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Schwere Vorwürfe gegen Israel Moskau beklagt Abschuss einer Il-20

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Russisches Militärkontingent in Syrien auf der Basis Hmeimim: Der kurzfristig angekündigte Luftschlag kostet 15 Russen das Leben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für die Besatzung des russischen Seeaufklärers vom Typ Il-20 besteht keine Hoffnung mehr: In Moskau gehen die Militärs davon aus, dass die Maschine ins Feuer der syrischen Luftabwehr geriet. Israel soll dafür verantwortlich sein. Dessen Armee bestreitet die Vorwürfe.

Ein Zwischenfall im Luftraum vor der syrischen Küste droht die Beziehungen zwischen Israel und Russland massiv zu belasten: Die russische Regierung macht einem Agenturbericht zufolge die israelische Luftwaffe für den Abschuss eines russischen Militärflugzeugs durch die syrische Luftabwehr verantwortlich. Die 15-köpfige Besatzung des viermotorigen Seefernaufklärers sei aufgrund eines "unverantwortlichen" Vorgehens Israels gestorben, meldete die russische Agentur RIA unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau.

Russland behalte sich das Recht vor, auf das "feindliche" Vorgehen Israels zu reagieren, hieß es. Details dazu stehen noch aus. Wie RIA weiter meldete, wurde die russische Maschine vom Typ Iljuschin Il-20 nach Darstellung des Verteidigungsministeriums versehentlich von der syrischen Luftabwehr abgeschossen. Israelische Piloten hätten das Flugzeug jedoch in die Richtung der syrischen Einheiten gelenkt. Der genaue Ablauf des Unglücks ist noch unklar. Von der russischen Militärbasis Hmeimim aus wurde noch in der Nacht eine Such- und Rettungsaktion gestartet, um etwaige Überlebende ausfindig zu machen.

Am Morgen hatte es zunächst noch geheißen, das viermotorige Flugzeug gelte als vermisst. Wrackteile oder andere sichere Belege für den Verbleib wurden bislang noch nicht gefunden. In ersten Berichten war zunächst nur von 14 Personen an Bord der Unglücksmaschine die Rede.

Erste Befürchtungen, der russische Aufklärer könnte durch Abwehrraketen der Israelis oder durch Geschosse einer in der Nähe stationierten französischen Fregatte zum Absturz gebracht worden sein, bestätigten sich nicht. Stattdessen schlossen sich die russischen Stellen ersten Darstellungen aus US-Militärkreisen an, denen zufolge das Flugzeug in das Abwehrfeuer syrischer Flak-Geschütze geraten sein dürfte.

Israel weist Verantwortung von sich

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Eine Il-20 der russischen Streitkräfte: Die viermotorige Turboprop-Maschine kann als Aufklärer zur elektronischen See- und Luftraumüberwachung eingesetzt werden.

(Foto: © Dmitry Terekhov (CC BY-SA 2.0))

Das russische Verteidigungsministerium erhebt dennoch schwere Vorwürfe gegen Israel: Das israelische Militär habe Russland erst eine Minute vor Beginn des Luftangriffs auf Ziele in Syrien über die bevorstehende Militäroperation in der Region unterrichtet. Die Zeit habe nicht ausgereicht, um das russische Aufklärungsflugzeug, das sich auf dem Rückflug von einem Einsatz über dem Mittelmeer befand, in Sicherheit zu bringen.

Russland hatte zuvor mitgeteilt, den Kontakt zu der Aufklärungsmaschine gegen Mitternacht (Ortszeit) verloren zu haben. Die Besatzung der Il-20 war offenbar mitten in den mutmaßlich israelisch-französischen Überraschungsangriff auf syrische Einrichtungen nahe der syrischen Hafenstadt Latakia geraten. Unweit der Provinzhauptstadt Latakia liegt auch der russische Luftwaffenstützpunkt Hmeimim.

Die israelische Armee sieht die Verantwortung für den Abschuss hingegen allein bei der syrischen Regierung. "Israel hält zudem Iran und die Hisbollah-Terrororganisation für diesen unglücklichen Vorfall für verantwortlich", hieß es in einer Stellungnahme. Israel drückte zugleich Trauer über den Tod der Mannschaft des russischen Flugzeugs aus.

Nach eigenen Angaben griff die israelische Luftwaffe eine Einrichtung der syrischen Armee an. Von dort hätten kurz darauf für den Iran Systeme zur Herstellung von präzisen und tödlichen Waffen zur Schiiten-Miliz Hisbollah in den Libanon transportiert werden sollen. "Mit diesen Waffen hätte Israel angegriffen werden sollen, und damit stellten sie eine nicht zu tolerierende Bedrohung gegen (das Land) dar", hieß es in der Mitteilung.

Luftangriff bei Latakia

Israel und Russland hätten ein System zur Konfliktvermeidung, das sich bewiesen habe in den vergangenen Jahren. Dieses sei auch in der Nacht genutzt worden, hieß es. Eine erste Untersuchung des Vorfalls lege zudem nahe, dass israelische Kampfflugzeuge bereits in ihrem heimischen Luftraum gewesen seien, als die syrische Armee schoss. Während Israel seinen Angriff wiederum in Syrien geflogen sei, sei das russische Flugzeug nicht in dem Gebiet gewesen.

Das von Israel angegriffene Latakia liegt rund 300 Kilometer nördlich des nächstgelegenen israelischen Luftwaffenstützpunkts - inmitten des von den russischen Streitkräften kontrollierten Gebiets. Dass Israel hier mit knapper Vorwarnzeit einen Luftschlag mit eigenen Kampfjets wagt, löste in Fachkreisen großes Aufsehen aus.

Über den Hafen von Latakia laufen große Teile des militärischen Nachschubs für das russische Kontingent in Syrien. In der nahe gelegenen Militärbasis Hmeimim befindet sich das Hauptquartier der russischen Truppen in Syrien. Hmeimim ist der wichtigste Stützpunkt Russlands in Syrien, das im Bürgerkrieg die Regierungstruppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad unterstützt.

Tarnkappen-Jets im Einsatz?

Der mutmaßlich israelisch-französische Luftschlag ereignete sich in der Kernzone des russischen Einflussbereichs in Syrien. Die gesamte Region wird - abgesehen von den syrischen Flakkanonen - auch von russischen Luftabwehreinheiten geschützt, die mit den modernsten Radarsystemen russischer Bauart ausgestattet sind. Früheren Angaben zufolge sind dort unter anderem auch Luftabwehrraketen vom Typ S-400 stationiert.

Vor Beginn der großen Idlib-Offensive hatte das russische Militär zudem zusätzliche Kriegsschiffe vor der Küste zusammengezogen. Ein Vertreter der israelischen Luftwaffe hatte sich im Frühjahr noch damit gebrüstet, mit den neuen Stealth-Jets vom Typ F-35 "überall im Nahen Osten" Einsätze fliegen zu können.

Die Tarnkappen-Bomber scheinen diesmal aber nicht beteiligt gewesen zu sein: Bei dem Luftschlag auf Ziele nahe Latakia sollen die Israelis nach Angaben aus US-Militärkreisen vier konventionelle F-16-Kampfjets eingesetzt haben. Das israelische Militär wollte dazu keine Stellungnahme abgeben.

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Quelle: n-tv.de, mmo/fzö/dpa/rts

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