Politik

Wie schaffen sie das in Charkiw? Von der Kunst, das Leben zu genießen - im Krieg

08.03.2026, 15:39 Uhr 6d612840-d481-4c7d-9138-8a2e83199fdbVon Uladzimir Zhyhachou
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Sonnenuntergang an einem Sommertag in Charkiw. Der Panzer ist ein Monument aus dem Zweiten Weltkrieg. (Foto: AFP)

Russische Raketen schlagen ein, Strom und Heizung sind Mangelware, Freunde sterben. Und doch trinken Menschen Wein, gehen ins Theater, feiern Feste. In Charkiw zeigt sich: Wer sich keine kleinen Fluchten schafft, hält den Krieg kaum aus.

Es ist Spätsommer, die Sonne scheint. Eine Gruppe junger Menschen hängt auf einem Grundstück in der Natur ab. Unter den Bäumen stehen minimalistische Gartenmöbel mit Vintage-Sonnenschirmen, es wird gegessen, getrunken, getanzt und gelacht. Wer dieses Video auf Instagram sieht, denkt an irgendein kleines Festival bei Berlin - und doch findet das Ganze keine vierzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt statt, mitten im Krieg. In der Nähe von Charkiw.

Die Szene spielt sich auf einem Grundstück ab, das den Betreibern der Bar "Shvili Shvili" gehört, einer der angesagtesten Adressen in der Charkiwer Innenstadt. Pawlo und Jewhen, beide Mitte dreißig, bauen dort saisonales Obst und Gemüse an, das sie in ihrer Bar für Cocktails und georgisch inspirierte Tapas verwenden. 2018 übernahmen die beiden Ukrainer das georgische Lokal und gestalteten es nach ihrem Geschmack um. Nach dem Beginn der Vollinvasion flohen sie in die Westukraine - kehrten aber nach sechs Monaten zurück.

Ihre Bar überstand die Angriffe. "Das Gebäude gegenüber lag aber in Schutt und Asche", sagt Pawlo in einem Videogespräch, während er an der Bar sitzt. "Aber es wurde in ein paar Monaten wieder aufgebaut. Bei uns gibt es dieses Phänomen, dass in der Innenstadt alles schnell repariert wird und man kaum noch Kriegsspuren sieht."

Seit ihrer Rückkehr servieren Pawlo und Jewhen ihren Gästen wieder selbstgemachte Liköre, georgischen Wein und kleine Speisen – vor allem aber Normalität. Einen Hauch von Dolce Vita mitten im Krieg. Ohne ihn kann man hier nicht überleben. Ohne ihn dreht man durch.

"Katastrophen-Touristen werden hier enttäuscht"

Charkiw, zweitgrößte Stadt der Ukraine mit vor dem Krieg etwa eineinhalb Millionen Einwohnern, steht andauernd unter Beschuss. Russische Raketen brauchen gerade einmal dreißig Sekunden vom Abschuss bis zum Einschlag. Wenn draußen Sirenen heulen, schreckt niemand mehr auf. "Es macht keinen Sinn, in den Keller zu laufen", sagt Pawlo. "Bist du erst irgendwo versteckt, ist die Rakete schon explodiert."

In den ersten Kriegstagen drangen russische Truppen in die Stadt vor, es kam zu Straßenkämpfen. Ukrainische Freiwillige und die Armee verhinderten die Besatzung. Seitdem wird die Stadt regelmäßig beschossen.

Die primären Ziele: Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser. Erst in der Nacht auf Samstag starben bei einem russischen Angriff auf einen Wohnblock mindestens elf Menschen, darunter zwei Kinder. 2025 wurden in der Ukraine so viele Zivilisten getötet wie seit 2022 nicht mehr. Die Region Charkiw ist besonders schwer betroffen, sie liegt hinter Donezk und Cherson auf Platz drei. Hinzu kommt: Wie in jedem Winter zerstört Russland gezielt die Wärmeversorgung - Zivilisten erfrieren buchstäblich in ungeheizten Wohnungen.

Auch in der Bar von Pawlo und Jewhen fällt immer wieder Strom und Heizung aus. "Wir haben keinen Generator, aber eine Ecoflow-Batterie, damit können wir Snacks zubereiten", sagt Pawlo. Die Abschaltungen nimmt er inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit hin. Als er gesehen habe, dass Bars in Kiew einfach Fässer aufstellten, Feuer entzündeten und sich darum wärmten, habe er gedacht: "Bei uns ist noch alles okay."

Ein großer Teil der Gäste seien Soldaten, die in Charkiw stationiert sind oder für ein paar Tage von der Front kommen, um sich zu erholen. Der Kontrast könnte kaum krasser sein: In Kupjansk, anderthalb Autostunden von Charkiw entfernt, verläuft die Frontlinie, dort toben seit Beginn der Invasion heftige Kämpfe. In der Bar "Shvili Shvili" gibt es für einen kurzen Moment das Gefühl von Normalität.

Obwohl die Bar offiziell um 23 Uhr schließt, werde auch danach gefeiert - wer es bis zur Sperrstunde um Mitternacht nach Hause schaffe, bleibe gerne etwas länger, sagt Pawlo. Beim Gespräch vermittelt Pawlo den Eindruck, dass er einem zeigen möchte: In Charkiw funktioniert vieles, wenn man nicht meckert und selbst anpackt. Und es ist kaum zu übersehen, dass er auf seine Stadt stolz ist. Die Ruinen in der Innenstadt seien zum Großteil wieder saniert, sagt er. "Katastrophen-Touristen werden hier enttäuscht."

Kindheit unter der Erde

Am nördlichen Stadtrand aber sieht es ganz anders aus. Im Stadtteil Saltiwka, einst einer der bevölkerungsreichsten Bezirke der Stadt, sei "alles in Grund und Boden gebombt", sagt Ira Ganzhorn von der Menschenrechtsorganisation Libereco - Partnership for Human Rights e.V.. Die gebürtige Charkiwerin lebt heute in Berlin, ist aber regelmäßig in ihrer Heimatstadt unterwegs - beruflich, aber auch, weil dort viele Verwandte und Freunde geblieben sind.

Anfang 2023 eröffnete Libereco im Keller einer Schule in Saltiwka ein unterirdisches Kinderzentrum. "Hier gibt es Kinder, die schon in der fünften Klasse sind und noch nie eine Schule von innen gesehen haben", sagt Ira. Erst die Pandemie, dann der Krieg. Unterricht findet online oder im Keller statt, oben ist es zu gefährlich. Viele Kinder hätten kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. "All diese sozialen Prozesse - wie füge ich mich in eine neue Gruppe ein, wie löse ich Konflikte - das lernen sie nicht", sagt Ira.

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Ira Ganzhorn arbeitet bei der Menschenrechtsorganisation Libereco. Die NGO betreibt in Charkiw ein unterirdisches Kinderzentrum. (Foto: privat)

Es kommen Kinder vom Vorschulalter bis zu Abiturienten. Die Jüngsten spielen, lernen Sprachen, schnitzen Kürbisse zu Halloween und verkleiden sich zum Karneval. Die Älteren bekommen Nachhilfe, spielen Brettspiele, reden. Pädagogen und Psychologen hätten immer ein offenes Ohr - einen Raum, um über Jugendprobleme zu sprechen, erklärt die NGO-Mitarbeiterin. Für Teenager in einem Land, in dem seit Jahren Krieg herrscht, sei das besonders wichtig. "Sie haben kaum eine Vorstellung von Zukunft", sagt Ira. "Wie soll man sich Gedanken über Berufe oder Studium machen, wenn man nicht weiß, ob man morgen noch lebt?"

Die genaue Adresse werde aus Sicherheitsgründen nur Eltern und Mitarbeitenden mitgeteilt. Rund 120 Kinder nähmen an den Angeboten teil, die meisten kämen regelmäßig. Viele von ihnen kennten kaum etwas anderes als die eigene Wohnung und die Familie. "Wenn sie das erste Mal kommen, flippen manche aus, sobald die Eltern gehen", erzählt Ira. "Sie sind es einfach nicht gewohnt, Zeit außerhalb der Wohnung zu verbringen."

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Das Kinderzentrum befindet sich in einem Keller. Wo genau, wissen nur Mitarbeiter und Familien.

Was diese Kinder wissen und fühlen, geht weit über ihr Alter hinaus. Ira erinnert sich an Mischa, den sechsjährigen Sohn einer Freundin. Sein Vater sei Soldat, die Mutter Abteilungsleiterin bei einer NGO. "Er hat einmal die ganze Nacht durchgeweint", erzählt Ira. "Der Papa kämpft, die Mama hilft - und ich bin nur ein nutzloses kleines Kind."

Kurz nach dem russischen Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk im April 2022, bei dem 57 Menschen starben, standen sie gemeinsam am Bahnsteig in Uschhorod unweit der slowakischen Grenze. Mischa fragte: "Werden wir jetzt auch getötet wie in Kramatorsk?" Ira hält kurz inne. "Was sagt man einem Kind, das weiß, dass die Gefahr real ist?"

Dass Kinder aus dem Zentrum Elternteile verlieren, sei ein "sehr weit verbreitetes Phänomen, leider", sagt Ira. "Wir hatten vor kurzem einen Jungen, dessen Vater an der Front getötet wurde. Es war sehr schwierig, das Kind psychologisch wieder zu stabilisieren."

"Wir können ihnen kein vollständiges Gefühl von Sicherheit geben", sagt Ira. "Aber dadurch, dass wir im Keller sind und bei Luftalarm nicht ständig unterbrechen müssen, entsteht zumindest das Gefühl, dass hier etwas weiterläuft." Ein kurzer Moment der Normalität.

Kleine Dinge genießen

Zurück im Stadtzentrum. Hier wohnt Wlad Holowko, 30 Jahre alt, PR- und Social-Media-Mitarbeiter einer ukrainischen Militäreinheit. Er komme eigentlich aus Kiew, habe sich aber nach der Mobilisierung seine Einheit selbst aussuchen können - und landete so in Charkiw, einer Stadt, in der er "eigentlich schon immer mal eine Zeit leben wollte", sagt der junge Mann in einem Videotelefonat.

In Charkiw habe er aktuell "mehr das Gefühl einer adäquaten Realität als in Kiew". In der Hauptstadt vergesse man oft, dass ein Krieg stattfindet, bis der nächste Alarm kommt. Charkiw sei zwar ebenfalls eine lebendige, schöne, interessante Stadt - aber eben eine frontnahe.

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Wlad Holowko kommt eigentlich aus Kiew, wollte aber "schon immer mal eine Zeit in Charkiw leben". (Foto: privat)

Für seine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung zahle er umgerechnet 180 Euro Miete - für Kiewer Verhältnisse lächerlich günstig. "Hier sagen mir aber Kollegen: 'Für den Preis hättest du auch was Größeres finden können.'" Doch der 30-Jährige ist zufrieden: Die Lage ist super, direkt um die Ecke sein Lieblingscafé.

Dieses sei längst zu seinem zweiten Wohn- und Arbeitszimmer geworden, erzählt Wlad. Nach der Arbeit trinke er dort Tee, treffe Freunde, spiele Schach. Cafés mit eigenem Generator seien in Charkiw auch zu Coworking-Spaces geworden. "Man kommt mit ganzen Teams. Manchmal sitzen wir hier zu sechst mit unseren Laptops und arbeiten, weil es woanders keinen Strom gibt."

Mitten im Videotelefonat fällt bei Wlad zuhause der Strom aus. "Den gibt es wahrscheinlich erst abends wieder, dann bis ein Uhr nachts. Und tagsüber für etwa zwei Stunden - das ist normal", sagt er. Doch das Wichtigste: Er hat Heizung.

Wlad erzählt von einem ungeschriebenen Gesetz in der Ukraine - frontnahe Städte würden besser versorgt als alle anderen. Während es im ganzen Land Zeitpläne für Stromabschaltungen gibt, gäbe es in Charkiw nur Ausfälle, wenn die lokale Infrastruktur beschädigt wird. Das passiert zwar ziemlich oft - und doch versuche man, frontnahe Städte am Leben zu halten. "Es ist wichtig, dass dort Zivilbevölkerung bleibt, damit Infrastruktur, Geschäfte, Post, Unternehmen weiter funktionieren" - auch um die Armee zu versorgen, die in der Nähe kämpft. "Ich lade manchmal Freunde aus Kiew ein und sage: Kommt euch aufwärmen und duschen", sagt Wlad und lacht.

Obwohl er beim Militär ist, sei es "absolut normale Büroarbeit - nur elf statt acht Stunden und ohne freie Tage". Bei diesem Pensum bleibe wenig Zeit, die Stadt zu erkunden oder ins Kino zu gehen. Wlad ist Cineast und hat vor dem Krieg bei einem Dokumentarfilmfestival in Kiew gearbeitet.

Er hat gelernt, kleine Dinge zu genießen. "Es ist schön, nach der Arbeit einfach zu Fuß nach Hause zu gehen, durch Parks und Plätze, irgendwo auf einer Bank zu sitzen, eine zu rauchen. So kann man ein bisschen runterkommen." Was er vermisst, sind seine Freunde - viele sind nicht mehr am Leben. "Wenn ich durch den Instagram-Feed scrolle und unter irgendeinem Katzen-Video das Like einer Person sehe, die es nicht mehr gibt - das haut stark rein."

Auch die nächtlichen Spaziergänge, die wegen der Sperrstunde nicht mehr möglich sind, vermisst der 30-Jährige. "Neulich erinnerte ich mich daran, wie wir nachts betrunken mit Fahrrädern durch die Stadt gefahren sind, mein Kumpel und ich. Jetzt gibt es weder die Nacht noch den Kumpel - er wurde getötet."

Theater als Therapie, Kultur als Kriegsfront

Während Wlad Ablenkung im Kino sucht, ist es für Oleksandr Plekhun das Theater, das ihm im Kriegsalltag Atem gibt. Der 27-Jährige ist Schauspieler am staatlichen Kvitka-Theater - das bis 2024 noch Puschkin-Theater hieß. Auch er wohnt im Zentrum, hatte aber weniger Glück als Wlad: Nach einem schweren Angriff Mitte Februar gebe es in seinem Haus keine Heizung mehr, sagt Oleksandr im Videotelefonat. Mit einem elektrischen Heizgerät bringe er ein Zimmer auf 15 Grad; im Rest der Wohnung seien es gerade mal acht. Gut, dass er selten zuhause ist – jeden Tag hat er Proben und Aufführungen.

"Dadurch werde ich nicht verrückt." Ohne das Theater wäre es schwer gewesen, sich über Wasser zu halten und nicht wegzubrechen. "Es ist ein Ort, wo ich mich von der Realität ablenken und mich selbst bewahren kann."

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"Ohne Kultur wird man verrückt", sagt Schauspieler Oleksandr Plekhun. (Foto: privat)

Doch die Kriegsrealität holt ihn auch dort ein. Das Theater habe keinen Generator. Fällt der Strom aus, werde mit Taschenlampen gespielt, erklärt Oleksandr. Bei Luftalarm müsse die Vorstellung unterbrochen werden - Ensemble und Zuschauer gehen in den Schutzraum. Deshalb fangen die Aufführungen früh am Abend an und ziehen sich oft in die Länge. Nur etwa die Hälfte aller Vorstellungen finde ohne Unterbrechung statt, schätzt Oleksandr.

Als die Invasion begann, schloss das Theater zunächst. Fenster flogen raus, in der Nähe schlugen Raketen ein. "Dann, nach etwa sechs Monaten, versammelten wir uns und sagten uns: Lass uns weitermachen."

Eines der neuen Stücke erzählt davon, wie die Stadt die ersten Kriegstage überlebte - eine Art Therapie-Stück, eine kollektive Reflexion für die Charkiwer. Die echten Schuss- und Explosionsgeräusche wurden durch Cartoon-Sounds ersetzt, mit eigenen Stimmen aufgenommen. Die Originale wären ein zu starker Trigger für die traumatisierte Bevölkerung, erklärt Oleksandr.

Gespielt wird ohne Worte - was das Stück universell verständlich macht. Es wurde auch schon live nach Hamburg übertragen: als gemeinsames Projekt mit dem Lichthof Theater und der deutsch-ukrainischen Künstlergruppe "Under Construction". Die Zuschauer in Hamburg saßen vor einem Bildschirm und sahen die Schauspieler in Charkiw in Echtzeit. Auf der Bühne sahen die Schauspieler gleichzeitig das deutsche Publikum.

"Theater ist das, was mir ein bisschen Geld bringt, aber auch viel Freude", sagt Oleksandr. Viel Geld bringt ihm sein Job allerdings nicht, mit seinem Lohn könne er nicht mal die Miete zahlen, deswegen sei er auf Nebenjobs angewiesen. Die Karten kosten im Schnitt umgerechnet sieben bis zehn Euro. Das Theater wird zwar vom Staat subventioniert, die Unterstützung wird aber immer weniger - im Krieg hat die Regierung andere Prioritäten.

Das sieht Oleksandr kritisch. Denn er ist überzeugt: "Kultur ist eine sehr wichtige Front, und sie muss erhalten bleiben. All diese Menschen, die das Land am Laufen halten - die Leute, die Energie liefern, Heizung, Wasser, Soldaten, Ärzte - die müssen abends ins Theater gehen können, sich was anschauen, sich ablenken. Sonst werden sie verrückt".

Quelle: ntv.de

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