Verweis auf die türkische Quelle keine Versuche, Khashoggi zu verhören, bevor er ermordet wurde. "Sie sind gekommen, um ihn zu töten." Die Schreie Khashoggis hörten angeblich auf, als diesem eine Spritze mit einer unbekannten Flüssigkeit injiziert wurde. Dem Bericht zufolge begann dann Salah Muhammad al-Tubaigy, der als hochrangiger Rechtsmediziner im saudischen Innenministerium identifiziert wurde, Khashoggis noch lebenden Körper zu zerteilen.

Als Al-Tubaigy Khashoggis Körper zersägte, habe er sich Kopfhörer aufgesetzt und den anderen Anwesenden empfohlen, dies ebenfalls zu tun. "Wenn ich diese Arbeit mache, höre ich Musik, ihr solltet das auch tun", soll er laut der Quelle gesagt haben.

Die Schilderungen des Informanten von "Middle East Eye" wirken detailliert. Und sie decken sich mit einem Bericht des "Wall Street Journal". Das türkische Blatt "Yeni Safak" schildert allerdings einen abweichenden Ablauf der angeblichen Tat. Die Zeitung berichtete, saudi-arabische Agenten hätten dem regierungskritischen Journalisten während eines Verhörs die Finger abgeschnitten und ihn später enthauptet. "Middle East Eye" und "Wall Street Journal" hatten angegeben, dass es kein Verhör gegeben habe.

Diese Diskrepanz könnte noch von großer Bedeutung sein. Einem Bericht von CNN zufolge will die Führung in Riad eine Erklärung abgeben, nach der Khashoggi bei einem schiefgelaufenen Verhör ums Leben gekommen sei.

"Macht das draußen, ihr werdet mir Probleme bereiten"

"Yeni Safak" liefert vor diesem Hintergrund auch eine brisante Information, die in den anderen Berichten nicht vorkommt. Auf der Aufnahme sage der Generalkonsul Saudi-Arabiens, Mohammed al-Otabi: "Macht das draußen, ihr werdet mir Probleme bereiten." Er sagte angeblich auch: "Wenn ihr leben wollt, seid leise." Al-Otaibi verließ am Dienstag Istanbul in Richtung Riad.

Brisant ist dieses Detail, weil die saudische Führung abstreitet, über die Vorgänge im Konsulat informiert gewesen zu sein. US-Präsident Donald Trump sprach nach einem Gespräch mit König Salman bin Abdulaziz Anfang der Woche davon, dass "schurkenhafte Killer", die nicht im Auftrag Riads gearbeitet haben, für den Mord verantwortlich zeichnen könnten. Beweise gibt es bisher nicht. Das gilt aber auch für die Darstellung, die Ankara lanciert.

Anonymen türkischen Quellen zufolge ist weiterhin davon die Rede, dass ein 15-köpfiges "Killerkommando" nach Istanbul gekommen sei, um Khashoggi zu ermorden. Unter den Männern war angeblich auch der Rechtsmediziner Al-Tubaigy, der Khashoggi mit der Knochensäge zerteilt haben soll. In der Nacht zu Dienstag durchsuchten türkische und saudische Ermittler zusammen das Konsulatsgebäude. Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach danach von möglichen Spuren "giftiger Substanzen", die es nun zu analysieren gelte. Diese Spuren seien überstrichen worden, sagte er. Er hoffe auf Ergebnisse, die helfen, eine Meinung zu bilden. Mit Schuldzuweisungen hielt Erdogan sich zurück.

Sicher ist in diesem Fall derzeit also nur eines: Der regierungskritische Journalist Khashoggi hat am 2. Oktober das Konsulat seines Heimatlandes Saudi-Arabien in Istanbul betreten. Er wollte ein Dokument für seine Heirat mit der Türkin Hatice Cengiz abholen. Laut Cengiz kam er nicht wieder heraus.

Quelle: n-tv.de