Politik

Wütende Proteste gegen "Charlie Hebdo" Muslime im Niger zünden Kirchen an

2015-01-17T152118Z_1044400881_GM1EB1H1SQF01_RTRMADP_3_FRANCE-SHOOTING-NIGER.JPG2568433615443544449.jpg

Er ist nicht Charlie: Demonstrant in Nigers Hauptstadt Niamey.

REUTERS

Die Mohammed-Karikatur in der jüngsten Ausgabe der Satirezeitung "Charlie Hebdo" sorgt weiter für Aufruhr in muslimischen Ländern. Im Niger setzen Demonstranten Kirchen in Brand. In Marokko wurde dagegen eine Extremisten-Zelle zerschlagen.

Bei Protesten gegen die Mohammed-Karikatur der jüngsten "Charlie Hebdo"-Ausgabe ist es im westafrikanischen Niger erneut zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. In der Hauptstadt Niamey ging die Polizei mit Tränengas gegen Hunderte muslimischer Demonstranten vor, die mit Steinen warfen. Vor der größten Moschee gingen zwei Polizeiautos in Flammen auf, nachdem ein von Muslimen angekündigter Demonstrationszug verboten worden war.

In mehreren Städten wurden katholische Kirchen angezündet. In Zinder, der zweitgrößten Stadt der ehemaligen französischen Kolonie, kamen nach Polizeiangaben fünf Menschen bei Protesten gegen die Karikatur um. In Niamey verbrannten Demonstranten im Stadtzentrum eine französische Flagge und errichteten Straßenblockaden. Die französische Botschaft rief ihre Landsleute auf, nicht auf die Straße zu gehen.

Ausschreitungen in Pakistan und Algerien

Auch in anderen früheren französischen Kolonien wie Mali, dem Senegal und Mauretanien hatte es Proteste gegeben, die aber friedlich verliefen. Ausschreitungen gab es dagegen auch in Pakistan und in Algerien. Frankreichs Präsident Francois Hollande rief dazu auf, die Rede- und Meinungsfreiheit auch in anderen Ländern zu achten. Es gebe Spannungen in Ländern, in denen die Menschen Frankreichs Verbundenheit mit diesem Grundrecht nicht verstünden.

Im Zuge der Razzien gegen Islamisten in Europa meldet nun auch Marokko einen Ermittlungserfolg. Das Innenministerium des nordafrikanischen Landes hat mitgeteilt, dass die Sicherheitsbehörden eine Extremisten-Zelle mit Kontakten zur radikalen Miliz Islamischer Staat (IS) zerschlagen hätten. Die acht Mitglieder seien in mehreren Städten aktiv gewesen und hätten Kämpfer zum IS in den Irak und nach Syrien geschickt. Den Marokkanern sei dort der Umgang mit Waffen und die Herstellung von Sprengsätzen beigebracht worden. Sie sollten nach ihrer Rückkehr in ihrer Heimat Anschläge verüben. Fast 2000 Marokkaner haben nach Informationen aus Sicherheitskreisen in Syrien und dem Irak an der Seite des IS gekämpft. Rund 200 seien in ihre Heimat zurückgekehrt, und sämtliche von ihnen seien verhaftet worden - zumeist bei ihrer Ankunft mit dem Flugzeug.

"Ihr werdet zur Hölle fahren"

Unterdessen haben Unbekannte das französische Kulturzentrum in Gaza beschmiert. Vermutlich als Reaktion auf die Veröffentlichung der Mohammed-Karikatur durch das Satiremagazin "Charlie Hebdo" sprühten sie auf die Mauer: "Ihr werdet zur Hölle fahren, französische Journalisten". Zuvor hatte die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas die Darstellung des weinenden Propheten Mohammed kritisiert. Am Freitag hatten hunderte Palästinenser auf dem Tempelberg in Jerusalem gegen die Karikatur demonstriert.

Am Mittwoch war die erste Ausgabe des Satireblatts "Charlie Hebdo" seit den Anschlägen zweier französischer Islamisten auf die Pariser Redaktion erschienen. Die Attentäter töteten zwölf Menschen, die meisten davon Mitarbeiter des Blattes. Die Zeitung ist wegen ihrer generellen religionskritischen Haltung und der Mohammed-Karikaturen bekannt. Nach Ansicht vieler Muslime sind Darstellungen des Propheten generell verboten. Auf der neuen Ausgabe ist eine Darstellung Mohammeds zu sehen, der ein Schild mit dem weit verbreiteten Solidaritätsaufruf "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) hält. Über dem Mohammed-Bild steht: "Tout est pardonné" ("Alles ist vergeben").

Die neue Ausgabe soll in einer Auflage von sieben Millionen Exemplaren statt der sonst etwa 60.000 erscheinen. In Frankreich war das Blatt am Mittwoch binnen Minuten ausverkauft. Auch in Deutschland, wo das Blatt erst an diesem Samstag ausgeliefert wurde, war die Ausgabe rasch vergriffen. Auf dem Berliner Hauptbahnhof standen in den frühen Morgenstunden etwa 100 Interessenten an - zu kaufen gab es aber nur zwei Exemplare. Eine Kiosk-Betreiberin im Berliner Stadtteil Neukölln sagte, sie habe etwa 50 Vorbestellungen von Kunden gehabt. Der Pressevertrieb habe ihr 20 Ausgaben zugesagt - geliefert worden sei nur eine. "Ich habe gehört, dass der Großteil der Auflage einfach in Frankreich geblieben ist, damit die Franzosen erst mal versorgt werden", sagte Ladenbesitzerin Claudia Britzke. Für Deutschland waren etwa 5000 Exemplare angekündigt worden statt der üblichen einigen Dutzend.

Quelle: n-tv.de, tno/sgi/rts/dpa

Mehr zum Thema