Politik

Kanzlerin im Urlaub Merkel hat nie wirklich frei

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Merkel hat kaum Zeit für ein Privatleben.

(Foto: dpa)

Offiziell ist die Bundeskanzlerin im Urlaub, doch mit der Entspannung ist es bei Angela Merkel nicht so einfach. Kaum in der Uckermark angekommen, musste sie wegen des Münchner Amoklaufs schon wieder zurück nach Berlin. Denn eigentlich ist sie immer im Dienst.

Liegt Angela Merkel eigentlich mal faul auf dem Sofa? Schaut sie bis in die Puppen Fernsehen? Treibt sie Sport? Geht sie bummeln? Hat die zigfach als mächtigste Frau der Welt betitelte Kanzlerin überhaupt so etwas wie ein Privatleben? Viel erzählt sie nicht darüber. Nur eines ist sicher: Sie hat eigentlich gar keine Zeit dafür. Denn außer vielleicht Heiligabend gibt es fast keinen Tag, an dem die 62-Jährige einmal nichts machen muss - auch nicht während ihres Urlaubs, der eigentlich am Freitagabend beginnen sollte. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte noch wenige Stunden zuvor gesagt: "Die Kanzlerin ist immer im Dienst."

Auf bittere Weise wurde diese Wahrheit schon kurz darauf bestätigt. Der Amoklauf von München erfordert eine Sitzung des Bundessicherheitskabinetts im Kanzleramt. Unter Leitung von Merkel. Sie muss aus der Uckermark, wo sie gerade erst zu Hause eingetroffen war, zurück nach Berlin. Traurig und erschüttert spricht sie den Angehörigen der neun getöteten Opfer das Mitgefühl des ganzen Landes aus. Und versichert Aufklärung.

In den nächsten drei Wochen ist kein öffentlicher Auftritt Merkels als Kanzlerin geplant, aber angesichts der Krisenlage in der Welt von der Türkei bis Syrien sowie der Gewalt von Würzburg bis München dürfte die Regierungschefin täglich gebrieft werden. Abschalten sieht anders aus. Und wenn etwas Schlimmes passiert, wird sie telefonieren mit ihrem Stab in Berlin oder mit ausländischen Amtskollegen oder sich vor Kameras stellen und etwas erklären. Aber viele Bürger möchten auch wissen, wie Merkel sonst so ist. Man weiß, dass sie zum Auftakt ihres Sommerurlaubs mit ihrem Mann Joachim Sauer, beides Opernfans, oft zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele gefahren ist. Dem nach dem Amoklauf abgesagten Auftakt an diesem Montag wäre sie aber in diesem Jahr auch ferngeblieben. "Wir haben eine Absage aus terminlichen Gründen bekommen", hatte eine Sprecherin der Stadt Bayreuth bereits im Juni erklärt. Merkel komme aber später vorbei. Die Termingründe blieben unbekannt.

Seltene private Augenblicke

Gewohnheitsgemäß fährt Merkel noch zum Wandern nach Südtirol und nimmt sich zum Ende des Urlaubs Zeit zum Lesen in ihrem Haus in der Uckermark. Danach beginnt wieder so etwas wie ein Höllenprogramm: EU-Gipfel in der Slowakei, G20-Gipfel in China, Flüchtlingsgipfel in den USA. Haushaltsberatungen im Bundestag, zwei Landtagswahlen - um einen kleinen Ausschnitt nur aus dem September zu nennen.

Da macht es Schlagzeilen, wenn sich Merkel einmal wie ein ganz normaler Mensch verhält - und das auch noch öffentlich. Wie beim EU-Gipfel im Februar in Brüssel: Merkel war Pommes essen. Manchen Bürgern ist sie damit näher gekommen als mit dem ganzen Gipfel zur Flüchtlingspolitik und dem damals erst drohenden - und inzwischen beschlossenen Ausstieg - der Briten aus der Europäischen Union. Über Twitter hatten Nutzer Merkel damals gleich dafür bedauert, dass sie nicht einmal Fritten kaufen konnte, ohne erkannt und auch noch damit zum Thema zu werden. Andere ließen wissen, dass sie Merkels Politik nicht guthießen, der Kanzlerin die Pommes aber von Herzen gönnten. Um an einer Imbiss-Theke im Freien Pommes aus einer Tüte zu angeln, hatte Merkel das Machtzentrum der Europäischen Union verlassen und war zehn Minuten zu Fuß gegangen. Die Medien überschlugen sich mit Meldungen dazu. Geht sie auch Kleidung kaufen? Schuhe jedenfalls sichtet sie erst im Internet, wie sie einmal verriet. "Da kann man schon mal vorgucken." Denn: "Mir sehen ziemlich viele Leute zu. Aber manchmal setze ich mich auch hin und probiere an."

Keine Kabinenselfies in Frankreich

Im Supermarkt wurde sie einmal an der Kasse um ein Autogramm gebeten und ihr Mann soll moniert haben, dass man mit ihr nirgendwo unbemerkt hingehen könne. Wie sie wirklich ist, wissen nur wenige, und die sprechen nicht darüber. So bleiben seltene Momente in der Öffentlichkeit, die Hinweise darauf geben, was sie mag, wofür sie sich begeistert, wie sie eben so ist als Mensch. Nicht als Kanzlerin. Etwa im Fußballstadion, wenn sie der Nationalmannschaft zujubelt. Dann hat sie meistens eine Brille auf, reißt die Arme nach oben, wenn ein Tor fällt, oder ruft Ooooooohhhh, wenn etwas schief geht. Anschließend geht sie auch mal in die Kabine und lässt ein Foto mit den Spielern machen - und Selfies natürlich.

Bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich in diesem Sommer war sie aber kein einziges Mal. Keine Zeit. Zu viel los im Kanzleramt. Handwerker, die im Kanzleramt etwas reparieren mussten, berichten überrascht, die Kanzlerin habe extra den Fahrstuhl angehalten, damit sie mit ihr nach oben fahren konnten. In Berlin sahen sie Bürger schon mit Finanzminister Wolfgang Schäuble im Kino und mit Unionsfraktionschef Volker Kauder (beide CDU) im Theater. Oder mit ihrem Mann bei der Vorführung des DDR-Kultfilms "Paul und Paula", Merkels Lieblingsfilm. Der Quantenchemiker gilt als öffentlichkeitsscheu. Er ist zu keiner der drei Vereidigungen von Merkel als Kanzlerin gekommen.

Und wie ist Merkel nun Zuhause, wie sammelt sie Kraft, tankt auf? Sie backt gern Pflaumenkuchen, hat sie mal erzählt. Oder liest an einem freien Sonntagvormittag Zeitungsartikel, wozu sie während der Woche nicht gekommen ist. Dazu hört sie klassische Musik. Manchmal geht sie ein Stündchen uckermärkische Luft schnappen. Und manchmal schaut sie auch einfach nur aus dem Fenster.

Quelle: ntv.de, Kristina Dunz, dpa