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Brüssels Problemviertel Molenbeek hat seinen Ruf zu Recht

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Brutstätte und Gewächshaus des Islamismus – so wird der Brüsseler Stadtteil Molenbeek spätestens seit den Terroranschlägen in Frankreich und Belgien bezeichnet. Was ist dran?

In ganz Brüssel suchen die Fahnder an diesem 22. März. Aber an dem Tag, an dem IS-Terroristen mehr als 30 Menschen ermorden, führen die Spuren dann doch wieder nach Molenbeek-Saint Jean. In jenen Bezirk, der so etwas ist wie ein real existierendes Klischee. Das Viertel wird den Ruf nicht los, Heimat einer Parallelgesellschaft, Brennpunkt und Hochburg der Islamisten zu sein – und das nicht zu Unrecht.

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Heute ab 20.15 Uhr zeigt n-tv die vierteilige Doku "Molenbeek - Brüssels Stadtteil des Terrors" des belgischen Journalisten Eric Goens.

Die Drahtzieher der Anschläge in Casablanca (2003) und Madrid (2004) waren Stammgäste im Molenbeeker Islamischen Zentrum in der Rue du Manchester. Mehdi Nemmouche, der 2014 ein Blutbad in einem jüdischen Museum in Brüssel anrichtete, wohnte ebenfalls in dem Viertel. 2015 beschaffte sich einer der Charlie-Hebdo-Attentäter die Waffen in Molenbeek. Der Drahtzieher der Paris-Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, stammte ebenso von hier wie seine Komplizen, die Brüder Abdeslam. Als Salah Abdeslam in der vorvergangenen Woche von der Polizei gefasst wurde, geschah das – natürlich - in Molenbeek.

Nach den Anschlägen gedachten viele Einwohner der Gemeinde der Opfer, Bilder zeigen viele Muslime mit Kerzen und Beileidsbekundungen. Das Problem ist: Die Aufnahmen von kreisenden Polizeihubschraubern und schwer bewaffneten Sondereinheiten bleiben wohl länger in den Köpfen. Es ist schwer, ein einmal erworbenes Image wieder loszuwerden.

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Auf einem zentralen Platz in Molenbeek gedachten die Einwohner am 18. November der Opfer der Anschläge in Paris.

(Foto: AP)

Schon nach den Anschlägen im November in Paris hatte Belgiens Premier Charles Michel gesagt: "Ich stelle fest, dass es fast immer eine Verbindung nach Molenbeek gibt, dass es dort ein gigantisches Problem gibt." Nun ist der Bezirk erneut in aller Munde. Er ist das Symbol für die Terrorgefahr in Europa. Das einstige Arbeiterviertel grenzt im Westen an das Brüsseler Stadtzentrum. Knapp 100.000 Menschen wohnen hier, 80 Prozent davon haben einen Migrationshintergrund, die meisten sind Muslime. Der größte Teil der Einwanderer hier stammt aus Marokko. Die Mieten sind niedrig, fast jeder Dritte ist arbeitslos, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 42 Prozent, das Durchschnittsalter beträgt 34. Ein Bezirk voll mit unzufriedenen jungen Männern, die häufig auch schlecht integriert sind. Eine gefährliche Mischung und der ideale Nährboden für Terrorzellen und Hassprediger.

"Er ist der Emir, der Anführer"

Auch Khalid Zerkani, Spitzname "Weihnachtsmann", wohnte lange in dem Viertel. Er gilt als Kopf einer Terrorzelle und soll jahrelang Männer für den Dschihad angeworben haben. Auch mit dem Paris-Drahtzieher Abaaoud und dem Brüsseler Selbstmordattentäter Najim Laachraoui stand er in engem Kontakt. Insgesamt sollen mehr als 30 Männer unter Zerkanis Einfluss gestanden haben. "Er ist der Emir, der Anführer", beschrieb ein Mitangeklagter seine Rolle gegenüber den belgischen Behörden. Zurzeit sitzt Zerkani im Gefängnis, im vergangenen Jahr wurde er zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Dass Belgien offenbar anfällig ist für Islamismus, belegt auch eine Zahl: 800 Menschen sind von hier aus in den Krieg nach Syrien gezogen, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen – im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr als in jedem anderen europäischen Land. Ob es die Entwicklung begünstigt, dass Belgien seit Jahrzehnten günstigeres Öl aus Saudi-Arabien erhält und dafür die Unterhaltung von Koranschulen und Moscheen gestattet? Der belgische Senator Alain Destexhe schrieb im Sommer in der Zeitung "Le Figaro": "Im Namen der Religionsfreiheit und der Multikulturalität haben es die belgischen Behörden radikalen Gruppen viel zu lange erlaubt, sich zu entwickeln."

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Mitglieder einer muslimischen Gemeinde beim Freitagsgebet in der Attadamoun Moschee

(Foto: REUTERS)

Auch nach den Anschlägen in Brüssel werben Dschihadisten in Molenbeek offensiv um Nachwuchs. Den Angaben eines belgischen Kommunalpolitikers zufolge wurden am Osterwochenende SMS an junge Menschen verschickt. "Mein Bruder, warum folgst Du uns nicht in den Kampf gegen die Westler? Triff die richtige Wahl in Deinem Leben." Was kann man dagegen tun? Schon vor den Anschlägen entwickelte die Stadt einen Plan, stellte Hunderte zusätzliche Lehrer und Sozialarbeiter ein. Das Ziel: Radikalisierung präventiv entgegenwirken. Doch Bezirksbürgermeisterin Francoise Schepmans sagt selbst, bis solche Programme echte Erfolge zeigen könnten, dauere es Jahre.

Gibt es nicht überall in Europa Problemviertel?

Die komplizierte Verwaltungsstruktur Brüssels macht es nicht leichter. Die Stadt hat 19 Bürgermeister und sechs konkurrierende Polizeibehörden. Auch darauf führen deutsche Politiker die Ermittlungspannen im Zusammenhang mit den Attentaten zurück. Trotz Warnungen aus der Türkei wegen Verbindungen zu Dschihadisten ließen die belgischen Behörden einen der Brüssel-Attentäter wieder aus der Haft frei. Nach Hinweisen des FBI sollen die Niederlande das Nachbarland noch Mitte März über Terrorpläne der Bakraoui-Brüder informiert haben.

Aber: Ist Molenbeek eine Ausnahme? Gibt es nicht überall in Europa Problemviertel, in den Vororten von Paris und Marseille, in Duisburg, in spanischen und italienischen Städten? In Frankreich gebe es viele Molenbeeks, sagt etwa der französische Polizeigewerkschafter Patrice Ribeiro. Der französische Untersuchungsrichter Marc Trevidic sagt, man mache sich keine Vorstellung davon, wie schwierig es sei, in diesen Quartieren in eine Wohnung zu gelangen, um zum Beispiel Abhörmikrofone anzubringen. "Man wird überall beobachtet, Tag und Nacht. Es ist unmöglich, hier ein Auto abzustellen. Es handelt sich um Zonen der Ausschließung, in die kein Mensch, der nicht zur Gemeinschaft gehört, eindringen kann."

Molenbeek ist überall - viele europäische Politiker streiten das in diesen Tagen ab. "Solche Islamistenhochburgen haben wir bei uns nicht", sagt Berlins Innensenator Frank Henkel. Der sozialistische französische Städtebauminister erklärte, hundert Viertel in Frankreich hätten Ähnlichkeit mit Molenbeek, und löste in seiner Partei damit einen heftigen Streit aus. Mit dem belgischen Schmuddelkind mag in diesen Tagen niemand in eine Schublade gesteckt werden.

Quelle: n-tv.de

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