Politik

Gewalt, Missbrauch, Verrat Meine Familie, die Stasi und ich

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Angela Marquardt im Juli 2014.

(Foto: picture alliance / dpa)

Angela Marquardt ist ein Vorzeigegesicht der PDS, bis 2002 ihre Stasi-Akte gefunden wird, die eine Verpflichtungserklärung als IM enthält. Inzwischen ist Marquardt bei der SPD, doch ihre DDR-Vergangenheit lässt sie nicht los.

Die Geschichte von Angela Marquardt lässt sich auf verschiedene Weisen erzählen. Eine ist: Angela Marquardt, ein DDR-Kind, das in der Bundesrepublik Politkarriere machte. Eine andere: Angela Marquardt, die Stasi-IM, die schon als Jugendliche für das MfS spitzelte. In ihrem Buch "Vater, Mutter, Stasi" erzählt Marquardt die Geschichte noch einmal ganz anders: Angela Marquardt, das vielfach missbrauchte Kind einer Stasi-Familie.

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Marquardts Buch ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen und kostet 14,99 Euro.

Dafür geht Marquardt in ihre Kindheit im Greifswald der 1980er-Jahre zurück. Dort wächst die Frau auf, die später als PDS-Vorzeigepunk das politische Berlin erobert. Eine Idylle am Meer sind die ersten Lebensjahre Marquardts jedoch nicht. Die Mutter, eine Staatsbürgerkundelehrerin, ist von Anfang an mit Marquardt und ihren kleineren Geschwistern überfordert. Später findet Marquardt in ihrer Stasi-Akte einen Brief ihrer Oma, in dem diese schreibt, dass die kleine Angela ein paar Tage bei ihr war und die Mutter "es offenbar nicht eilig gehabt hätte, das Kind wieder abzuholen".

Der Vater, Ingenieur im DDR-Vorzeigeatomkraftwerk Lubmin, ist ein Sadist. Er presst die Hand seiner Tochter auf den heißen Metalldeckel der Waschmaschine, in der Kochwäsche läuft. Er hält Angela kopfüber über die Balustrade der Greifswalder Marienkirche. Marquardt erinnert sich noch Jahrzehnte später an die Todesangst und daran, dass "jegliche Form von nicht funktionieren ein Vergehen" war.

Als das Mädchen acht ist, lassen sich die Eltern scheiden. Der neue Mann an der Seite der Mutter ist Chortenor am Theater in Greifwald und bringt einen eher "unkonventionellen Lebensstil" in die Familie. Angela ist der erste Pfefferkuchen in "Hänsel und Gretel" und darf in Tschechows "Kirschgarten" sogar singen, Theaterfreunde kommen ins Haus, es wird viel gefeiert.

Verstörende Geschichten

Der Stiefvater hat jedoch auch noch eine andere Seite, die Angela in einer Pension auf Rügen, kennenlernt. "Dort missbrauchte er mich", schreibt Marquardt. Und Rügen sei nur der Beginn gewesen. In den folgenden Jahren missbraucht der Stiefvater Angela, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Das Kinderbett, jeder Raum der Wohnung wird zum gefährlichen Ort, an dem der Stiefvater die Gewalt an dem Mädchen zelebriert. Dabei singt er "Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind …" von Nino de Angelo oder "Ich wünsch die Liebe ohne Leiden …" von Udo Jürgens. Natürlich soll die Neunjährige der Mutter nichts erzählen, "wenn ich nicht wollte, dass sie unglücklich wird". Es wird Jahre dauern, bis Angela ihren Vergewaltiger schließlich stoppen kann.

Nach außen stimmt jedoch die Fassade der sozialistischen Vorzeigefamilie. Es sind häufig Freunde zu Gast, es wird auch viel getrunken. Angela Marquardt funktioniert perfekt, sie schmiert Brote für die Geschwister, bringt sie in den Kindergarten und holt sie auch wieder ab. Sie geht zum Judotraining und lernt brav an der Lenin-Schule mit erweitertem Russischunterricht. Dafür darf sie am Leben der Erwachsenen teilhaben.

Die Freunde der Eltern seien die ersten männlichen Bezugspersonen gewesen, "die mir nichts antaten. Dafür schleuderte ich ihnen mein Herz entgegen." Was Angela Marquardt zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Ihre Mutter, ihr Vater, ihr Stiefvater, ihr Opa und auch all die netten Freunde am Küchentisch sind bei der Stasi, manche hauptberuflich, manche als IM. Die Vierzimmer-Wohnung in der Greifswalder Maxim-Gorki-Straße dient als konspirative Wohnung, um sich mit Informanten zu treffen. So kommt zu Gewalt, Alkohol und Missbrauch auch noch das Spitzelsystem der Staatssicherheit mit all seinen Perversionen hinzu.

Verdrängt und vergessen

Mit 16 kann Marquardt ins Internat fliehen, der Rest der Familie zieht nach Frankfurt/Oder. Da hat sie bereits mit ihrer Kinderschrift und Kugelschreiber die Verpflichtungserklärung geschrieben. Unter dem Pseudonym "Katrin Brandt" verpflichtet sie sich, "den mir bekannten Mitarbeiter" über alle das MfS interessierenden Fragen zu informieren. Zur Wahrung von "Konspiration, Wachsamkeit und Geheimhaltung" sei sie belehrt worden. Bis heute hat Marquardt keine Erinnerung daran, wo und wie sie diese 13 Zeilen geschrieben hat.

Für die Recherchen zum Buch hat sie jeden Fetzen Papier gesucht, der mit ihr und ihrer Familie zu tun haben könnte. 2002 lagen dem Bundestag lediglich fünf Blätter vor, am Ende hatte Marquardt über 100 Seiten zusammengetragen. Sie nennt es "mein Leben, wie die Stasi es sah".  Es sind heikle Fragen, auf die Marquardt in diesem Papierkonvolut nach Antworten sucht. War sie wirklich eine Täterin? Wie weit hat die Stasi in ihr Leben eingegriffen? Hat die Mutter sie unterstützt, weil sie ihre Mutter war oder weil es ihrem Stasi-Auftrag entsprach? War es ihr eigener Wunsch, Theologie zu studieren, oder hat ihr das die Stasi eingeredet? Hat sie wirklich Spitzelberichte über ihre Mitschüler Silke und David geschrieben?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht immer eindeutig und schon gar nicht leicht zu finden. Erinnerungen sind eine schwierige Materie, manches hat sich anders zugetragen, als die Stasi es aufgeschrieben hat. Vieles ließe sich auch dann nur schwer rekonstruieren, wenn alle Beteiligten es aufrichtig versuchen. Sowohl der Vater als auch der Stiefvater sind tot, der eine hat sich umgebracht, der andere hat sich totgesoffen. Die Angaben der Mutter sind widersprüchlich. Die früheren Stasi-Leute geben kaum Auskunft. So bleiben Marquardt am Ende einige Ungewissheiten. Wusste die Stasi vom Missbrauch in der Familie? Wurde Angela gar gezielt ausgesucht, weil sie schon traumatisiert und deshalb möglicherweise leichter zu beeinflussen war?

Marquardt scheut sich nicht, sich intensiv selbst zu befragen. Sie lässt Scham und Schuld zu und versucht trotzdem, der jüngeren Version ihrer selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. So hat die Frau, die hinter den Kulissen für die Zukunft von rot-rot-grünen Bündnissen arbeitet, ihren Teil dazu getan, dass das DDR-Unrecht in all seinen Ausmaßen ein bisschen mehr begriffen wird.

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Quelle: n-tv.de