Politik

Kanzlerin im Wohlfühlmodus Merkel macht sich Schulhof-Freunde

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Freundlicher Empfang bei Sonnenschein: Merkel auf dem Schulhof der Jane-Addams-Oberschule.

(Foto: dpa)

Fernab der harten Debatten hat die Kanzlerin viele Freunde. Die zeigen sich auch bei einem Besuch an einer Schule im Berliner Stadtteil Friedrichshain.

Politik kann so nett sein. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel auf den Schulhof in Berlin-Friedrichshain, hunderte Schüler lächeln sie an, wollen Selfies mit ihr machen. Das kennt Angela Merkel, das kann sie inzwischen. Dann singt der Schulchor ihr ein Lied: "You've got a friend" von Charles Taylor. "When you're down and troubled … and nothing, oh nothing is going right … You've got a friend". Wenn alles den Bach runtergeht, so ließe sich das übersetzen, hast du einen Freund. An der Jane-Addams-Oberschule hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nichts zu befürchten. Hier will sie mit Schülern zu Europathemen ins Gespräch kommen, sich Inspiration holen, wie die junge Generation tickt.

Sie tickt überraschend Merkel-freundlich. "Ich mag sie persönlich, finde ihre Politik gut und würde sie wählen", sagt etwa der Elftklässler Viky, der an der Schule sein Abitur ablegen möchte. Er freut sich darauf, die mächtigste Frau der Welt mal aus der Nähe zu sehen. Ihre Entscheidungen in der Flüchtlingskrise findet er "vorbildlich", sie hätte sich nur besser mit ihren Partnern absprechen müssen. Einwanderung bedeutet für Viky Bereicherung, Deutschlands Grenzen sollten offenbleiben. Dass ein 16-Jähriger aus dem linksgrünen Friedrichshain - mit solchen Ansichten - die CDU wählen würde, ist ein ganz guter Gradmesser für die Metamorphose, die die Partei durchgemacht hat.

Vereinzelt gibt es jedoch auch Protest. Einige Schüler halten Plakate hoch, fordern bessere Bezahlung. An der Schule können junge Menschen ihr Abitur ablegen – und gleichzeitig eine Ausbildung zum Erzieher absolvieren. Ein Beruf, bei dem während der Ausbildung in der Regel draufgezahlt werden muss, ähnlich wie bei Physiotherapeuten oder Logopäden. Danach winken auch nicht unbedingt üppige Gehälter.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion in der Schulaula entgegnet eine Schülerin auf Merkels Frage, was sie denn einmal verdienen werde: "1000 Euro netto im Anerkennungsjahr". Die Kanzlerin zieht die Mundwinkel herunter. Es gebe derzeit einen "Prozess, in dem das Bewusstsein steigt" für die Bedeutung dieser Berufe. Aber die geringe finanzielle Wertschätzung sei ebenso wenig nachvollziehbar, wie die Tatsache, dass Erzieher-, Logopäden- oder Physiotherapie-Azubis während der Ausbildung draufzahlen müssten, während "ihr Kumpel, der Dachdecker, schon 1000 Euro netto verdient", sagt die Regierungchefin. Merkel ist seit 2005 Kanzlerin, Gelegenheiten dazu, etwas zu verändern, hätte es schon genug gegeben.

Ein bisschen Distanz zu Macron

Aber eigentlich sollte ja auch über EU-Themen gesprochen werden. "Sagen Sie mir, was Ihnen nicht gefällt", fordert Merkel. Den Schülern gefällt etwa nicht, dass Erzieher aus dem EU-Ausland nicht in Deutschland arbeiten können und vor allem umgekehrt Arbeitgeber im EU-Ausland zum Teil nicht wissen, was eine deutsche Berufsausbildung ist. "Das ist mangelhaft", befindet die Kanzlerin. "Was bei Bachelor- und Masterprogrammen noch nicht komplett angeglichen ist, ist bei Ausbildungen noch sehr schwierig". Sie verspricht, das Thema "an die entsprechenden Stellen" weiterzugeben. Mehr Wertschätzung – auch finanzieller Art – hat die Regierung sich im Koalitionsvertrag vorgenommen. Das Problem der Vergleichbarkeit von Berufsbildern findet in dem Vertragswerk jedoch keine Erwähnung.

Umso intensiver will sich die Regierung unter dem Druck einer erstarkenden AfD dem Thema Zuwanderung und Flüchtlinge widmen. Einer, der vor drei Jahren vor dem Krieg aus Syrien nach Deutschland floh, stellt auch eine Frage. "Ich darf bleiben, aber meine Freunde aus Afghanistan müssen zurück", sagt Mohammed. Dort herrsche auch Krieg und er verstehe nicht, warum die Asylverfahren so lange dauerten. Merkel ist bemüht um eine pragmatische Antwort. "Bei den Afghanen muss etwa die Hälfte zurück", sagt sie. Die Regierung arbeite momentan an einem neuen Sicherheitsbericht. Aber man könne das Land nicht als generell "unsicher" einstufen, wenn deutsche Soldaten dort für Sicherheit sorgten.

Bei einem Bürgerdialog vor zwei Jahren brach das kleine Mädchen Reem aus dem Libanon bei einer ähnlichen Frage in Tränen aus, Merkel wirkte überfordert. Daraus hat sie gelernt und lenkt die Unterhaltung schnell wieder weg von Mohammeds Freunden, die leider abgeschoben werden. Stattdessen spricht sie dem jungen Mann Mut zu, lobt ihn für seine Deutschkenntnisse.

Am Ende entlocken die Schüler der Kanzlerin neben allen Absichtserklärungen dann doch noch eine kleine Neuigkeit. Auf die Frage, welche Gemeinsamkeiten sie mit dem französischen Emmanuel Macron habe, entgegnet sie, dass sie "in allen grundsätzlichen Fragen" einer Meinung seien - bis eben auf die Frage, wie es mit der Gemeinschaftswährung weitergehen solle. "Wo wir manchmal mit unterschiedlichen Akzenten rangehen, das ist die Frage, wie geht es weiter mit dem Euro". Das hat sie in dieser Klarheit bisher noch nicht gesagt.

Und mit diesem sanft-polarisierenden Zitat ist dann auch die Spitze der Kontroverse bei diesem sehr freundlichen Termin erreicht. Merkel und ihre Entourage geben noch ein, zwei Selfies, besteigen wieder die schwarzen Limousinen und fahren zurück in den Teil von Berlin, in dem es für die Kanzlerin nicht immer so versöhnlich ist.

Quelle: ntv.de

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