Miliz zieht Land in den KriegBefreit der Libanon sich jetzt von der Hisbollah?
Von Frauke Niemeyer
Die Hisbollah hat mit ihrem Angriff auf Israel den Libanon mit in den Krieg im Nahen Osten hineingezogen. Doch der Miliz bricht zunehmend ihre Gefolgschaft weg, viele haben genug von den Iran-treuen Terroristen.
Für einen kurzen Moment hätte man denken können, die Hisbollah habe es verstanden. Als Israel und die USA am Wochenende ihre Angriffe gegen den Iran flogen, kam von der Terrormiliz aus dem Libanon eine Kondolenzbotschaft. Ein abscheuliches Verbrechen sei die Tötung von Ajatollah Ali Chamenei, man selbst zur Vergeltung verpflichtet. Aber: Es flogen keine Raketen und es bestand die minimale Chance, dass das auch so bleiben könnte.
Doch zu sehr hängen die schiitischen Terroristen am Tropf der Teheraner Mullahs, als dass sie nach kühler Analyse ihrer eigenen militärischen Fähigkeiten im Vergleich zu denen Israels zum Schluss gekommen wären: Sich hier einzumischen, hat überhaupt keinen Zweck. Jede Rakete, die wir über die Grenze schicken, wird ein zigfaches militärisches Echo aus Israel provozieren.
Israel weitet die Offensive aus
Einige Stunden dauerte es, dann flogen in der folgenden Nacht die ersten Raketen in Richtung des verhassten südlichen Nachbarn. Sie zielten nicht auf Ballungsgebiete, sondern wenig besiedeltes Gelände - und provozierten doch die erwartbare Reaktion. 160 Ziele wollen die israelischen Streitkräfte (IDF) seit Montag im Libanon beschossen haben. Inzwischen hat Israel seine Offensive noch ausgeweitet. Um im Südlibanon, der an Israel angrenzt, eine Pufferzone zu errichten, rückten IDF-Soldaten auf gegnerisches Territorium vor.
Die IDF forderten die Bewohner aus Dutzenden Dörfern im Südlibanon auf, ihre Heimat zu verlassen und im Norden des Landes Schutz zu suchen. Kolonnen von Autos schieben sich seither auf der zentralen Nord-Süd-Trasse in Richtung Beirut, das im Zentrum des Libanons liegt, oder noch weiter nach Norden. Denn auch Beirut selbst steht unter Beschuss, die südlichen Stadtbezirke sind von der Hisbollah kontrolliert und damit ein Ziel der IDF.
Bislang scheinen die Israelis ihre Luftschläge auf Hisbollah-Ziele auszurichten, doch werden unter den nach libanesischen Angaben mindestens 40 Todesopfern auch Zivilisten sein. "In vielen Teilen der Stadt geht das Leben relativ normal weiter", sagt Kristian Brakel, der das Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung leitet. Zumal die Bevölkerung des kleinen Landes bedrohliche Situationen gewöhnt ist. Erst 2024 schloss die Hisbollah einen Waffenstillstand mit dem Staat Israel. Dem waren monatelange Raketenhagel beider Seiten vorausgegangen, weil die Hisbollah der in Gaza bedrängten Hamas zu Hilfe kommen wollte und Israel quasi täglich mit Artillerie, Raketen oder Drohnen angriff. "Als der Raketenbeschuss aus Israel am Samstag losging, sprach ich mit vielen Freunden über den Angriff. Deren Reaktion war meistens: 'Ahja, Krieg? Okay'. Die Leute hier sind leider einiges gewohnt, auch weil es schon vor Ausbruch des Krieges fast tägliche Angriffe aus Israel gab."
Viele reichere Libanesen fliegen dennoch zur Sicherheit aus, die Maschinen, die vom Beiruter Flughafen abheben, sind überbucht. Manche Mittelschichtler beziehen vorübergehend ihre Wochenendhäuser in den nahegelegenen Bergen. Es trifft - wie so häufig - die armen Schichten. Zwar hat die Stadtverwaltung Notunterkünfte in Schulen eingerichtet, aber vielen Flüchtlingen bleibt trotzdem nur das Übernachten auf der Straße. Sie haben fast all ihr Hab und Gut im Süden zurückgelassen und stehen mit nahezu nichts da. Ob es jemals eine Rückkehr gibt, ob dann von ihren Häusern noch etwas steht - niemand kann es vorhersehen.
So sehr die Libanesen die immer wiederkehrenden Angriffe der Israelis ablehnen, zum jetzigen Zeitpunkt könnten sie auch Impulsgeber für einen Umbruch werden. Einer, in dessen Zuge sich das Land womöglich von der Knute der Hisbollah befreien könnte. Denn die Terrorgruppe hat den libanesischen Staat seit Jahrzehnten in der Mangel. In vielen Teilen des Landes agiert sie wie eine Mafia. Staatlicher Service wird ausgebremst, um selbst an ziviler Versorgung zu verdienen.
Hisbollah bietet Schutz gegen Israel
In den von der Miliz kontrollierten Zonen agiert sie als Staat im Staat, stellt medizinische und soziale Versorgung, betreibt ein eigenes Bankensystem, ein Netzwerk von Institutionen. "Wenn Sie in Beirut in einen Hisbollah-Stadtteil geraten, müssen Sie das nicht per Karte feststellen oder jemanden fragen", sagt Brakel. "Sie sehen das sofort im Stadtbild: Überall hängen Fahnen oder Plakate vom getöteten Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, von iranischen Führungsfiguren. Die Aussage ist klar: Hier haben wir das Sagen."
Zugleich bietet die Hisbollah den einzigen halbwegs funktionierenden Schutz gegen Israel. Die libanesische Armee ist in diesem Kräfteverhältnis kein Faktor. Doch die Miliz nutzt ihre Macht im eigenen Interesse und willkürlich. Politische Gegner wurden in den vergangenen Jahren reihenweise ausgeschaltet. Die gigantische Explosion im Beiruter Hafen 2020 ging auf falsch gelagertes Ammoniumnitrat zurück. Diesen Stoff benutzt die Hisbollah für Terroranschläge. Das Wohl der Libanesen ordneten die schiitischen Kämpfer immer dem guten Draht zu Syriens Assad-Regime und den Mullahs im Iran unter.
Vor zwei Jahren allerdings überspannten sie den Bogen. Die Angriffe auf Israel in den Monaten nach dem Hamas-Massaker zwangen den Libanon in einen militärischen Konflikt, den die Mehrheit der Bevölkerung ablehnte. Man hielt die Einmischung für unnötig und unklug und litt unter Israels massiver Antwort. "Gerade diese letzte Militäraktion 2024 haben viele Libanesen der Miliz sehr übel genommen", sagt Brakel.
Gegenwind gibt es nicht nur aus anderen Glaubensrichtungen, von denen es im Libanon sehr viele gibt, sondern auch aus Reihen der Schiiten selbst. Die Gebiete im Süden des Landes waren auch vor dem Evakuierungsbescheid der Israelis schon weitgehend ausgedünnt. Die israelischen Raketen hatten ein ziviles Leben dort fast unmöglich gemacht, der südliche Streifen wurde permanent von Drohnen des Nachbarn kontrolliert. "Das ist tatsächlich unter Schiiten eine neue Entwicklung", sagt Nahostexperte Brakel, "dass manche sagen: Seit anderthalb Jahren kommen wir nicht in unsere Dörfer zurück und jetzt zieht uns die Hisbollah in den nächsten Krieg hinein. Die muss jetzt endlich weg."
Parallel dazu wächst auch der Widerstand in der Politik. Während das Reformkabinett in Beirut bislang keine Möglichkeit sah, die Hisbollah zu entwaffnen, entschied es am Montag, alle Aktivitäten der Hisbollah jenseits der politischen Arbeit zu verbieten. "Im Prinzip ist das eine Art Terrorlistung", so Brakel.
Das trifft die Miliz in einer Phase, in der aus dem Iran immer weniger Geld und Waffen kommen - auch, weil Syrien als Transitland nicht mehr zur Verfügung steht. Doch noch hat die Terrorgruppe nicht alle Macht im Land verloren, das wissen auch die Regierenden. Wie eine Entwaffnung aussehen könnte, ist völlig unklar. Bei starkem Widerstand der Schiiten könnte auch ein neuer Bürgerkrieg entstehen und das wirtschaftlich gebeutelte Land ins Chaos stürzen.